Donnerstag, 18.07.2019
 

Kompressor | Beitrag vom 20.06.2019

Popkultur aus BrasilienKünstlerinnen und Künstler unter Beschuss

Von Azadê Peşmen

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"Passinho"-Tanzstunde im Makeshift Tanzstudio in der Favela Borel in Rio de Janeiro, Brasilien (dpa / picture alliance / AP Photo / Nicolas Tanner)
Viel "Footwork", Fuß-Arbeit, und meistens barfuß: So tanzt man "Passinho", den "kleinen Schritt" in Brasilien (dpa / picture alliance / AP Photo / Nicolas Tanner)

Seit ein Clip auf Youtube viral ging, in dem drei Jungen "Passinho" tanzen, hat sich der Tanzstil zu einem echten Phänomen unter brasilianischen Jugendlichen in Favelas entwickelt. Und mittlerweile hat er sich in ganz Brasilien ausgebreitet.

"Also hier in Rio, in Brasilien generell, hat jeder Bundesstaat seinen eigenen Funk-Stil. Hier in Rio ist 150 Beats pro Minute am beliebtesten, das ist eine beschleunigte Form von Funk. In São Paulo oder anderen Bundesstaaten ist der Funk eher langsamerer. Das hier ist noch nicht ganz 150 BPM, aber es geht schon in die Richtung des Baile Funk aus Rio de Janeiro."

Malukinho produziert seit vielen Jahren Funk Beats, unter anderem für MC Carol, eine der bekanntesten Funk-Künstlerinnen Brasiliens. Das Genre 150 BPM ist das Ergebnis eines Zufalls: DJ Polyvox aus Rio de Janeiro nahm auf, wie sein Kind eine Cola-Flasche gegen eine Tür schlug. Aus dieser Aufnahme, bzw. der auf 150 BPM beschleunigten Version ist mittlerweile das beliebteste Subgenre des Funk entstanden.

Eine Mischung aus Samba, Frevo, Breakdance und Footwork

"Das hier kennst du oder? Das ist eher ein älterer Funk, ist aber auch in Rio sehr beliebt. Als ich zuletzt in Berlin aufgetreten bin, habe ich ein Set nur mit solcher Musik gespielt, die Leute kannten das und haben es gefeiert. Das ist ein Klassiker."

Malukinho legt auf Konzertbühnen auf. Die Bailes, die Partys in den Favelas, bei denen Funk aufgelegt wird, gibt es aber immer noch und sie sind für die Kultur nach wie vor wichtig. Nicht nur weil dort die MC's mit ihrem Pendant zu Rap auftreten, sondern auch, weil dort die Tänzer trainieren. Zum Funk gehört neben der Musik vor allem eines: Der Tanz Passinho.

Die beiden brasilianischen Passinho-Tänzer Sheick und VN (Deutschlandradio / Azadê Peşmen )Die beiden brasilianischen Passinho-Tänzer Sheick und VN (Deutschlandradio / Azadê Peşmen )

In der Arena Dicro, eine Art Kulturzentrum und Veranstaltungsort im Norden Rio de Janeiros fangen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen langsam an, das kleine Café aufzumachen. Die Passinho-Tänzer Sheick und VN sind noch mit ihrem Frühstück beschäftigt, entschuldigen sich hastig dafür und erklären dann, weshalb sie diesen Ort für das Interview ausgewählt haben. VN:

"Alles was mit Kultur zutun hat, findet hier statt: Tanz, Capoeira. Ich unterrichte hier auch. Und unsere jetzige Kompanie hat hier ihren Anfang genommen. Die Audition war hier, dort in dem Saal da vorne. Es waren mehr als 60 Tänzer und Tänzerinnen da, zehn wurden genommen."

Die Brüder Sheick und VN sind Teil der Kompanie Suave, mit der sie regelmäßig auf Tour sind. Hauptsächlich tanzen sie Passinho: Eine Mischung aus Samba, Frevo, Breakdance und Footwork, also sehr schnellen Bewegungen mit den Füßen und Beinen. Von der Geschwindigkeit und vom Rhythmus her passt es zu Funk, der Musik, die wie Passinho in der Favela entstand. Der Tanz blieb zunächst unbekannt, es gab einige Cypher, kleine Runden, in denen die Tänzer ihr Können unter Beweis stellten, über die Favela-Grenzen hinaus kannte kaum einer den Passinho.

Bis das Video Passinho Foda in den sozialen Netzwerken viral ging. So wurde auch Sheick vom Passinho-Fieber angesteckt.

Sheick: "Die Ähnlichkeit zum Afrobeat drücken wir sehr deutlich aus, diese Verbindung zu unseren Vorfahren. Ist dir schon aufgefallen, dass wir den Passinho immer barfuß tanzen?"

Peşmen: "Ja, das wollte ich auch noch fragen, warum das so ist, jeder Arzt wird wahrscheinlich sagen, dass das wahnsinnig ist."

Sheick: "Wir transportieren damit die schwarze Kultur, der Fuß auf dem Boden, die Energie der Erde. Als es mit dem Passinho anfing, da hatten die Kids in der Favela nicht das Geld, Turnschuhe zu kaufen um damit zu tanzen. Alle haben barfuß auf dem Asphalt getanzt."

VN: "Und selbst wenn sie Turnschuhe kauften, dann nicht um damit zu tanzen."

Als kulturelles Erbe anerkannt

Sheick: "Nein, sondern um zu flanieren. Die ganze Energie der Erde, ich tanze ganz anders, wenn ich Schuhe anhabe, als wenn ich barfuß tanze. Barfuß ist einfach eine andere Energie. Ich glaube sehr daran, an diese Energie unserer Vorfahren, die wir erfahren, wenn unsere Füße den Boden berühren."

Mittlerweile ist der Passinho in ganz Brasilien bekannt, es gibt Workshops, Battles und Kompanien und Crews, wie die Imperadores de Dança, die sogar kürzlich in einer große Brasilianischen Talentshow den ersten Platz belegten. Es ist sogar als kulturelles Erbe Rio de Janeiros anerkannt. Allerdings hat die Polizei in Rio aufgerüstet, sie marschiert immer häufiger in die Favelas ein, es kommt immer mehr zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, Bailes werden verboten oder dürfen nur mit zeitlichen Beschränkungen stattfinden. Weniger Bailes bedeutet für die Tänzer auch: weniger Platz zum Tanzen.

Aktuell einer der erfolgreichsten Titel in Brasilien: 

DJ Rennan da Penha ist derzeit einer der bekanntesten DJs des Genres. Er kommt aus dem Complexo da Penha, einer Favela in Rio de Janeiro, in der er eine der landesweit bekanntesten und größten "Funk"-Parties veranstaltet. Allerdings sitzt er mittlerweile im Gefängnis. Der Grund: Ihm wurde vorgeworfen, sich mit Drogenhändlern gutzustellen. Viele Künstler und Künstlerinnen beschuldigen die Regierung Rio de Janeiros, andere Interessen zu verfolgen. Sie unterstützen DJ Rennan da Penha - wie auch die feministische "Funk"-Sängerin MC Carol.

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