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Studio 9 | Beitrag vom 27.10.2016

Porträt-Serie zur US-Wahl (5/6)Weiß, Mittelklasse, Clinton-Wähler

Von Nana Brink

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David Bowes im Florida Grill (Deutschlandradio/ Nana Brink)
David Bowes, Journalist im Ruhestand, im Restaurant Florida Grill in Washington. (Deutschlandradio/ Nana Brink)

Die Psychologin Rosemary Bowes und ihr Mann David, Journalist im Ruhestand, sind sich sicher: Hillary Clinton wird der Mittelklasse den amerikanischen Traum zurückgeben. So, wie sie ihn selbst erlebt haben.

"Der amerikanische Traum ist die Idee vom 'Hühnchen in jedem Kochtopf'."

"Mein amerikanischer Traum ist: Jeder sollte gebildet und gesund sein."

Rosemary Bowes und ihr Mann David wohnen seit 40 Jahren in Washington. Ihr Apartement liegt am Ende der Pennsylvania Avenue - nur zwei Meilen vom Weißen Haus entfernt. Bücherwände, Designermöbel, Gemälde und Kunstwerke zeugen von bürgerlichem Wohlstand. Ihre Familie, erzählt Rosemary, hat den amerikanischen Traum gelebt.

"Menschen sind in dieses Land gekommen, haben Asyl beantragt, wie mein Großvater, der sprach kein Wort Englisch, hat sich hier niedergelassen und sich langsam aber sicher zurechtgefunden, hatte Kinder. 100 Jahre später wurde mein Bruder zum Drei-Sterne-Admiral ernannt - das ist wirklich eine Leistung und hat viel mit dem amerikanischen Traum zu tun. Hab ich Ihre Frage beantwortet?"

Rosemary Bowes arbeitet im Garten. (Deutschlandradio/ Nana Brink)Rosemary Bowes arbeitet im Garten. (Deutschlandradio/ Nana Brink)

Rosemary streift sich augenzwinkernd eine blonde Strähne aus dem perfekt geschminkten Gesicht. Die USA - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - geht zurzeit in eine Richtung, die ihr Sorgen macht.

"Ich bin beunruhigt, aber wir sind durch viele schwierige Wahlen gegangen, es ist nicht das erste Mal, aber diese hier ist die verfluchtesten, die ich jemals erlebt habe. Ich fürchte, dass wir unsere Grenzen schließen und das wird uns später leid tun."

Für David Bowes ist Donald Trump politischer Sprengstoff

Rosmarys Ehemann,David Bowes, sitzt in seinem Lieblingsrestaurant, dem Florida Grill, am Rande der Hauptstadt, früher ein schwarzer Slum, heute ein Aufsteiger-Viertel. Den Florida-Grill gibt es seit 1944, bekannt für seine "Soul Food Kitchen" - die Küche der Südstaaten. Seit den späten 1960er Jahren sitzt der heute 83-jährige Journalist hier und schreibt seine Gedanken auf:

"Als ich in den 1950er Jahren aufgewachsen bin, haben die Leute von der Demokratie profitiert, nicht die Schwarzen, aber weite Teile des Landes. Das hat sich grundlegend geändert. Über viele Jahre hinweg hat die Mittelklasse keine Gehaltserhöhung bekommen, aber die oberen Zehntausend sind immer reicher geworden. Wir haben große Erfolge gefeiert im letzten Jahrhundert, aber nicht mehr in den letzten 15 Jahren. Viele Menschen haben ihre Mittelklassen-Existenz verloren, auch ihre Kinder kommen nicht voran. Das ist politischer Sprengstoff und er kommt in Gestalt von Donald Trump."

An der Theke des Florida Grill (Deutschlandradio/ Nana Brink)An der Theke des Florida Grill, das Restaurant liegt in einem ehemaligen Slum (Deutschlandradio/ Nana Brink)

Der Name Trump bewirkt bei der New York Times - Leserin Rosemary ein promptes Stirnrunzeln. Die viel beschäftigte Psychologin sieht in ihrer Praxis seit Jahren die Mittelklasse verschwinden. Viele Patienten können sich einen Besuch bei ihr nicht mehr leisten.

"Das ist wahr, leider. Die Menschen sind nicht glücklich mit Obama, sie wollen ihn nicht mehr. Die Tea Party hat immer noch Einfluss, das ist eine konservative Sichtweise, die meint: Lasst uns alles nach Hause bringen. Lasst uns den Traum hier haben! Ich teile das nicht. Mein amerikanischer Traum ist global. Wir sollten niemandem etwas aufzwingen: Weder Religion noch Weltanschauung!"

"Der amerikanische Traum ist die Fähigkeit, sich zu ändern"

Im distinguierten Cosmos Club in Washington, in den nur Mitglieder Zutritt haben, diskutieren die Bowes mit ihren Freunden über die Frage, wie "ihr" Amerika sein soll: demokratisch, bunt, weltoffen. Das Amerika des liberalen Ostküsten-Bürgertums. Wäre da nicht der Blick auf ein geteiltes Land:

"Wenn Trump wirklich Präsident wird, wird die Hälfte der Nation, die gegen ihn gestimmt hat, ins Mark getroffen sein wie niemals zuvor."

Rosemary Bowes arbeitet in ihrem Garten in einer Kathedrale in Washington. (Deutschlandradio/ Nana Brink)Rosemary Bowes arbeitet im Garten in einer Kathedrale in Washington. (Deutschlandradio/ Nana Brink)

Bei soviel Skepsis also: Ist der amerikanische Traum nicht ausgeträumt? Das Ehepaar Bowes blickt sich an und ist sich einig:

Rosemary: "Wir hatten immer handfeste Debatten - das gehört zum amerikanischen Traum."
David: "Der amerikanische Traum ist lebendig. Es ist die Fähigkeit, sich zu ändern. Wenn Hillary Clinton Präsidentin wird, können Sie ihren letzten Penny verwetten, dass sie sich dafür einsetzt und der Mittelklasse den amerikanischen Traum zurückgibt."

Was ist noch übrig vom amerikanischen Traum? Deutschlandradio Kultur-Reporterin Nana Brink hat diese Frage US-Amerikanern aus allen Bevölkerungsschichten gestellt. Sendedatum: 24.-29.10.2016 in unserer Sendung Studio 9

Unsere sechsteilige Reihe im Überblick:

Zu Besuch bei einem Trump-Fan (1/6)
Warum auch Latinos Trump wählen (2/6)
Was ist Ihr amerikanischer Traum, Colin Powell? (3/6)
Wo der amerikanische Traum stillsteht (4/6)
Hier ist der amerikanische Traum zerplatzt (6/6)

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