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Tonart | Beitrag vom 07.06.2019

Posthumes Album von Whitney HoustonSchluss mit der Leichenfledderei toter Stars!

Von Jenni Zylka

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Whitney Houston auf der Bühne, lacht und streckt die Hände aus. Sie trägt ein silbernes Glitzerkleid und darüber einen grünen Pelzmantel. (imago / ITAR-TASS )
Whitney Houston ist seit 2012 tot, dennoch soll bald ein neues Album von ihr veröffentlicht werden. (imago / ITAR-TASS )

Whitney Houston, Avicii und John Lennon eint: Sie sind tot und dennoch werden Songs unter ihrem Namen veröffentlicht. Wer tot ist, den soll man ruhen lassen, das sollte auch für Musiker und ihre Musik gelten, kommentiert Musikredakteurin Jenni Zylka.

So, "Back from the dead", der neue Song von Whitney Houston, obwohl - Moment mal - ich vertue mich da gerade, Whitney Houston kann das nicht sein, oder? Die ist doch leider bereits 2012 verstorben und singt nicht mehr.

Aber wieso, frage ich mich, ist denn dann ein neues Album angekündigt? Und sogar eine Tour? Ist sie vielleicht gar nicht tot, sondern "undead"?

Es verdienen nur die Hinterbliebenen

Nein, selbst unter Berücksichtigung sämtlicher religiöser oder auch satanistischer Befindlichkeiten steht eines fest: Frau Houston ist und bleibt verschieden. Dennoch soll schon bald ein neues Album herauskommen und Houston bei einer Livetournee als 3D-Hologramm, begleitet von ihrer alten Backing Band, durch die Welt reisen.

Aber dass ihre Schwägerin und Nachlassverwalterin Pat Houston nun behauptet, Whitney hätte das Konzept einer Hologramm-Tour geliebt, genau wie Roy Orbison übrigens, dessen Hologramm schon zum zweiten Mal ganz ohne Backstage-Pass und Hotelzimmerbedarf durch die Lande zieht, dieses Mal sogar gemeinsam mit dem nach 60 Jahren Grabesruhe computerreanimierten Buddy Holly, das haben die Starmusiker wirklich nicht verdient. Im wahrsten Wortsinn – verdienen tun nur die Hinterbliebenen.

Cranberries wollen nicht ohne Dolores weitermachen

Huch, wer singt denn da so schön? Und ist auch leider bereits verstorben?

Dolores O’Riordan steht mit nach oben gereckten Armen auf der Bühne, in einer Hand hält sie ein Mikrofon. (imago images / PanoramiC / Renaud Joubert)Sie war die Stimme der "Cranberries": Dolores O’Riordan (1971-2018) auf der Bühne (imago images / PanoramiC / Renaud Joubert)

Ein neues Album der irischen Cranberries, die ja eigentlich nach dem tragischen Tod von Dolores O’Riordan im Januar 2018 keine Sängerin mehr hatten, erschien just vor ein paar Wochen. Allerdings wird "In the End", eine Platte mit Material, das die Frontfrau kurz vor ihrem Tod einsang, auch ein finaler Abschiedsgruß bleiben, eine Hologrammtour ist anscheinend nicht in Sicht.

Es gibt keinen Grund, ohne Dolores weiterzumachen, das sagte der Cranberries-Gitarrist Noel Hogan. Vielleicht sogar mit ein bisschen schlechtem Gewissen. Denn egal inwiefern Musiker und Sängerinnen tatsächlich üblicherweise an ihrer eigenen Musikproduktion beteiligt sind – es ist einfach schlechter Stil, sie zu übergehen und ihnen posthum Musik anzuhängen, die sie vielleicht gar nicht so wollten. Also: Schämen Sie sich, Sir Paul McCartney!

Abgeschlossenes sollte man ruhen lassen

John Lennon, dessen Pilotgesang auf diesem posthum 1995 für die Beatles Anthology veröffentlichten Song zu hören war, rotiert vermutlich seit Jahren in seinem Grab. Zurecht: Abgeschlossenes sollte man ruhen lassen, bei aller Sehnsucht nach neuem Material und allen potenziellen Verkaufserfolgen. Musikgeschichte künstlich verlängern – ohne Zeitmaschine ist das eben nicht möglich.

(MICHEL CLEMENTZ / DPA)Im April 2018 verstorben: DJ Avicii beim Festival Electrobeach 2017 (MICHEL CLEMENTZ / DPA)

Und hier noch so ein Ding: Soeben ist auch ein neues Album von Avicii erschienen, dem schwedischen DJ und Musikproduzenten, der im April 2018 überraschend starb. Darauf zu hören unter anderem der Song, an dem Avicii arbeitete, den er aber nicht fertigstellte, und der nach seinem Tod von einem Kollegen eingesungen wurde.

Sich nicht über einen kreativen Kopf hinwegsetzen

Die Einnahmen aus dem Verkauf des Albums gehen zwar an eine Stiftung, die den Namen des Musikers trägt. Schön ist das alles dennoch nicht, wenn man sich über einen kreativen Kopf hinwegsetzt. Denn jemanden ernsthaft wiederauferstehen lassen – das dürfen doch nur Typen wie Dr. Frankenstein oder die Protagonisten in "Friedhof der Kuscheltiere", oder?

Das wussten übrigens sogar schon die Ramones, als sie vor 30 Jahren die unschöne Unruhe nach dem Tod besangen. Was soll man dazu sagen, außer: Rest in Peace.

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