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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.01.2012

Porträt einer snobistischen Gesellschaft

Edith Wharton: "Ein altes Haus am Hudson River", Manesse Verlag, Zürich 2011, 624 Seiten

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Die US-Schriftstellerin Edith Wharton erhielt als erste Frau den Pulitzer-Preis (picture alliance / dpa / Bifab)
Die US-Schriftstellerin Edith Wharton erhielt als erste Frau den Pulitzer-Preis (picture alliance / dpa / Bifab)

Die US-Autorin Edith Wharton beschreibt die New Yorker Kulturszene zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die viel über Kunst redet, aber nichts davon versteht und nur opportunistisch den Erfolgreichen nachläuft. Über 70 Jahre nach ihrem Tod ist ihr Roman auf Deutsch erschienen.

Die Romanautorin Edith Wharton (1862-1937) stammt aus der New Yorker Upper Class und lebte viele Jahre in Paris. Zu ihren berühmtesten Werken zählt "Zeit der Unschuld", für das sie 1921 als erste Frau mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die zeitgenössische New Yorker Gesellschaft ist das immer wiederkehrende Thema ihrer psychologisch genauen, oft ironischen Romane.

Vance Weston, ein naiver Jüngling aus Illinois, schreibt in den 20er-Jahren seelenvolle Gedichte, erfindet eine neue Religion und meint, alles über das Leben zu wissen. Unzufrieden mit der provinziellen Enge, sehnt er sich nach New York. Doch zunächst verschlägt es ihn in eine Kleinstadt am Hudson River, wo er der Faszination der Vergangenheit verfällt: Ein altes Haus mit einer Bibliothek weckt seinen Sinn für Tradition und regt seine Fantasie an. Die junge Héloise Spear öffnet dem 19-Jährigen den Weg zur Dichtung. Er lernt Laura Lou kennen, ein bildschönes, gänzlich passives junges Mädchen, das er heiraten wird, nur um herauszufinden, dass zwischen ihnen kein geistiges Band besteht. Ein solches verbindet ihn hingegen mit Héloise, die ihrerseits einen wohlhabenden Kunstmäzen und Verleger ehelicht.

Damit ist der Knoten des Romans geschürzt. Vance geht nach New York und feiert erste Erfolge, nachdem eine literarische Zeitschrift eine seiner Erzählungen gedruckt hat. Zum ersten Roman freilich fehlt ihm jegliche Lebenserfahrung. So lautet der Rat eines wohlmeinenden Kritikers, er solle sich erst einmal in das Leben der Großstadt stürzen. Héloise, die als Ehefrau seines Verlegers wieder in sein Leben tritt, befördert gern die gesellschaftlichen und die künstlerischen Ambitionen Vances. Er beginnt ein Doppelleben, wenn auch nicht im sexuellen Sinne: Heloise teilt seine Euphorien und Verzweiflungen; Vances Frau kann und will das nicht, sie wird eifersüchtig.

Der ständige Kampf gegen die Armut, der Zwang, unter Zeitdruck künstlerisch zu produzieren, die Krankheit seiner Frau, die Begegnung mit der snobistischen New Yorker Gesellschaft, die viel über Kunst redet, aber nichts davon versteht und nur opportunistisch den Erfolgreichen nachläuft, die unausweichlichen Zwiste mit dem Herausgeber der Zeitschrift - all das wird präzise und in üppiger Detailfreude entwickelt. Der Roman ist mehrstimmig im Bachtinschen Sinne: Die Erzählstimme erzählt sachlich die Fakten und bewertet den Helden zuweilen mit sanfter Ironie. Die sogenannte erlebte Rede hingegen versetzt uns unmittelbar in die Gefühlswelt des Helden. Vances Fantasien, Gefühle und Wahrnehmungen sind außerordentlich bildhaft, gleiten jedoch bei aller Emphase nie ins Kitschige ab. Auch die Schilderung der oberflächlichen New Yorker Gesellschaft gerät niemals karikaturistisch.

"Ein altes Haus am Hudson River" ist eine lebendige, kluge, ironische und poetische "éducation sentimentale" in der Tradition des europäischen Bildungsromans, es ist ein Künstlerroman und ein Roman über den Großstadtmoloch New York der Roaring Twenties; das Buch enthält zudem eine Poetik des Romans. Dem Zürcher Manesse-Verlag sei Dank, dass er dieses wunderbare Werk endlich ins Deutsche hat übertragen lassen.

Besprochen von Gertrud Lehnert

Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River
Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Ott
Nachwort von Rüdiger Görner
Manesse Verlag, Zürich 2011
624 Seiten, 26,95 Euro

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