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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.03.2017

Populistische ErzählungenKampf um Deutungshoheit "ist in vollem Gang"

Katrin Heise im Gespräch mit Albrecht Koschorke

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Die AFD-Vorsitzende Frauke Petry, (l-r), die Vorsitzende des französischen Front National (FN), Marine Le Pen, der Vertreter der italienischen Lega Nord, Matteo Salvini, und der Vorsitzende der niederländischen Freiheits partei (PVV), Geert Wilders, der Generalsekretär der Österreichischen Freiheitspartei (FPÖ), Harald Vilimsky, und der AfD-Landesvorsitzende von Nordrhein-Westfalen, Marcus Pretzell beim Kongress der rechtspopulistischen ENF-Fraktion im Januar in Koblenz. (picture alliance / Thomas Frey/dpa)
Haben sie die wirkmächtigeren Erzählungen? Europas Rechtspopulisten, hier bei einer Konferenz im Januar 2017 in Koblenz: Frauke Petry (AfD), Marine Le Pen (FN), Matteo Salvini (Lega Nord), Geert Wilders (PVV), Harald Vilimsky (FPÖ), Marcus Pretzell (AfD) (picture alliance / Thomas Frey/dpa)

Momentan spiele sich ein Kampf zwischen zwei Grunderzählungen ab, sagt der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke: die von einer offenen, aufnahmefähigen Gesellschaft und die defensive über Bedrohung und Abschottung. Zweitere gewinne weltweit an Raum.

Populistische Erzählungen, die sich vom Konsens über die Bedeutung und Gültigkeit der Menschenrechte oder die Unabhängigkeit von Justiz und Medien verabschieden, gewinnen derzeit weltweit an Raum. Mit dem Kampf um die Deutungshoheit auf internationaler und nationaler Ebene beschäftigt sich die internationale Tagung "Wettbewerb der Narrative" vom 24. – 24.3. 2017 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Eröffnet wurde die Konferenz von dem Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke mit einem Vortrag zum Thema "Populisten und Liberale".

Aktuell spiele sich ein Kampf zwischen zwei Grunderzählungen ab, sagte Koschorke im Deutschlandradio Kultur. Dabei stünden illiberale Narrative des Populismus liberalen Erzählungen einer offenen Gesellschaft konträr gegenüber. Dabei hätten vor allem die  defensiven, abwehrenden Erzählungen derzeit Konjunktur. Populisten setzten liberale Erzählungen und damit die offene Gesellschaft unter Druck. "Die sagen, das können wir nicht mehr schaffen, wir müssen uns verankern. Wir müssen den Horizont auch zumachen. Das bedroht uns, bedrängt uns, " sagte der Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. 

Kampf zwischen zwei konträren Grunderzählungen

"Der Kampf ist in vollem Gang", sagte Koschorke weiter. Die eine Erzählung versuche noch, die Offenheit zu bewahren. "Die sagt, wir können aufnehmen, wir sind in einem Prozess. Die, die neu zu uns kommen, werden sich in unsere Welt hineinfinden, oder sind eine Bereicherung. Wir können dadurch wachsen. Das ist eigentlich die klassische liberale Erzählung. Dass es weitergeht, dass es eine Art von Entwicklung gibt, dass diese Entwicklung auch letzten Endes eine zum Guten ist." 

Diese Erzählung gehe "vom Geschlossenen ins Offene", so Koschorke. Sie sei "sozusagen die beschwingende, die utopische Erzählung, die auch immer etwas traumhaftes in unseren Alltag hineinbringt." Und dann gebe es "diese andere, die sagt, die Räume schließen sich. Es wird ein Verteilungskampf. Jeder der dazukommt nimmt uns  etwas weg. Es ist ein Nullsummenspiel."

Koschorke diagnostizierte einen massiven Zustrom zu neoautoritären, populistischen Erzählungen und Bekenntnissen und politische Strömungen, nicht nur in Europa sondern weltweit. Zu den Ursachen zählten einerseits die massiven Auswirkungen und Folgen der Weltfinanzkrise seit 2008, gleichzeitig sei weltweit das Modell eines liberalen Gemeinwesens "massiv unter Druck" geraten: Ein Modell, "das eigentlich Zugehörigkeit, und auch Wachstum und Entwicklung verspricht und daher inklusiv ist, das auch immer mehr Menschen in sich aufnehmen kann."

"Viele kleine gute Geschichten entgegensetzen"

In der Diskussion darüber, wie Gegenerzählungen aussehen könnten, die populistischen Erzählungen erfolgreich etwas entgegensetzen, plädiert Koschorke dafür, weniger eine einzige große Erzählung, als vielmehr viele Einzelschicksale zu erzählen:

"Man kann diesen großen dystopischen apokalyptischen Erzählungen auch immer wieder die vielen kleinen guten Geschichten entgegensetzen, und auch sozusagen die zivilgesellschaftlichen Begebenheiten. Man kann dagegenhalten, natürlich. Die Frage ist, welches Gesellschaftmodell dem auf die Dauer sich entgegensetzen kann. Und das ist eine große Frage, die uns sicher noch Jahrzehnte beschäftigen wird."

Narrative im Sinne von einigenden Erzählungen einer Gesellschaft seien entscheidend, "weil wir sonst eine unüberschaubare Fülle von eindrücken verschwimmen würden. Und deshalb brauchen wir bestimmte Strukturen", erklärte Koschorke.

Zur Person: Albrecht Koschorke lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz und hatte Gastprofessuren u. a. in Chicago und Berkeley. Er ist Autor (u.a.) von "Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie" (2012), "Hegel und wir" (2015) und  "Adolf Hitlers 'Mein Kampf'. Zur Poetik des Nationalsozialismus (2016).

Die Tagung "Wettbewerb der Narrative - Zur globalen Krise liberaler Erzählungen" vom 24. - 25. 3. 2017 ist eine gemeinsame Veranstaltung des Goethe-Instituts, der Heinrich-Böll-Stiftung, des Bundesverbands der Deutschen Industrie und des Käte Hamburger Kollegs/Centre for Global Cooperation Research. Die Tagung stellt zentrale Fragen anhand von übergreifenden Themen wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit, sexuelle Orientierung oder Flucht und Migration.


Das Interview im Wortlaut:

Katrin Heise: Die Gesellschaft, dieses komplizierte Gebilde aus verschiedenen Gruppierungen und Personen, diese Gesellschaft wird zusammengehalten durch Regeln und Gesetze, auf die man sich geeinigt hat, und – ganz wichtig für den emotionalen Zusammenhalt und dass man sich überhaupt Regeln und Gesetze geben kann –, wird sie zusammengehalten durch einende Erzählungen, sogenannte Narrative. Die transportieren unsere Werte, ja, unsere Werte, unsere Normen. Früher ging es dabei um Freiheit, um Vernunft, um Erzählungen um Aufstieg. Heutzutage aber hört man immer häufiger Narrative, die sich um Verteidigung drehen, um Angst, um Überforderung. Albrecht Koschorke beschäftigt sich als Germanist mit diesen Narrativen. Von ihm stammt die Erzähltheorie "Wahrheit und Erfindung". Ich grüße Sie, Herr Koschorke, schönen guten Tag!

Albrecht Koschorke: Guten Tag!

Heise: Warum ist das eigentlich so, warum sind Narrative tatsächlich wichtig?

Koschorke: Weil wir nicht in der Welt leben, wie sie ist, sondern in der Welt, wie wir sie uns zurechtlegen, wie wir sie auch kollektiv uns zurechtlegen, auf die wir uns einigen, weil wir sonst in einer unüberschaubaren Fülle von Eindrücken verschwimmen würden. Und deshalb brauchen wir bestimmte Strukturen, das sind auch sinnhafte oder weniger sinnhafte Strukturen, und wenn diese Strukturen sich in der Zeit dehnen, wenn sie eine Dramaturgie haben, wenn sie etwas von der Vergangenheit in die Gegenwart oder in die Zukunft bringen, kann man sie Erzählungen nennen.

Heise: Wenn ich mal ein Beispiel nennen kann, diese Erzählung Tellerwäscher zum Millionär, also Aufstiegserzählung eigentlich in den USA. Oder hier in Deutschland könnte man vielleicht sagen, wir haben aus unserer Vergangenheit gelernt. Das ist ja auch so eine Erzählung, so eine Gründungserzählung der Bundesrepublik, aus Trümmern und Schuld heraus. Wenn jetzt aber eine Gesellschaft so divers ist, so viele Teile der Gesellschaft mit dieser Vergangenheit gar nichts mehr zu tun haben, keine Verbindung dazu haben, kann es denn dann auch eine einende Erzählung geben, ein einendes Narrativ?

Koschorke: Man muss verschiedene Größenordnungen unterscheiden. Ich würde deshalb gern auch zwischen Geschichten und Erzählungen unterscheiden. Jeder von uns hat eine Geschichte erzählt eine Geschichte. Unser Leben spielt sich in Geschichten ab. Das sind erst mal ganz kleinteilige Sachen, alltagsnahe Angelegenheiten, persönliche. Die Frage ist, wie viel von den eigenen Geschichten kann man in eine solche verbindende Erzählung eintragen, zum Beispiel in die verbindende Erzählung des Aufstiegs, des sozialen Aufstiegs. Das können Gesellschaften tun, glaubhaft tun, selbst wenn es nicht auf jeden einzelnen zutrifft, wenn sie sozusagen im Aufwind sind. Wenn sie also tatsächlich eine Aufwärtsdynamik haben, dann kann diese Erzählung erstaunlich wetterfest sein und sogar persönliche Enttäuschungen abfedern, weil man sich immer wieder sozusagen in sie zurück inseriert. Wer dann gerade eine Niederlage erlitten hat, der wird sagen, es geht trotzdem weiter, so ähnlich, wie man ja gewohnt ist, dass Sportler, die gerade verloren haben, sagen …

Heise: Beim nächsten Mal …

Koschorke: Beim nächsten Mal und so weiter. Das heißt, diese Erzählungen öffnen den Raum auch ein bisschen ins Unbestimmte, und dieses Unbestimmte hat auch etwas sehr Einigendes. Nur in einer Welt von Bestimmungen könnten wir gar nicht existieren. Wir brauchen sozusagen offene Zonen, in die hinein wir etwas projizieren, was dann nicht ganz ausgesprochen ist.

Heise: Ich meinte jetzt aber auch gerade Gesellschaften wie jetzt unsere, also eine Gesellschaft, die sich auch Einwanderungsgesellschaft nennt. Wo wirklich so vieles zusammenkommt. Was ist da die einende Erzählung?

"Das Erzählen spielt sich ja nicht ganz im Friedlichen ab"

Koschorke: Ja, das ist die Frage. Das ist vielleicht auch die Frage, um die gerade gekämpft wird. Das Erzählen spielt sich ja nicht ganz im Friedlichen ab. Natürlich kann jeder alles sagen, Wörter sind billig, wie man sagt, Erzählungen sind eine sehr kostengünstige Art, sich in der Welt zurechtzufinden erst einmal. Aber nicht alle Erzählungen kommen durch, und viele sind auf Konflikt angelegt. Und es gibt im Moment vielleicht zwei Grunderzählungen: Die eine versucht noch, diese Offenheit zu bewahren und zu sagen, wir können aufnehmen, wir sind in einem Prozess, die neu zu uns kommen, werden sich in unsere Welt hineinfinden.

Heise: Oder sind eine Bereicherung.

Koschorke: Oder sind eine Bereicherung. Wir können dadurch wachsen. Das ist eigentlich die klassische, wie soll man sagen, liberale Erzählung. Dass es weitergeht, dass es eine Art von Entwicklung gibt, und dass diese Entwicklung auch letztlich eine zum Guten ist. Es gibt aber inzwischen natürlich auch, und nicht nur inzwischen, immer gibt es die, und im Moment haben sie Konjunktur, die defensiven, die abwehrenden Erzählungen, die sagen, das können wir nicht mehr schaffen, wir müssen uns verankern, wir müssen den Horizont auch zu machen. Das bedroht uns, bedrängt uns, und so weiter. Das heißt, die eine Erzählung, die vom Geschlossenen ins Offene geht, das ist sozusagen die beschwingende, die utopische Erzählung, die auch immer etwas Traumhaftes mit in unseren Alltag hineinbringt. Und dann gibt es diese andere, die eigentlich sagt, die Räume schließen sich, es wird eng, es wird ein Verteilungskampf. Jeder, der mehr dazu kommt, nimmt jemand anderem etwas weg. Es ist ein Nullsummenspiel.

Heise: Die Tagung, die ich vorhin erwähnt habe, vom Goethe-Institut, die spricht ja von einer globalen Krise liberaler Erzählungen, also dieser offenen Erzählungen, und sieht die Gefahr, dass diese einschränkenden, die abgrenzenden Erzählungen, Narrative eigentlich überwiegen. Sehen Sie das denn so, dass das jetzt tatsächlich eigentlich schon umgekippt ist?

Massiver Zustrom für populistische Erzählungen

Koschorke: Ich würde sagen, der Kampf ist in vollem Gang, und es ist in der Tat so, und deshalb nützen eigentlich sozusagen lokale Erklärungen dafür nicht. Es ist in der Tat so, dass neoautoritäre, populistische Erzählungen und Bekenntnisse, politische Strömungen derzeit massiven Zustrom haben. Und das gilt nicht nur für Europa, wo wir das im Auge haben, wo wir das gern mit Migration erklären. Es gilt für viele andere Bereiche der Welt, für Asien, für Lateinamerika, für Südafrika. Wohin man blickt, gibt es diese Tendenz. Und dann ist natürlich zu fragen, wie kommt eine solche globale Tendenz zustande? Was ist los mit der globalen Wirtschaft? Oder ist das ein Ansteckungseffekt, spricht sich das sozusagen herum?

Heise: Und was denken Sie?

Koschorke: Ich glaube, es ist eine Mischung aus sehr vielem. Es ist natürlich – es gibt nahe und ferne Ursachen. Die nahen Ursachen sind sicher noch die Folge der Weltfinanzkrise, die massive Auswirkungen hat seit 2008. Aber die ferneren Ursachen sind in der Tat, dass dieses Modell eines liberalen Gemeinwesens, das eigentlich Zugehörigkeit verspricht und auch Wachstum und Entwicklung verspricht und dadurch inklusiv ist, das heißt, immer mehr Menschen in sich aufnehmen kann, dass dieses Modell massiv unter Druck gekommen ist von ganz verschiedenen Seiten.

Heise: Und was ist dem entgegenzusetzen? Ich meine, man kann ja jetzt eine positive Erzählung, ein positives Narrativ nicht einfach erfinden, also wie das vielleicht Wahlkampfstrategen oder Werbestrategen machen wollten. Es muss ja, um wirksam zu sein, tatsächlich gefühlt werden. Also was ist jetzt dagegenzusetzen?

Koschorke: Das ist die große Frage. Das ist eine Frage, für die ich mich jetzt erst einmal nicht zuständig fühle. Als Literaturwissenschaftler kann ich mich da sozusagen zurückziehen. Wenn ich dann trotzdem gefragt würde, und ich werde ja ständig trotzdem gefragt, dann ist die erste Auskunft in der Tat, man kann nicht Erzählungen einfach erfinden. Man kann jetzt nicht sich hinsetzen und eine basteln. Das heißt, man kann es schon tun, aber sie wird keinen großen Effekt haben. Aber man kann doch diesen großen dystopischen, apokalyptischen Erzählungen die vielen kleinen guten Geschichten entgegensetzen und auch sozusagen die zivilgesellschaftlichen Begebenheiten dagegensetzen. Und man kann dagegenhalten, natürlich. Die Frage ist, welches Gesellschaftsmodell dem auf die Dauer sich entgegensetzen kann. Und das ist eine große Frage, die uns sicher noch Jahrzehnte beschäftigen wird.

Heise: Davon ist auf jeden Fall auszugehen. Das sagt Albrecht Koschorke, Literaturwissenschaftler, zur Wirkung von Narrativen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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