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Konzert / Archiv | Beitrag vom 28.02.2020

Posener Philharmonie in BerlinChopin, Tansman und Palester

Moderation: Volker Michael

(Antoni Hoffmann/Filharmonia Poznańska)
Der Pianist Rafał Blechacz und die Filharmonia Poznańska bei einem Konzert im Berliner Konzerthaus am 14.2.2020. (Antoni Hoffmann/Filharmonia Poznańska)

Künstler auf gepackten Koffern: In Polen eher die Regel als die Ausnahme. Die Filharmonia Poznańska stellte im Berliner Konzerthaus Exil-Komponisten vor: Aleksander Tansman und Roman Palester. Chopins e-Moll-Klavierkonzert spielte Rafał Blechacz.

"Komponisten auf (gepackten) Koffern" - so hat die Filharmonia Poznańska ihr Konzertprogramm genannt, mit dem sie auch auf Tournee durch Deutschland und Frankreich gegangen ist. Die Auftrittsorte sind Darmstadt, Frankfurt (Oder) und die beiden Hauptstädte Paris und Berlin, außerdem mit einem abgewandelten Programm Köln und Wiesbaden. Wir haben das Gastspiel im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt aufgenommen.

Exiltradition in Paris

Exilort Paris - das trifft für viele polnische Künstlerinnen und Künstler zu. Seit dem frühen 19. Jahrhundert zog es Komponisten aus politischen, wirtschaftlichen oder künstlerischen Gründen nach Westeuropa und Nordamerika. In Paris existierte seit langem eine "Polonia" - berühmtestes Beispiel ist Frédéric Chopin, der außerdem durch seinen französischen Vater prädestiniert schien, an der Seine Sicherheit und ein Auskommen zu suchen. Die russischen Besatzer hatten daheim in Polen nach und nach alle Freiheiten der Menschen beschnitten und alle Aufstände mit Gewalt niedergeschlagen. Dass in Chopins Werken, deren Klänge wie Blumen erschienen, Kanonen eingesenkt lägen, hatte Robert Schumann behauptet. Doch das Chopin ein politischer Mensch gewesen wäre, kann man nicht behaupten. Das traf auch in der Folge auf die allerwenigsten polnischen Exilkünstler zu, die in Paris Zuflucht fanden.

Vier Solisten der Filharmonia Poznańska und dieses Orchester unter Leitung von Marek Pijarowski bei einem Konzert im Berliner Konzerthaus am 14.2.2020. (Antoni Hoffmann/Filharmonia Poznańska)Vier Solisten der Filharmonia Poznańska und dieses Orchester unter Leitung von Marek Pijarowski bei einem Konzert im Berliner Konzerthaus am 14.2.2020. (Antoni Hoffmann/Filharmonia Poznańska)

Der junge polnische Pianist Rafał Blechacz hat sich die Posener Philharmonie als Orchester zur Begleitung in Chopins e-Moll-Konzert ausgesucht. Der Künstler gewann 2005 als erste Pole nach Krystian Zimmerman (1975) den renommierten Warschauer Chopin-Wettbewerb. Seitdem gilt er als versierter Fachmann für die Musik des Nationalidols.

Klassizist aus Łódź

Im ersten Teil des Konzerts gibt es zwei Werke von polnischen Meistern des 20. Jahrhunderts. Die Sinfonie von Aleksander Tansman ist eine Art Sinfonia Concertante und zeigt die klassizistische Herangehensweise des Komponisten. Tansman kam in der multikulturellen Stadt Łódź zur Welt. Zum Studium und zur künstlerischen Entfaltung ging er nach dem 1. Weltkrieg nach Paris. Die deutsche Besetzungszeit überlebte der aus einer jüdischen Familie stammende Künstler in den USA. Über das Leben und Schaffen von Aleksander Tansman existiert eine sehr materialreiche kleine Ausstellung in einer downloadfähigen Fassung auf der hier in diesem Absatz verlinkten Seite. 

Verpönter Folklorestil

Eine sehr vielversprechende Karriere stand auch Roman Palester bevor, als er nach vielen verschiedenen Lebensstationen in Warschau angekommen war und dort Komposition studiert hatte. Doch ihm geriet der deutsche Überfall und die nachfolgende Terrorherrschaft Nazideutschlands dazwischen. Im Untergrund und auf verschiedenen Landsitzen von Freunden konnte er die Kriegszeit überstehen. Mehrfach wurde er von der Gestapo verhaftet und wieder freigelassen. Aber auch nach 1945 in Zeiten der sowjetischen Dominanz blieb es schwierig für den Künstler Roman Palester. Er suchte mit seiner Familie Zuflucht in Westeuropa, in Paris und zwanzig Jahre lang als Mitarbeiter von Radio Free Europe in München.

Der Komponist Roman Palester auf dem Balkon seiner Münchner Wohnung in den 1960er Jahren (Website www.palester.polmic.pl)Der Komponist Roman Palester auf dem Balkon seiner Münchner Wohnung in den 1960er Jahren (Website www.palester.polmic.pl)

Palesters Ballett "Das Lied der Erde" entstand eher als Gelegenheitswerk für eine Weltausstellung kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Von dem darin enthaltenen Folklorismus distanzierte sich Palester bald. Er schrieb fortan andere Musik, doch das kompakte, extrem vielfarbige und energiegeladene Tanzstück sollte eine beeindruckende Karriere in den Opernhäusern machen, vor allem in der polnischen Heimat, die er Jahrzehnte aus politischen Gründen nicht besuchen konnte. Aus dem dreiteiligen Werk spielt die Filharmonia Poznańska den Mittelteil "Hochzeit".

Die Gespräche mit dem Dirigenten Łukasz Borowicz über die Komponisten Roman Palester und Aleksander Tansman und mit dem Solisten Rafał Blechacz über die Klavierkonzerte von Frédéric Chopin können Sie hier nachhören:

Konzerthaus Berlin
Aufzeichnung vom 14. Februar 2020

Roman Palester
Hochzeitstänze aus dem Ballett "Das Lied der Erde"

Aleksander Tansman
Sinfonie Nr. 3 für Violine, Viola, Violoncello, Klavier und Orchester

Frédéric Chopin
Konzert für Klavier und Orchester e-Moll op. 11

Marcin Suszycki, Violine
Dominik Dębski, Viola
Józef Czarnecki, Violoncello
Michał Francuz, Klavier (Tansman)
Rafał Blechacz, Klavier (Chopin)
Filharmonia Poznańska
Leitung: Marek Pijarowski

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