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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.02.2007

Populismus und Elitekult

Von Bruno Preisendörfer

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Fühlt sich die Elite durch die Masse gestört? (AP)
Fühlt sich die Elite durch die Masse gestört? (AP)

Derzeit schwillt wieder die Klage an, Populisten von links und rechts würden die Demokratie gefährden. Diese Klage hat aber selbst einen anti-demokratischen Unterton, und zwar insofern, als sie fast immer mit einer Abwertung der Masse verbunden ist.

Die Elite fühlt sich durch die Masse, das Volk einfach bloß gestört. Ihr wäre es am liebsten, wenn der Demos die Klappe halten und sich, ohne Umstände zu machen, regieren ließe. Dabei sollte doch eigentlich die Demokratie den Demos nicht zum Schweigen bringen, sondern ihm zur Sprache verhelfen.

Aber im politischen Alltag wird dem Souverän gern die Souveränität abgesprochen, er wird zum bloßen Objekt einer Elite von Leistungsträgern, Entscheidungsträgern, Verantwortungsträgern. Und selbst wenn einige Stars dieser Elite Leistung durch Anmaßung ersetzen, Entscheidung durch Willkür, Verantwortung durch Ignoranz – vom Volk, der ewigen Kanaille, wird dennoch Zustimmung erwartet, mag sie auch zähneknirschend sein.

Geht jedoch das Zähneknirschen in Wutgeschrei über, zeigt man sich gekränkt und besorgt: Gekränkt, dass die eigenen edlen Absichten so wenig wertgeschätzt werden; und besorgt über populistische Verführbarkeit. Das Volk wird behandelt wie ein ungezogenes Kind, dessen schlechtes Benehmen es zu verbessern gilt. Sinkt beispielsweise die Wahlbeteiligung unter die Schmerzgrenze von fünfzig Prozent, finden sich immer Erziehungsdiktatoren aus der politischen Elite, die das Volk mit einer Wahlpflicht an die Urnen zwingen möchten. Und wenn ein Volk seinen Repräsentanten eine europäische Verfassung vor die Füße wirft, die in Wahrheit gar keine Verfassung, sondern bloß ein dickes Bürokratenwerk ist, dann macht die Elite dafür nicht den öffentlichkeitsscheuen und undemokratischen Entstehungsprozess dieses bizarren Konvoluts verantwortlich, sondern die Unvernunft des Volkes, in diesem Beispiel die des populistisch irre geleiteten "Franzosen" oder "Niederländers".

Immer dann, wenn die Elite die Interessen und Bedürfnisse einer großen Zahl von Menschen links oder rechts liegen lässt, haben Demagogen von links und rechts ihren Auftritt und Populisten von links und rechts ihre Chance. Die Verachtung, die von der Elite dem Volk entgegengebracht wird, zeigt sich auch darin, dass man sich nicht einmal mehr die Mühe macht, zwischen Populismus und Demagogie zu unterscheiden. Nicht jeder Demagoge ist Populist, und nicht jeder Populist in gleichem Maße Demagoge. Außerdem ist nicht einzusehen, dass der Selbstpropagierung der Elite mit Worten wie "Öffentlichkeitsarbeit" oder "politisches Marketing" begriffliche Samthandschuhe übergezogen werden, während jeder Piep des Populisten gleich in die Nähe Goebbel’scher Hetze gerückt wird.

Demagogie ist in der Elite genauso zu Hause wie bei den Populisten, selbst wenn die elitäre Demagogik von weitem eher wie Pädagogik aussieht. Auch der Kult, der seit einigen Jahren um Elite und Exzellenz getrieben wird, hat seine demagogische Seite. Insofern nämlich, als der Starkult des Popgeschäfts in das Managerwesen oder den Wissenschaftsbetrieb eingedrungen ist. Die kultische Verehrung der Elite ist Populismus für die Mittelschicht.

Jeder brave Steuerberater, jede ordentliche Rechtsanwältin, ach ja, und vielleicht auch jeder Politische Feuilletonist, der halbwegs sauber sein Textlein spricht, ist ein wenig wie Pamina in Mozarts Zauberflöte, wenn sie schwärmt: "Ich höre das Wörtlein Liebe gar zu gern." – Wir hören das Wörtlein Elite gar zu gern, und sind schnell bereit, uns selbst ein ganz klein wenig dazu zu zählen.

Es geht mir nicht darum, exzellente Leistungen herabzuwürdigen oder populistische Irreführungen aufzuwerten. Es sollte nur daran erinnert werden, dass Elitekult und Populismus mehr miteinander zu tun haben, als den Verfechtern von beidem recht sein mag. Beide können einer Demokratie gefährlich werden, die nun einmal eine der Massen ist – andererseits gehören beide zur Demokratie, die nun einmal auch eine der Massenmedien ist. Wie so oft in der Demokratie kommt es darauf an, zäh an etwas fest zu halten, was von Eliten und Populisten gleichermaßen verachtet und geschmäht wird: Am mittleren Maß, an der Vernunft des Unspektakulären.

Bruno Preisendörfer (privat)Bruno Preisendörfer (privat)Bruno Preisendörfer, Jahrgang 1957, lebt als Publizist und Schriftsteller in Berlin. In diesem Jahr sind der Erzählungsband "Die Beleidigungen des Glücks" und der Roman "Die letzte Zigarette" erschienen.

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