Mittwoch, 20.03.2019
 

Studio 9 | Beitrag vom 23.10.2018

Porträt über Helena PetersenFotokunst aus Vulkanasche

Von Michaela Gericke

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Das ist die Künstlerin Helena Petersen. (Lucy Martens)
„Hätte ich nicht Kunst studiert, hätte ich Chemie studiert", sagt Helena Petersen. (Lucy Martens)

Die Künstlerin Helena Petersen stellt Fotos ohne Kamera her: Ihre abstrakten Bilder entstehen durch Mündungsfeuer oder in Form von Glasdias aus Vulkanasche. Gemeinsam haben alle Werke, dass sie die Endlichkeit des Lebens aufzeigen.

Alle paar Sekunden projiziert das Gerät ein anderes Dia an die Wand. 80 scheinbar abstrakte Bilder sind es insgesamt. Sie erinnern an Ablichtungen grobkörniger Oberflächen, an Mondlandschaften oder mikroskopische Aufnahmen von beispielsweise Bernstein oder auch Bimsstein. Helena Petersen hat für diese Arbeit 2000 Jahre alte Vulkanasche aus Pompeji benutzt, die sie an den Ausgrabungsstätten südlich des Vesuvs gefunden hat. Petersen:

"Hätte ich nicht Kunst studiert, hätte ich Chemie studiert. Die Forschungen, die Sachen, die man ausprobiert, die funktionieren oder nicht funktionieren, dieses Stolpern und Neues entdecken, das ist sehr, sehr ähnlich."

Starker Eindruck von Gipsabgüssen

Die foto-künstlerische Arbeit über Pompeji ist das Resultat einer jahrelangen Suche, erzählt sie in ihrem Neuköllner Atelier. Gerade ist Helena Petersen von ihrer Reise nach Georgien zurück, wo sie Berge bestiegen und uralte Klöster besucht hat. Nicht, um zu fotografieren, sondern um sich inspirieren zu lassen, wie oft zuvor, in Australien, Nepal oder Pompeji. Dort war sie das erste Mal als Jugendliche:

"Mit meiner Klasse und hab dort zum ersten Mal damals diese Gipsabgüsse gesehen, die einen sehr starken Eindruck auf mich hinterlassen haben."

Gipsabgüsse der in Asche eingeschlossenen Toten hat Helena Petersen Jahre später noch einmal fotografiert. Nach intensiven Gesprächen mit Wissenschaftlern in Pompeji konnte die Künstlerin ihr konzeptuelles Projekt dort beginnen, ganz ohne Kamera:

"Ich hatte Cyanotypiepapier mitgenommen auf die Reise und durfte dann einige der Gipsabgüsse auf die Cyanotypie legen, es gab längere Belichtungszeiten bis zu zwölf Minuten. Als ich diese Serie machen konnte, hab ich in dem Moment schon gemerkt, dass ich mit dem Gipsabguss gar nicht weiter arbeiten kann, das war mir viel zu nah an dem Menschen, an der Leiche, an dem Tod, zumal in dem Gipsabguss noch die Knochen zu sehen sind. Ich bin da einen großen Schritt zurück gegangen, als ich gemerkt hab, dass ich so nicht mit dem Thema umgehen kann."

Spuren der Verletzung

Keine Körperwelten, so viel war klar, denn es geht Helena Petersen eher um psychologische und philosophische Themen. Freimütig erzählt sie von ihrer Kindheit, in der die Mutter, eine Ärztin, sie mitnahm zur Arbeit auf der von ihr gegründeten Palliativstation. Und davon, dass sie als Münchner Kind auch oft mit Jägern in der Natur unterwegs war. Petersen: "Und das ist etwas, was einem so nie wieder aus dem Sinn geht, wenn man diese Krafteinwirkung und den Moment des Todes so nah bei einem Tier erlebt."

Helena Petersens Cinis Pompeii (2014-2018) Werke in der Ausstellung: Back to the Future im C/O Berlin bis 2.12.2018 (David von Becker)Ausstellungsecke mit Helena Petersens Werk Cinis Pompeii auf der "Back to the Future" in Berlin. (David von Becker)
Und dann ging ihr eine Dokumentation über den Vietnamkrieg nicht mehr aus dem Kopf. Darin hatte sie gesehen, wie das Mündungsfeuer in der Dunkelheit dem Gegner auf der anderen Seite den Standort des Schießenden verriet. Ihre großformatigen Pyrografien, also Bilder, die mit dem Licht des Feuers aus einem Gewehr auf Fotopapier entstanden sind, resultieren aus mehr als nur visuellen Eindrücken. Helena Petersen zeigt darauf auch die Spuren der Verletzung.

Dinge festgehalten, bevor sie verschwanden

"Ich würd' sagen, dass ich aus dem Dokumentarischen gar nie wirklich raus bin, also nur verändert." Helena Petersen hielt früher visuell etwas fest, bevor es verschwand: Die Häuser mit vernagelten Türen und Fenstern in einem Braunkohledorf bei Garzweiler, beispielsweise, bevor es abgebaggert wurde. Für Pompeji entstand schließlich über viele Jahre ein anderes Konzept:

"Es ging mir darum, dass ich aus diesem Moment, der damals geschehen ist, diesen Moment auf der Zeitachse, die einen Moment fixiert und konserviert hat, diesen Moment wollte ich wieder darstellen, durch ein Abbild zeigen."

In ihren Recherchen erfuhr sie, dass die Menschen vor 2000 Jahren in Bruchteilen von Sekunden starben, konserviert von der heißen Asche. Und, dass vulkanische Asche, wenn man sie erhitzt, zu Glas wird.

Fotografie der Einmaligkeit

"Ursprünglich wurde die Fotografie mit Glasdias gemacht, dass ich dieses Element der Asche wieder zu Glas machen konnte und somit in den fotografischen Prozess einbringen oder sogar als Glasdia schmelzen konnte - das war für mich der Moment, auf den ich gewartet habe. Die Verbindung, auf die ich gewartet hab, um meine Idee umzusetzen."

Ihre Dias sind tatsächlich Glasdias mit Asche aus Pompeji, die Helena Petersen bei über 1000 Grad erhitzt hat. Es geht ihr in der Fotografie längst nicht mehr um Reproduktion, sondern um Einmaligkeit. Jedes Bild ein Unikat - wie in der Malerei. Und jedes Bild von Helena Petersen – so abstrakt es ist – eines, das von Vergänglichkeit erzählt, vom Leben, das innerhalb von Sekunden zu Ende sein kann.

Helena Petersens "Cinis Pompeii" ist noch bis zum 2. Dezember 2018 in der Ausstellung "Back to the Future" im C/O Berlin zu sehen.

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