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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.07.2018

Positive UtopienDie Welt ist zum Verändern da!

Von Harald Welzer

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Ein Mädchen steht mit einer großen Weltkugel als Ball in einem Kornfeld. (imago )
Was schmerzlich fehlt, sind Zukunftsbilder. (imago )

Die Welt steht am Abgrund. Klimawandel, Bienensterben und Verschmutzung der Meere drohen. Das bekommt man tagtäglich zu hören. Was uns dagegen schmerzlich fehle, seien positive Zukunftsvorstellungen und Ideen, meint Sozialpsychologe Harald Welzer.

Es gibt einen Klassiker der empirischen Sozialforschung, "Die Arbeitslosen von Marienthal", und der stammt aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre. Marienthal ist ein österreichisches Dorf, in dem fast alle Bewohner arbeitslos sind, weil die örtliche Textilfabrik schließen musste.

Die Forschergruppe vor Ort ließ damals die Kinder Aufsätze zu dem Thema schreiben, was sie einmal werden wollten. Typischerweise begannen diesen Aufsätze so: "Ich würde gern Indianerhäuptling werden, glaube aber, dass es schwer ist, eine Stelle zu finden."

Kaum noch positive Zukunftsvorstellungen

Warum ich das erzähle? Weil unsere Stiftung Futurzwei gerade eine kleine Studie dazu durchführt, wovon junge Menschen heute träumen, und welche Vorstellungen von der Zukunft sie haben. Die Zukunftserzählungen junger Menschen heute beginnen typischerweise so: "Ich würde gern in einer nachhaltigen und friedlichen Welt leben, aber dafür gibt es viel zu viele Probleme."

Tatsächlich befiel mich beim Durchführen und Anhören der Gespräche mit Gruppen unterschiedlichster junger Menschen ein starkes Schuldgefühl: Denn wenn junge Menschen kaum noch in der Lage sind, positive Zukunftsbilder zu entwickeln, dann liegt das ja wohl daran, was die Vorgängergenerationen ihnen an Zukunftsvorstellungen übergeben haben. Und da dominiert eindeutig die Apokalypse.

Reiche Gesellschaft ohne Zukunftsvision

Wer heute unter 30 und in Deutschland aufgewachsen ist, hat nie etwas anderes gehört, als dass die Welt am Abgrund steht, der Klimawandel furchtbare Folgen haben wird, es kaum noch Zeit zum Umsteuern gibt, die Meere verschmutzt und voller Plastik sind und die Tiere aussterben.

Passend dazu die bekannte abgegriffene Metaphorik:  Es ist "fünf vor zwölf", man hat "keine zweite Erde im Kofferraum", das "Raumschiff Erde hat keinen Notausgang" und "der Mensch" begründet mit seiner Zerstörungswirkung nun sogar ein ganzes Erdzeitalter, "das Anthropozän".

Ist es nicht seltsam, dass man in einer der reichsten Gesellschaften der Erde aufwachsen und trotzdem keinerlei Zukunftsvision haben kann? Nein, ist es nicht. Denn die gesamte Gesellschaft hat ja kein Zukunftsbild von sich, das dem 21. Jahrhundert entstammen würde? Nehmen wir als Beispiel nur den Wiederaufbau von Schlössern überall: in Hannover, in Potsdam, in Berlin. Oder gleich die Erfindung einer künstlichen Altstadt, wie in Frankfurt, dem Zentralort der Finanzindustrie. Ist das die Zukunft, die man jungen Menschen anbieten möchte: Heimatkitsch und Knete?

Ökos nerven mit einem "Lebensstil des Genügens"

Dieses Zurückgewandte, Gestrige korrespondiert auf fatale Weise mit der Apokalypse-Rhetorik: Oder wo unter den Ökos findet sich ein attraktiver, gar ein mitreißender Zukunftsentwurf einer lebenswürdigen und liebenswürdigen Gesellschaft, die sozial gerecht, nachhaltig und lebensbejahend wäre? Stattdessen nervt die Szene mit allgegenwärtigen Begriffen wie Effizienz, Resilienz und Suffizienz, propagiert einen "Lebensstil des Genügens", als wäre ein runtergedimmtes Vernunftrentnerdasein ein attraktiver Lebensentwurf für 20-Jährige.

Die Welt ist zum Verändern, nicht zum Ertragen da

Was schmerzlich fehlt, sind Visionen, konkrete Utopien, Aussichten wie man die Welt, die eigene Gesellschaft, das individuelle Leben so verändern kann, dass es zugleich lustvoller und weniger zerstörerisch gelebt werden kann, als es in der Gegenwart der Fall ist. Statt Apokalypse: Zukünftigkeit. Statt ohnmächtig machendem Lamento: Selbstermächtigung. Die Welt ist zum Verändern da, nicht zum Ertragen. Wenn sich das herumspricht, kommen auch wieder Zukunftsbilder in unsere Welt.

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer, aufgenommen am 22.9.2016 in der Bundespressekonferenz in Berlin  (imago / Metodi Popow)Harald Welzer (imago / Metodi Popow)Der Soziologe Harald Welzer (Jg. 1958) ist Professor für Transformationsdesign in Flensburg und Direktor von "Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit".

Im Oktober 2018 erscheint sein Buch "Welzer wundert sich – Rückblicke auf die Zukunft von heute".

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