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Tonart | Beitrag vom 08.08.2019

Pop-Feministin Marika HackmanKeine Lust auf Männerperspektiven

Von Vanessa Wohlrath

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Die Musikerin Marika Hackman steht mit ihrer Gitarre auf der Bühne und singt. Sie wird von zwei weiteren Musikerinnen unterstützt. (imago / Joshua Atkins)
Feministische Power: Marika Hackman spielt mit ihrer Band "The Big Moon" in London. (imago / Joshua Atkins)

Wütend sein, über queeren Sex und Masturbation singen und dabei verspielten Pop machen: Marisa Hackmans Album "Any Human Friend" zeigt, dass diese Kombination funktioniert. Die Texte haben es in sich, und das ganz ohne Riot-Grrrl-Sound.

Der Aufschrei scheint immer noch groß: Als 2017 die Kurzgeschichte "Cat Person" im New Yorker erscheint, und die Autorin Kristen Roupenian darin unverblümt eine Affäre aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt. Seitdem trauen sich immer mehr Frauen, in der Öffentlichkeit ihren Frust zu äußern. Sie schildern ihre Erfahrungen mit Dating und Sex - von strengen Blicken auf ihren Körper und Alltags-Sexismus in Zeiten von #MeToo.

Auch die Musikerin Marika Hackman aus London ist wütend. Darum veröffentlicht sie nun ein Album, das aus der Männerfantasie aussteigt und aus der Perspektive einer queeren Frau erzählt. "Ich denke, es ist an der Zeit, vielleicht auch mal die andere Seite der Geschichte zu hören", glaubt die Marika Hackman. "Eine Sache, die mich nämlich besonders rasend macht, ist, wenn deine eigene Sexualität von Männern zum Objekt gemacht wird. Das ist wirklich frustrierend, besonders weil es im Alltag überall subtil passiert, diese männliche Sicht auf die Dinge ist immer irgendwie da."

Ständig urteilen andere über weibliche Sexualität

Marika Hackman ist stinksauer. Die 27-jährige Musikerin hat es offensichtlich satt im Alltag – ob in Werbung oder Sozialen Medien – immer nur durch die männliche Brille zu blicken. Wie sollen Frauen ein Selbstverständnis für ihren eigenen Körper und für ihre Sexualität entwickeln, wenn ständig jemand anderes darüber urteilt? Hackman greift darum jetzt selbst zum Mikrofon, und singt im Song "All Night" ganz offen über Sex aus der Perspektive einer queeren Frau.

"All Night"
We go down on one another (We go down on one another)
You’re my favourite kind of lover (You’re my favorite kind of lover)
With your kissing, fucking (Eating, moaning)
Kiss it, fuck it (Eating)

"Ich finde es gut, wenn Frauen sehr offen über Sex sprechen", erklärt Hackman. "Die Frauenperspektive auf Sex ist doch die eigentlich interessante. Sie führt dazu, seinen Neigungen selbstbestimmt und eigenmächtig nachzugehen. Auf meinem Album benutze ich zwar keine herablassende Sprache gegenüber Frauen – das heißt aber noch lange nicht, dass ich nicht auch unanständig sein kann. Es geht aber nie darum, die beteiligten Frauen herabzusetzen, sondern eher den Sex zu feiern und sich dadurch stark zu fühlen!"

Dieses Female Empowerment feiert die Londonerin auf ihrem neuen Album "Any Human Friend", das sie zusammen mit David Wrench aufgenommen hat, Produzent von unter anderem Frank Ocean und The xx. In süßen, harmonischen Melodien singt sie über Exzess und Masturbation, gibt aber auch einen persönlichen Einblick in die Trennung von ihrer langjährigen Beziehung, wie in dem Song "Send My Love".

Erst einlullen, dann schocken

Ähnlich wie die australische Singer-Songwriterin Stella Donnelly, die Themen wie Abtreibung und Vergewaltigung in ein sanftes Folk-Gewand hüllt, verfolgt auch Hackman eine ähnliche Strategie. Sie lullt ihre Hörer mit leichtfüßigem Pop ein, um anschließend einerseits mit scharfen Texten zu schocken, andererseits den Dialog und Raum zu öffnen, sich identifizieren zu können.

"Je mehr Menschen über diese Themen sprechen und diskutieren, desto mehr Aufmerksamkeit werden sie bekommen. Und so wird hoffentlich auch etwas passieren. Als ich aufwuchs, hatte ich nicht das Gefühl, in der Öffentlichkeit queere Frauen zu sehen, mit denen ich mich identifizieren konnte. Darum ist es umso wichtiger, dass sich jetzt auch der Pop-Mainstream für viele junge Frauen öffnet, die mit ihrer eigenen Sexualität hadern. Und ich finde, wenn jeder darüber sprechen KANN, dann ist es auch gut, wenn sie es tun."

"The One"
Love me more
I need to be adored
(You’re such an attention whore!) 
No I'm just like you 
But I can be your hero too 

Auch wenn die Songs auf "Any Human Friend" alles andere als nach Riot-Grrrl klingen: Der Geist dieser feministischen Bewegung, die mit ihrem Credo "Girls to the Front!" Anfang der Neunziger in den USA den allzu männerdominierten Punk aufwühlte, wohnt dem Album stark inne. In einer Welt zwischen Trump und #MeToo erzählt Hackman aus der Perspektive einer Frau, die wütend ist auf das Patriarchat und alltäglichen Sexismus. Und die damit auch fast 30 Jahre nach den Riot-Grrrl-Pionierinnen Kathleen Hanna und Co., ein weibliches Selbstbewusstsein im Pop fordert.

"Für mich fühlt es sich an, als hätten es Frauen ziemlich satt, dass sich noch nicht viel geändert hat. Jetzt wollen sie die Gunst der Stunde nutzen, und zurückschlagen. Das wird vielleicht nicht genauso ablaufen wie früher, das äußert sich dann in einer etwas anderen Form. Da tut sich definitiv etwas an der Front. Frauen fühlen sich jetzt stark genug, um ihre Meinung zu sagen. Darum ging es doch auch in der ganzen Riot-Grrrl-Bewegung", glaubt Hackman.

Die wütende Frau ist nicht gern gesehen

Frust und Wut mögen der queer-feministischen Musikerin dabei geholfen haben, angstfrei über ihre Sexualität zu singen. Trotzdem sind wütende Frauen nach wie vor nicht gern gesehen. Die frustrierte Feministin passt zu sehr in das Klischee, Wut macht sie angreifbar, während gleichzeitig aktuelle Debatten wie #MeToo ohne eine ordentliche Portion Aufruhr gar nicht möglich gewesen wären.

Wut ist also auch hilfreich, wenn sie als Initialzündung genutzt wird. Und genau das macht "Any Human Friend" zu einem starken Album. Es punktet durch seine Mischung aus poppigem Folk-Sound und glasklaren Ansagen, die gerade jetzt den Nerv der Zeit treffen.

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