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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.02.2017

Porträt einer RegionBenelux hat große Unterschiede überwunden

Ute Schürings im Gespräch mit Andrea Gerk

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Alltag in Amsterdam: Die Stadt ist rund 800 Jahre alt, viele Gebäudefassaden stammen aus dem 17. Jahrhundert.  (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)
Die Niederlande gehören mit Belgien und Luxemburg in die sogenannte Benelux-Union: Diese Region hat Ute Schürings in ihrem neuen Buch porträtiert. (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)

Die Benelux-Länder haben für die Zusammenarbeit ihre Unterschiede überwunden, sagt Ute Schürings. "Es gibt eine große Diversität auf kleinstem Raum. Das ist schon von der Religion her so, von der Geschichte her", so die Autorin des Buches "Benelux".

Andrea Gerk: Rechter Populismus wie in Frankreich findet auch in den Niederlanden immer mehr Anhänger. Dort wird am 15. März gewählt, und zurzeit führt der Populist und EU-Feind Geert Wilders alle Umfragen an. Die Niederlande gehören mit Belgien und Luxemburg in die sogenannte Benelux-Union, und diese Region hat Ute Schürings in ihrem neuen Buch porträtiert. Sie ist Beraterin und Trainerin für interkulturelle Kommunikation mit Schwerpunkt Benelux und jetzt bei mir im Studio.

Guten Abend, Frau Schürings!

Ute Schürings: Guten Abend, Frau Gerk!

Gerk: Die Benelux-Staaten liegen ja so in der Mitte Europas, also bilden so ein bisschen das Herzstück Europas. Würden Sie denn sagen nach dieser Recherche für das Buch, dass da eher so die Unterschiede in dieser Region überwiegen, oder eher die Gemeinsamkeiten? Oder ist das nur ein Konstrukt, Benelux?

Schürings: Das ist eine interessante Frage, denn ich würde sagen, die drei Länder haben für die Zusammenarbeit ihre Unterschiede überwunden. Die Unterschiede sind enorm. Es gibt eine große Diversität auf kleinstem Raum. Das ist schon von der Religion her so, von der Geschichte her. Dann auch kulturell, also Romania, Germania – religiös meine ich jetzt protestantisch, katholisch, und von – also in verschiedener Hinsicht sind die sehr unterschiedlich, diese Länder. Und es war aber nach dem Zweiten Weltkrieg klar, dass man zusammenarbeiten muss. Und man hat für diese Zusammenarbeit diese großen Unterschiede überwunden, auch wirtschaftlich zum Beispiel.

In den Niederlanden war der Freihandel sehr wichtig, und in Belgien musste man eher die große Industrie schützen. Das hatte also eine andere Wirtschaftspolitik zur Folge und auch eine andere Steuerpolitik. Und man hat das überwunden.

Gerk: Aber man hört ja eigentlich immer von diesen ganzen Differenzen, die da bestehen, die Auseinandersetzung zwischen den Flamen und Wallonen und so. Gibt es denn auch so richtige Werte, die die Menschen in dieser großen Region miteinander verbinden?

Schürings: Das ist eigentlich nicht unbedingt der Fall. Also Werte in dem Sinne, wie uns alle Werte wie Demokratie verbinden – aber nicht so, dass man jetzt sagen könnte, dieser Kulturraum hat eine bestimmte Identität, die man nur in den drei Ländern findet und die alle drei Länder verbindet. Das gibt es eigentlich nicht.

Gerk: Das heißt, man hat da ja eigentlich offenbar im Kleinen eine Situation wie in Europa, oder?

Drei Kleine so stark wie ein Großer?

Schürings: Ja, ganz genau. Das macht es auch so interessant, denn der Ansatz war ein sehr pragmatischer. Man hat nicht gesagt, oh, wir sind uns alle so ähnlich, lasst uns doch mal zusammenarbeiten, wir passen doch so gut zusammen, sondern es ging nach dem Zweiten Weltkrieg um eine Neuordnung Europas. Man musste sich positionieren. Und der Gedanke dahinter war, drei Kleine sind vielleicht so stark wie ein Großer.

Gerk: Sie schreiben ja in der Einleitung des Buches, Ihr Ziel sei gewesen, zu verstehen, wie diese drei Länder ticken. Haben Sie es denn verstanden jetzt?

Schürings: Ich habe es zumindest ein Stück weit besser verstanden, und ich habe auch – ich mache das ja jetzt schon seit 20 Jahren, und ich habe wieder ganz viele neue Sachen entdeckt. Ich habe doch wieder festgestellt, dass dieser Raum eine Kultur, eine Politik, eine Geschichte hat, die immer wieder interessant ist. Und mir ist wieder aufgefallen, wie unterschiedlich die Länder ticken, aber auch, wie gut im Prinzip die Zusammenarbeit ist.

Gerk: Man kennt ja sehr viele berühmte Künstler, gerade aus Belgien sind mir einige eingefallen, Gérard Mortier bis Chris Dercon, der ja jetzt bald hier an der Volksbühne anfängt. Oder auch die Comickultur da. Gibt es denn auch so was wie so eine kulturelle Gemeinsamkeit oder etwas, was die – also so eine interkulturelle Verbindlichkeit zwischen diesen Beneluxstaaten?

Schürings: Also es gibt, was die Kultur angeht, schon die niederländische Literatur. In Flandern wird ja auch niederländisch gesprochen. Und gerade noch letztes Jahr war das zu sehen, wo auch beide, also Flandern und die Niederlande gemeinsam aufgetreten sind. Und da gab es sehr starke verbindende Elemente.

Gerk: Aber verstehen Sie denn, oder haben Sie jetzt verstanden, warum trotzdem in diesen kleinen Staaten, die ja eigentlich auch sehr gut von der EU profitieren häufig, warum da auch gerade eben so viel Widerstand zum Teil gegen die EU wächst, woran das liegt?

Schürings: Es liegt vielleicht auch daran, dass diese drei Länder ganz am Anfang der EU oder damals der EWG schon dabei waren. Und die EU ist natürlich enorm gewachsen, und die kleinen Länder spielen inzwischen eine ganz andere Rolle, als sie das vorher taten. Denn im Europa der Sechs waren die natürlich viel einflussreicher als in einem Europa der 28 oder heute vielleicht 27. Aber die Position und der Einfluss der Länder, das hat sich schon verändert.

Gerk: Merken Sie das auch in Ihrer Arbeit? Sie arbeiten ja als Trainerin und Kommunikations-Coach, wenn ich das richtig verstanden habe. Das heißt, da geht es wahrscheinlich darum, gerade Menschen aus der EU miteinander ins Gespräch zu bringen. Woran hapert es denn da meistens?

Schürings: Ich denke, in der direkten Zusammenarbeit, also gerade in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ist meistens das Engagement sehr groß, und die Arbeit klappt auch sehr gut. Ein Problem entsteht dann, wenn man sagt, wir müssen etwas finden, wie 27 zusammenarbeiten können. Das ist ein großes Problem. Wenn wir uns beschränken auf zwei oder drei, die zusammenarbeiten können, ist es viel einfacher, weil man auch das ja dann pragmatisch angeht. Es geht darum, man braucht vielleicht neue Polizeiregelungen, was man darf, was man nicht darf. Das ist konkret, das ist konkret auf die Grenze bezogen.

Gerk: Sie beschreiben ja ganz am Schluss, finde ich, sehr schön, wie die Leute in den Niederlanden und Belgien, in Luxemburg auch immer so mit großer Neugier Ihnen entgegengekommen sind oder Sie auch unterstützt haben, also gerade im Studium in den Niederlanden, das fand ich sehr hübsch, wie Sie das beschreiben, wo man Sie überall mit hingenommen hat, und wir man eben auch nicht so sich nur so zurückgezogen hat und vor dem anderen quasi gekniffen hat, sondern eben gerade aufeinander zu geht und das spannend findet. Das wäre doch wahrscheinlich vorbildlich für die EU, oder?

In der Grenzgegend von der Mentalität her ähnlich

Schürings: Ja, ich habe das persönlich als großartig empfunden, aber ich sehe das auch in den Seminaren. Es ist so, dass gerade die Teilnehmer aus den Beneluxländern also auf die Deutschen gerade auch zugehen und was von sich erzählen. Und auf deutscher Seite ist das Interesse aber auch groß. Es ist wirklich so ein beidseitiger Austausch, wo beide Seiten – ich gebe dann sehr oft deutsch-niederländische Seminare, aber auch mal deutsch-belgische, wobei das natürlich dann immer schon mit der Sprache, muss man gucken, wie man das macht. Aber zum Beispiel in den deutsch-niederländischen ist das Interesse sehr groß, die Bereitschaft sehr groß, aufeinander zu zu gehen und einander kennenzulernen. Und, um auf die Frage zurückzukommen, merkt man aber da schon, wie unterschiedlich die Länder sind, also wie unterschiedlich dann die Verwaltungsstrukturen sind, die Gesetzgebung ist. Das ist ja nicht nur, dass man zusammenarbeiten will und dass man sich vielleicht an der – also gerade in der Grenzgegend von der Mentalität her ähnlich ist, sondern man lebt in verschiedenen Ländern, die eine andere Verwaltung haben, eine andere Politik, eine andere Justiz. Da muss man erst mal zurechtkommen.

Gerk: Aber das, wie gesagt, wenn man Ihr Buch liest, hat man ja den Eindruck, man kann tatsächlich für die EU was davon lernen und eben das auch ein bisschen als Vorbild nehmen.

Schürings: Ich würde denken, ja. Man kann davon lernen, man kann gerade, was dieses Pragmatische angeht, davon lernen.

Gerk: Ute Schürings, vielen Dank, dass Sie hier bei uns im Studio waren. Und das Buch "Benelux. Porträt einer Region" ist im Christoph-Links-Verlag erschienen. 216 Seiten kosten 18 Euro. Und morgen stellt Ute Schürings ihr Buch in Berlin vor, in der Luxemburgischen Botschaft, die diese Veranstaltung gemeinsam mit den Botschaften der anderen Mitglieder der Beneluxunion ausrichtet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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