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Tonart | Beitrag vom 31.10.2016

Pop-Oratorium "Luther"Musikalische Auferstehung als Popstar

Von Claudia Dasche

Das kirchliche Pop-Oratorium Luther feiert am Reformationstag, Samstag (31.10.2015), in Dortmund mit mehr als 3.000 Sängern Premiere. (imago stock&people)
Das kirchliche Pop-Oratorium Luther feiert am Reformationstag, Samstag (31.10.2015), in Dortmund mit mehr als 3.000 Sängern Premiere. (imago stock&people)

Der vielleicht imposanteste musikalische Beitrag zum Reformationsjubiläumsjahr ist das Pop-Oratorium "Luther". 2017 wird es auf Tour gehen, auf CD ist es bereits erschienen. Claudia Dasche hat sie für uns gehört und einen fiktiven Brief an Luther geschrieben.

Lieber Martin Luther,

hättest Du Dir jemals vorstellen können, dass Deine Lieder, allen voran Dein "feste Burg", nach fast einem halben Jahrtausend  immer noch auf Deutschlands Kirchen-Hitlisten stehen, vor allem heute zum Beispiel auch so klingen?

(Musikbeispiel: Ein feste Burg)

Mal abgesehen davon, dass aktuell bei unseren Christen Deine Burg schon arg ins Wanken geraten ist – für meinen Geschmack klingt das ziemlich mainstreamig, was Dieter Falk da aus Deinem Choral gemacht hat. Assoziiert eher Vorspannmusik zu Fernsehserien à la "Traumschiff" oder "Um Himmels Willen".

Luther - der erste Popmusiker der Kirchengeschichte?

Naja, um des Himmels Willen ging es Dir schließlich, woraus Du Mut und unerschütterliches Gottesvertrauen geschöpft hast für Deine Reformschriften und Predigten. Vor allem ging es Dir aber um Botschaften, die bei den Glaubensschwestern- und -brüdern, verbal wie musikalisch verständlich verpackt, auch ankommen sollten. Darum Deine feste Überzeugung:

" …muss man die Mutter im Haus, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen und denselben auf das Maul sehen und danach dolmetschen."  

War es das, was sich auch Dein Arrangeur und Komponist Dieter Falk auf die Fahnen geschrieben hat beziehungsweise dann aufs Notenpapier?

"Ich habe natürlich dieses Wort: dem Volk aufs Maul schauen, wirklich schon bedacht. Und dann ist mein Ziel, Luther aus dieser Bildungsbürgernische rauszuholen. Wenn das nicht populäre Musik ist, deshalb für mich: Luther – der erste Popmusiker der Kirche."

20.000 Chorsänger machen bundesweit mit

Verstehe - um Massen zu mobilisieren, zu begeistern braucht's hier musikalisch leicht verdauliche Kost. Allerdings – im Gegensatz zu Dir, lieber Luther, serviert sie Dieter Falk mit ziemlich vielen Zutaten.

"Für mich gab's da nie diese uralte Schublade zwischen E- und U-Musik. Deswegen habe ich immer diese breite Palette von Stilen innerhalb der Popmusik und der Klassik als eine Bereicherung empfunden. Deshalb findet man derartige Anklänge eben dann, wenn ich Originale von Luther, Choräle, zitiere und mit der Gegenwart in Berührung bringe."

An Musikmixe dieser Art sind wir heute ja längst gewöhnt. Aber mich wundert’s nur, warum gleich in solchem XXXL-Format?

"Als wir dieses Projekt gestartet haben, wollten wir 1000 Leute zum Mitmachen bewegen als Chor. Daraus wurden 3000 und inzwischen sind's 20.000.

Und diese Leute studieren jetzt bundesweit dieses Stück ein. Wenn das dann im Januar bis Ende des Jahres auf Tournee geht, da ist das schon sportlich. Aber wir haben ja unsere Beispiele, dass es funktionieren kann."

Was hätte Luther selbst dazu gesagt?

Für "Luther" – das Pop-Oratorium. Neben Choristen gemeinsam mit Karl V., Melanchton, Paulus, einer Marketenderin, Ablasspredigern, kaiserlichen Beamten gehst Du, lieber Luther, also auf große Deutschlandtour.

(Musik: "Ich bin nicht der...")

So würde ich das nicht unbedingt sehen. Aber ehrlich, auch ich habe da meine Zweifel, ob Dir das überhaupt gefallen würde, bei dieser bombastischen Bühnenshow statt Gott selbst im Rampenlicht zu stehen.

Als Reformationsjubiläums-Popstar?

(Falk): "Ich muss das klar verneinen. Wir wollen nicht ein Popstar oder Hero, einen Helden Luther darstellen.

Und nach Luther war die Welt nicht mehr die gleiche wie zuvor. Deswegen ein Stück über Luther, aber nicht, um ein Popidol zu deklamieren, daran liegt es Michael Kunze und mir nun überhaupt nicht."

(Musik: In Worms ist Reichstag)

"Wir wollen anhand dieser Rahmengeschichte vom Reichstag in Worms erzählen, worum’s geht: nämlich um selbst zu denken, um Freiheit, um eine Kulturänderung. Das aber nicht nur bierernst, sondern wir nehmen auch mal die Banker der damaligen Zeit, die Fugger, mit schönen Querverweisen auf heute auf's Korn, aber auch die Politiker."

Viel mehr als ein Protagonist der Kirche

Sich mit Deinem Werk, ob politisch oder theologisch auseinanderzusetzen, oder eben musikalisch in unserer Zeit mit unseren Mitteln zu dolmetschen, dazu massentauglich unterhaltsam als gigantisches Happening – das ist ohne Frage eine Herausforderung. Da reicht es nicht, nur kompositorisch bzw. logistisch sattelfest und einfallsreich zu sein, sondern, wie Dieter Falk seit Jahren, sich auch intensiv vorab mit Luther, Dir also, gründlich zu beschäftigen, um ein eigenes Urteil über Dich zu gewinnen.

(Musik: Wer ist Luther)

"Erst einmal ist er für mich ein Musikerkollege Und dann ist er inhaltlich jemand, der fast zeitgleich mit Erasmus von Rotterdam das freiheitliche, eigenständige Denken in unserer Gesellschaft, auf neudeutsch gefeatured hat, gegen Staat, Kirche und Finanzoberhoheit seinen eigenen Kopf zu artikulieren.

Für mich ist Luther viel mehr als ein kirchlicher Protagonist. Er hat für unser Land, für unsere Sprache extrem viel getan."

(Musik: Selber denken) 

So könnte der Idealzustand beschrieben werden, wenn jeder selber und frei denken würde, dem eigenen Gewissen folgen. Jedenfalls ist das, lieber Luther, ja Deine Kernaussage – nach wie vor aktuell auch für uns im Kleinen wie im Große und im Projekt der 1000 Stimmen.

Kann dieses Projekt etwas Nachhaltiges bewirken?

Eins steht fest: nicht nur Du bist streitbare Peron, lieber Luther, ganz sicher auch dieses überdimensionierte Pop-Jubiläumshighlight, aber:

Das Projekt will ein Zeichen setzen.

Falk: "Message ist, wir alle sind Gottes Kinder. Und da sage ich als Autor: damit meine ich auch die Muslime…"

Ob es am Ende nur beim "Dabeisein ist alles" bleibt oder doch etwas in unseren Köpfen hängen bleibt und bewirken kann, da würde ich zunächst mal ein Fragezeichen setzen.

Dieter Falk, Michael Kunze, Paul Falk: Pop-Oratorium Luther
Doppel-CD, Universal-Music 2016, 18,99 Euro

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