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Rang I | Beitrag vom 09.03.2019

"Possible World" Theater für Hörende und Nicht-Hörende zugleich

Michaela Caspar und Wille Felix Zante im Gespräch mit Janis El-Bira

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Theaterprojekt Possible World mit seiner Adaption von Shakespeares "Sommernachtstraum". Auf der Bühne liegen mehrere Schauspieler übereinander und zu einem Knäuel verschlungen. (Anton von Heiseler )
Theaterprojekt Possible World mit seiner Adaption von Shakespeares "Sommernachtstraum". (Anton von Heiseler )

Die Inklusion Gehörloser ins Theater ist nicht nur dann möglich, wenn Gebärdendolmetscher das Stück übersetzen. Die Inszenierungen von "Possible World" bringen mit starkem Körpereinsatz Elemente von Gebärdensprache auf die Bühne – auch für Hörende.

Janis El-Bira: Frau Caspar, in einem aktuellen Porträt über Possible World in der Zeitschrift Theater der Zeit wird erwähnt, dass Sie selbst während einer Musiktheaterproduktion einmal einen Hörsturz erlitten haben. Sie waren neben dem Schauspiel auch als Sängerin tätig und damit ganz wesentlich auf Ihr Gehör angewiesen. Wie hat dieses Ereignis, dieser Hörsturz damals, Ihre Sicht auf die Welten der Hörenden und Nicht-Hörenden verändert oder geprägt?

Michaela Caspar: Also, der Hörsturz hat dazu geführt, dass ich rechts gar nichts mehr gehört habe und links eben teilweise noch. Und es gibt auch Leute, die weiter Musik machen und singen, und ich habe das nicht so gut gekonnt und habe dann das Singen und das Musik machen aufgehört. Und dadurch, dass ich schlecht höre oder sehr schlecht höre, für hörende Kreise ich immer auf Entgegenkommen angewiesen bin, also, dass man auf mich Rücksicht nimmt, das spüre ich als Schauspielerin beim Drehen. Überall muss man halt auch mich Rücksicht nehmen, und das hat meine Perspektive auf die Hörendenwelt verändert. Sobald man ein Defizit hat, ist man jemand anderer. Und egal, wie freundlich die sind, es ist eine Form von Anderssein und man gehört nicht mehr so ganz dazu, so habe ich das damals empfunden.

"Theater war für mich eigentlich nie zugänglich"

El-Bira: Herr Zante, Sie kennen das mit dem Rücksichtnehmen wahrscheinlich sehr gut. Diese Welt, von der Michaela Caspar gerade gesprochen hat, diese Welt des Theaters, der Musik, des Film, das ist ja eine, die gerade für gehörlose Menschen sehr viele Barrieren hat. Wie haben Sie für sich trotzdem das Theater entdeckt und wie haben Sie beschlossen, dass Sie gerne auf der Bühne stehen möchten, wie haben Sie sich für das Theater begeistert?

Wille Felix Zante: Theater war für mich eigentlich nie zugänglich gewesen. Ich habe keine Theatervorstellung wirklich besucht, vielleicht zwei oder drei mit Übertiteln, und habe mich dann im Studium ein bisschen mit der Theorie befasst. Es ging um Gebärdensprachpoesie und so weiter. Ich habe sozusagen als Zuschauer bei "Possible World" angefangen und habe Artikel darüber geschrieben. Und dann hat mich schließlich Michaela gefragt, ob ich da dramaturgisch mitarbeiten wollen würde, also in Bezug auf Gehörlosengeschichte, Gehörlosenkultur. Und dann kam irgendwann die Frage, ob ich da auch mitspielen will, und dann habe ich ja gesagt. So war das.

El-Bira: Frage an Sie beide, jetzt ist ja das, was Sie mit "Possible World" machen, da wird oft drüber geschrieben, es sei sehr anders als das, was gemeinhin so unter Inklusionstheater versteht. Wie würden Sie den besonderen Ansatz von "Possible World" beschreiben?

Caspar: Also, ich kann das jetzt nur aus meiner Perspektive sagen. Es gibt eine Art von Inklusion, wo es eine Kultur der Mehrheitsgesellschaft gibt und bestimmtes Handwerkszeug dafür, und dahin kann man sich als Schwerhöriger oder Gehörloser oder Gebärdensprachler inkludieren. Das heißt, dass man genauso das Theater oder den Film bedient, so wie es existiert. Das ist eine Möglichkeit. Das kann jeder Gehörlose machen, indem er zu den entsprechenden Lehrern geht. Und das andere ist, dass man die Kultur der Gehörlosen als eine eigenständige Kultur wahrnimmt. Und was wir gemacht haben, ist, dass wir die Parameter der Gebärdensprache, also das Räumliche, das Visuelle, dass es dabei bestimmte grammatikalische Formen gibt wie Personenübernahme oder Perspektivwechsel. Also, was man sagt, über die Gebärdensprache und die Erzählweise, die in der Gebärdensprache beinhaltet ist, ist das ein eigener Formenkanon.

Warum werden Gehörlose von Hörenden gespielt?

Zante: Ja, und um das noch mal mit der Rücksichtnahme aufzugreifen, ich glaube, gerade auch die schwerhörigen Schauspielerinnen und Schauspieler bekommen bei "Possible World" auch sehr viel Freiraum. Und ich glaube auch, dass es bei "Possible World" sehr wenig Berührungsängste gibt, es fehlt oft bei herkömmlichen Produktionen, glaube ich auch, es ist für Gehörlose und Schwerhörige sehr schwierig einen Fuß in die Tür zu bekommen. Es fängt an bei Praktika, bei Verbindungen, es geht ja viel über Kommunikation, also auch Vitamin B eben. Und das ist für Schwerhörige und Gehörlose schwieriger. Und ich glaube, deswegen werden auch ganz oft Rollen, die eigentlich eine gehörlose Figur darstellen, von hörenden Schauspielern übernommen, was eigentlich so in der Form sehr schwierig ist, weil es für Gehörlose eindeutig ist, dass die Person nicht wirklich gehörlos ist. Und es ist mehr eine Verballhornung der Gebärdensprache.

Caspar: Da muss ich auch mal was zurückgeben. Ich finde, die Gehörlosen tun eine Menge nicht dafür, dass sie wahrgenommen werden. Es wird immer gesagt, ja ja, die hörende Welt muss uns wahrnehmen. Nein, solange es keine professionellen Fotos im Internet gibt, solange es keine Showreels gibt… Jeder, der die Sachen von XX sieht, denkt, nein, mit der mache ich das nicht, weil es einfach nicht professionell ist.

El-Bira: Hat das vielleicht damit auch zu tun, dass diese Gehörlosen-Szene und auch die Gehörlosenkultur teilweise sehr für sich bleibt und auch sehr stolz darauf ist, dass sie unter sich so eine eigene Kultur entwickelt hat?

Zante: Das ist eine sehr komplexe Frage. Ich habe jetzt kürzlich einen Artikel gelesen, der, sagen wir mal, die Emanzipation der Gehörlosen auf einem ziemlich breiten Spektrum darstellt. Einmal von hilfsbedürftigen Menschen mit Behinderung bis hin zur eigenständigen Sprach- und Kulturgemeinschaft. Und dass man da jetzt irgendwo in der Mitte feststeckt und sich diese Geschichte, diese Gemeinschaft noch entwickeln muss, was ja eigentlich auch völlig verständlich ist, über 100 Jahren Diskriminierung und Ausbremsung vor allem in der Bildung und sprachlichen Frühförderung, da sind den Gehörlosen sehr viele Steine in den Weg gelegt worden.

Visual Vernacular ist eine eigenständige Kunstform

El-Bira: Deutschlandfunk Kultur im Gespräch mit Michaela Casper und Wille Felix Zante vom inklusiven Berliner Theaterprojekt "Possible World". Frau Caspar, Herr Zante, ich würde gerne noch mal auf diese besondere Bühnensprache eingehen, die Sie mit "Possible World" entwickelt haben. Sie arbeiten mit Lautsprache, Gebärdensprache, aber auch mit einer Darstellungsform, die sich Visual Vernacular nennt. Können Sie mal beschreiben, was das eigentlich genau ist?

Zante: Da muss ich ein bisschen ausholen. In der Gebärdensprache gibt es so etwas Ähnliches wie Pronomen, also Stellvertreter. Das sind bestimmte Handformen, zum Beispiel, wenn man einen Kaffeebecher hält und diese Handform übernimmt, dann ist das ein Klassifikator, so nennt man das. Und der kann verschiedene Sachen darstellen, die eine ähnliche Form haben. Und Visual Vernacular ist eigentlich keine Gebärdensprache, man bedient sich der Elemente der Gebärdensprache, und es ist auch ein bisschen so ähnlich wie Pantomime, nur dass Pantomime eben alles eins zu eins darstellt. Eigentlich alles, was passiert, spielt sich ungefähr in der Größe der Figuren ab, also in dem Format, wohingegen bei Visual Vernacular man viel mit Filmtechniken arbeiten kann. Man kann in der visuellen, händischen Darstellung kann man Schnitte einbauen, man kann vergrößern, man kann zoomen, aus der Totale in die Makroperspektive, Porträtaufnahmen machen und so weiter.

Das kann man alles darstellen, das ist natürlich sehr schwierig in einem akustischen Medium zu beschreiben, aber das ist, was man als Laie vielleicht als Gebärdensprachpoesie bezeichnen würde. Aber die Leute, die Visual Vernacular machen, die legen das ab, weil Gebärdensprachpoesie eben so etwas ist, was hörende, also lautsprachliche Gedichte in Gebärdensprache überträgt. Wohingegen Visual Vernacular eine ganz eigenständige Kunstform ist. Wir haben da mit dem Schotten Brian Duffy zusammengearbeitet, der ist extrem talentiert, was Visual Vernacular angeht, und er ist großartig. Er hat uns das eigentlich alles beigebracht.

"Auch für einen Hörenden sehr interessant"

El-Bira: Die aktuelle Produktion am Ballhaus Ost, die jetzt wieder aufgenommen wird im April, ist Shakespeares "Sommernachtstraum". Nun ist Shakespeares Sprache eine, die ja schon bei der Übertragung vom Englischen ins Deutsche, so gut die Übersetzung auch sein mag, einiges verliert. Wie schwierig ist die Übertragung auf die vor allen Dingen visuelle Ebene? Wie sind Sie da rangegangen, an Shakespeare?

Caspar: Wir haben eine starke Strichfassung gemacht und hatten ein Textbuch mit drei Texten, also dem englischen Original, einmal einer einfachen englischen Fassung, einer modern english version, und einmal eine deutsche Fassung, die sich zusammengeklaubt hat aus Eins-zu-eins-Übersetzung, ein bisschen was von Gosch, Schlegel-Tieck kaum, es ist einfach nicht zu übertragen. Die Gebärdensprache, das kann er besser erklären, hat einen völlig anderen Aufbau und bedarf eines Umkehrens des Aufbaus der politischen Bilder bei Shakespeare. Aber da Shakespeare vor allem in diesem Stück auch eine sehr politische, bildhafte Sprache hatte, war das sehr interessant, erst zu entwickeln, und auch für einen Hörenden sehr interessant, das zu sehen, wie dann eben eine Rose im Raum entsteht und dann eben verdorrt, also, wie das dann im Prozess dieser Rose, also, dass sie abgeknickt ist. Es entstehen andere Zusammenhänge, aber es ist schon eine Interpretation von Shakespeare, die, das würde ich mal behaupten, auch nicht weiter weg ist als Herr Schlegel. Wir hatten diese Fassung, dann haben wir ein Videotextbuch gemacht und haben da alles eingebärdet.

Zante: Genau. Wir haben uns das Stück sehr gut erarbeitet dadurch, wir sind das einfach einmal durchgegangen, haben das gebärdet, haben überlegt, wie können wir das übersetzen, wie können wir das übertragen, was fallen uns für Bilder ein.

El-Bira: Hat es das Stück auch klarer, verständlicher gemacht vielleicht, wenn man über die visuelle Ebene unter anderem da vor allen Dingen dran geht? Das ist ja ein Stück, was schon allein beim Lesen viel Verwirrung stiftet, da wechseln sich Traum und Realität ab, die Figuren schlüpfen in verschieden Rollen, man weiß irgendwann nicht mehr so genau, wer eigentlich wer ist. Macht es das Stück plötzlich durchsichtiger, wenn man visuell darangeht?

Caspar: Also, ich habe den Sommernachtstraum auch ein paarmal gesehen und ich bin nie so ganz dahinter gestiegen. Durch die Körperlichkeit, ich finde es verständlicher, ich finde es klarer, ja.

Theater muss inklusiver werden

El-Bira: Frage zum Schluss: Ihr Projekt heißt "Possible World", also mögliche Welt. Was würden Sie sich denn von einem möglichen zukünftigen Theater wünschen, damit es zu dieser möglichen Welt wirklich etwas beitragen kann?

Caspar: So generell denke ich, dass man sich mit der Gebärdensprache und dem Formenkanon der Gebärdensprache auseinandersetzen sollte und generell, dass Theater inklusiver wird. Aber ich finde, das ist ja auch auf dem Weg, und die Gebärdensprache ist da noch so ein bisschen draußen. Das liegt sicherlich daran, dass es einfach leichter ist, etwas auf Englisch zu spielen als in Gebärdensprache. Für uns würde ich mir wünschen, dass wir über mehrere Jahre eine Finanzierung bekommen würden, dass wir ein Orgigramm haben, was eben auf mehrere Leute aufgeteilt ist und dass wir nicht immer so viel Zeit brauchen, um neue Gelder zu akquirieren. Beim Sommernachtstraum waren es einfach zweieinhalb Jahre und da geht zu viel Zeit verloren.

Zante: Ja, das wären stabile Strukturen, in denen man sich weiterentwickeln kann.

Caspar: Genau, dass man anderen Leuten die Möglichkeit auch geben kann und dass kontinuierlich auch eine Anlaufstelle ist, wo dann meinetwegen das DT, wenn sie eine Frage haben, auch mal anrufen kann, und dass vielleicht eine gedolmetschte Vorstellung doch nicht der Hit ist, sondern dass das einfach nichts mit Inklusion zu tun hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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