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Nachspiel | Beitrag vom 01.12.2019

Polo-Sport in ArgentinienWeltspitze auf dem Rücken der Pferde

Von Victoria Eglau

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Zahlreiche Pferdebeine und Polo-Schläger stehen auf dem Polo-Feld. (imago images / Claus Bergmann)
Der Natur nachgeholfen: Im argentinischen Polo-Sport hat inzwischen die Klontechnik Einzug gehalten. (imago images / Claus Bergmann)

Nicht nur britische Royals lieben Polo, sondern auch die Elite in Argentinien. Das Land hat die Zucht der Pferde dank Klontechnik perfektioniert. Ganze Familiendynastien haben sich dem Sport verschrieben. Doch es ist einsam an der Spitze.

Vergangenen Samstag in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires: Auf dem Polo-Feld im Stadtteil Palermo wird eines der ersten Spiele der offenen argentinischen Polo-Meisterschaft 2019 ausgetragen: Der Titelverteidiger La Dolfina trifft auf die Mannschaft La Irenita. 

Rund 15.000 Zuschauer feuern auf den Tribünen ihre Teams an. Die argentinische Meisterschaft ist das Polo-Turnier, bei dem die meisten Karten verkauft werden. Zwar ist die Stimmung nicht so aufgeheizt wie in einem Fußballstadion, aber auch beim Polo bricht sich die Leidenschaft für den Sport Bahn.

Juan Luis Buchet ist Ende sechzig und liebt Polo. Beim Turnier von Palermo, Abierto de Palermo genannt, schaut er sich jedes Jahr ein paar Spiele an: "Schon als Jugendlicher hatte ich Gelegenheit, bei Freunden auf dem Land Amateur-Polo zu sehen. Das professionelle Polo habe ich dann hier, auf dem Platz von Palermo, kennengelernt. Man sieht hier die besten Spieler der Welt, das ist wirklich ein großes Vergnügen."

So bedeutend wie Wimbledon

Die offene Polo-Meisterschaft, die vier Wochen dauert und Mitte Dezember endet, ist das international bedeutendste Ereignis dieser Sportart und vergleichbar mit dem Tennis-Turnier von Wimbledon. Das Niveau ist tatsächlich so hoch wie bei keinem anderen Polo-Turnier der Welt. Veranstaltet wird die Meisterschaft von Argentiniens einflussreicher Polo-Vereinigung AAP.

"Unser Polo-Verband ist das, was für den Fußball die Fifa ist. Der internationale Polo-Sport wird heute von Argentinien aus gemanagt", erklärt der Präsident der Asociación Argentina de Polo, Eduardo Novillo Astrada. Bis vor wenigen Jahren war der hochgewachsene 47-Jährige selbst professioneller Polo-Spieler. Dass das südamerikanische Land einen so großen Einfluss in dieser Sportart hat, liegt an der unbestrittenen Tatsache, dass das argentinische Polo Weltspitze ist. 

"Die Gründe dafür sind vielfältig. Bei uns in Argentinien gibt es viel flaches Land und das Klima ist mild, weshalb wir das ganze Jahr über Polo spielen können. Und bei der Pferdezucht sind wir der Welt weit voraus. Klontiere, Embryotransfer: Die Polo-Pferdezucht in Argentinien ist viel moderner und professioneller als in anderen Ländern", sagt Eduardo Novillo Astrada.

Über Indien und England nach Argentinien

Argentinien hat das rasante Ball-Spiel auf Pferden nicht erfunden - seine Wurzeln liegen in Asien. Die Briten entdeckten den Sport in Indien und begannen, ihn zu praktizieren und zu reglementieren. Und englische Einwanderer und Geschäftsleute spielten dann im 19. Jahrhundert erstmals in Argentinien Polo. Verbandspräsident Eduardo Novillo Astrada erzählt: "Hier kam es dann zu einer regelrechten Explosion des Polo-Sports. Die englische Reitkultur und die Pferdeerfahrung der Gauchos im Agrarland Argentinien - das war einfach eine perfekte Kombination. Deswegen ist Polo hier so wichtig geworden."

Das Polo-Team La Dolfina traniert auf dem Polo-Feld mit seinen Pferden bei Sonnenschein. (Deutschlandradio / Victoria Eglau)Das Team La Aguada steht für einen Wandel im Polo-Sport und hat auch Spieler, die nicht zur Familie gehören. (Deutschlandradio / Victoria Eglau)
Doch zunächst blieben die Engländer bei den Polo-Spielen auf ihren Estancias, ihren Landgütern, unter sich. Eduardo Novillo Astrada dazu: "Am Anfang schlossen die Engländer die Gauchos vom Polo aus. Aber das hat sich dann geändert. 1888 wurde der erste Polo-Verein gegründet: Der Hurlingham Club. Daraufhin entstanden Polo-Clubs in ganz Argentinien."

Polo-Dynastien geben den Ton an

Doch Polo ist in Argentinien nie zum Massensport geworden. Die Sportart wird auf dem Land praktiziert und bis vor nicht allzu langer Zeit konnte nur Polo spielen, wer viele Pferde besaß. Die besten argentinischen Teams gehören einer Reihe von Polo-Dynastien, die den Sport seit Generationen ausüben.

Die Familie von Verbandspräsident Eduardo Novillo Astrada etwa besitzt das Profi-Team La Aguada: "Polo ist traditionell ein Familiensport. In meiner Familie wird bereits seit vier Generationen Polo gespielt. Mein Großvater besaß Rennpferde und irgendwann begann er mit dem Polo. Seinen Kindern und Enkeln hat er die Liebe zum Pferdesport eingeimpft. In dem Club La Aguada, den mein Opa gegründet hat, haben wir alle reiten gelernt. Denn bevor man Polo praktiziert, muss man gut zu Pferde sein. Als ich zum ersten Mal einen Schläger in die Hand bekam und anfing, auf den Ball einzuschlagen, war ich sechs.

Den Höhepunkt seiner aktiven Karriere erlebte Eduardo Novillo Astrada 2003, als er und seine drei Brüder gemeinsam die sogenannte Triple Corona gewannen: Die Serie der drei wichtigsten Turniere der argentinischen Polo-Saison, deren Höhepunkt die Meisterschaft von Palermo ist.

Mittlerweile hat La Aguada seine Mannschaft für einen Spieler geöffnet, der nicht zur Familie gehört - und das ist symbolisch für einen allmählichen Wandel in Argentiniens Polo-Sport. Nicht nur Sprösslinge der traditionellen Familien, auch Outsider können heute Profis werden. Alfredo Bigatti spielt seit drei Jahren für La Aguada:  "Ich stamme nicht aus einer Polo-Familie, aber mein Vater ist ein großer Pferdeliebhaber. Er wollte, dass ich Polo spiele. Und ich hatte nie Zweifel, dass ich mal Polo-Spieler werden würde. Ich liebe Sport und ich liebe Pferde. Polo ist für mich wie eine Sucht. Wenn man anfängt und sich verbessert, kann man nicht mehr aufhören. Das ist echt schön.

Es braucht ein hohes Handicap

Damit sich Alfredo Bigatti verbessern konnte, reichten Talent und Fleiß aber nicht aus - er brauchte zumindest ein paar eigene Pferde. Sein Vater begann mit der Zucht - nur um dem Sohn die Chance zu geben, im Polo-Sport zu reüssieren. Heute hat der 28-Jährige ein Handicap von acht: Acht von zehn. Das Handicap bestimmt das Niveau eines Polo-Spielers. 

Alfredo Bigatti erklärt: "Anders als beim Golf, wo die besten Spieler die niedrigsten Handicaps haben, ist beim Polo das höchste Handicap das Beste, also zehn. Um bei der Polo-Meisterschaft von Palermo zu spielen, musst Du ein Handicap von mindestens sieben haben. Das Handicap wird von einer Kommission festgelegt, die jedes Jahr zusammentritt und die Polo-Spieler bewertet."  

Alfredo Bigatti gilt als besonders hartnäckiger und kämpferischer Spieler, der auf dem Platz alles gibt. Er selbst nennt es Fanatismus, denn ein Polo-Spieler müsse fanatisch sein. Aber den größten Anteil am Erfolg habe, stellt Alfredo Bigatti klar, das Pferd, auf dem er reite: "Im professionellen Polo sind die Pferde äußerst wichtig. Siebzig Prozent hängen vom Pferd und dreißig Prozent vom Spieler ab. Ein schlechtes Pferd ist wie ein schlechtes Auto bei der Formel eins. Du kannst noch so gut sein, aber wirst nicht gewinnen. Ein gutes Polo-Pferd muss schnell rennen, bremsen und umschwenken können. Und es braucht enorme Ausdauer." 

Die Pferdeflüsterer der Spieler

Zurück beim Meisterschaftsspiel auf dem Polo-Feld von Palermo: Nach den ersten zwei Chukkers, so heißen die Spiel-Abschnitte, liegt La Dolfina mit 6 zu 1 vorn. La Dolfina ist zwölffacher argentinischer Polo-Meister. Drei Mal hat das Team die Triple Corona gewonnen. Nach jedem Chukker kommen die Spieler auf neuen Pferden zurück, die ihnen von ihren Petiseros übergeben werden. Ein Profi-Team beschäftigt Dutzende dieser Pfleger und Trainer.

Einer von ihnen erzählt: "Hallo, ich heiße Oscar Arguello. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr bin ich Petisero. Der Job gefällt mir, ich mache ihn mit Leidenschaft. Meine Verantwortung als Petisero ist, dass die Tiere in Topform sind. Ich bin eine Art Personal Trainer für Polo-Pferde. Die ganze Woche lang arbeite ich darauf hin, dass sie für das Spiel am Wochenende optimal vorbereitet sind." 

Man muss den Charakter eines Polo-Pferdes kennen

Der 28-jährige Oscar Arguello arbeitet für den Mann, der als bester Polo-Spieler der Welt gilt: Adolfo Cambiaso, Gründer des Teams La Dolfina. Ein Interview mit ihm ist nur schwer zu ergattern, aber immerhin erzählt sein Petisero bereitwillig von der Arbeit mit Cambiasos Polo-Pferden: "Morgens füttern wir sie, dann reinigen wir den Stall und waschen die Pferde. Und dann reiten wir die Pferde, sie müssen jeden Tag traben. Wenn man den Charakter eines Polo-Pferdes nicht gut kennt, kann man es nicht pflegen. Wir Menschen haben unsere Macken - und die Tiere auch."

Oscar Arguello sagt über sein Verhältnis zu den Tieren: "Ich habe zwei Töchter - aber die Pferde sind für mich auch so etwas wie Kinder. Keine Ahnung, ob das jemand verstehen kann. Ich will, dass ihnen nichts wehtut, dass sie essen, dass es ihnen gut geht. Mein Verhältnis zum Polo-Spieler wiederum basiert auf blindem Vertrauen. Er verlässt sich darauf, dass die Pferde in Bestform sind."

"Die Nummer eins ist am geschicktesten"

Die Mehrzahl der argentinischen Polo-Clubs und Polo-Schulen konzentriert sich in der Nähe von Buenos Aires. Eine gute Autostunde westlich der Hauptstadt befindet sich der idyllische Sitz von La Aguada, dem Club der Familie Novillo Astrada: Vierhundert Hektar sattgrünes Land mit vielen Bäumen, rund sechshundert Pferden und fünf Polo-Feldern. 

Auf einem trainiert an diesem Nachmittag das Profi-Team. Mit hochaufgerichteten Schlägern galoppieren die Spieler über den Platz und spielen sich den Ball zu. Für das Schlagen des Balls gibt es im argentinischen Spanisch ein eigenes Wort: Taqueo. 

Der Manager des Polo-Clubs, Thomas Hume, erklärt die Rollen-Verteilung im vierköpfigen Team: "Die Nummer vier ist Torwart und Verteidiger und bleibt immer hinten, um gegnerische Angriffe abzuwehren. Die Nummer drei ist der Spielmacher, er führt das Team. Und die Nummer zwei muss den Ball zurückerobern, wenn die andere Mannschaft ihn hat. Diese Position erfordert die meisten Kraft, weil der Spieler ständig in alle Richtungen galoppieren muss. Die Nummer eins schließlich ist am geschicktesten und wartet immer auf die Gelegenheit, den Ball ins Tor zu schlagen. Aber Tore machen können alle vier Spieler."

Ein Polo-Feld ist bis zu 270 Meter lang und bis zu 145 Meter breit. Kein anderer Mannschaftssport wird auf einem so großen Platz gespielt. Das erfordere eine Strategie, sagt Club-Manager Thomas Hume: "Auf dem Platz sind nur acht Spieler unterwegs, sie müssen wirklich eine große Fläche abdecken. Wenn ein Team keine Strategie hat und ohne Sinn und Verstand hin- und her galoppiert, hält das kein Pferd länger als zwei Minuten durch." 

Der richtige Schlag muss geübt sein

Ein paar Kilometer vom Club La Aguada entfernt betreibt Juan Quintana seine Polo-Schule La Amistad – auf Deutsch "Die Freundschaft". In England und den USA hat der Argentinier mehrere Jahre als Petisero gearbeitet und sich dann zum Lehrer ausbilden lassen. Die Schüler von Juan Quintana sind sowohl Ausländer, die zum Polo-Lernen nach Argentinien kommen, als auch Einheimische.

Heute ist es der Polo-Liebhaber Juan Luís Buchet, der eine Probestunde nimmt. Er hat Reitstiefel angezogen, einen Helm aufgesetzt und ist auf die zahme Stute gestiegen, die Juan Quintana für Anfänger vorgesehen hat. Als Juan Luís sicher im Sattel sitzt, drückt der Lehrer ihm den hölzernen Schläger in die Hand und fordert den Schüler auf, ein paar Mal über die Wiese zu traben.

Juan Luís Buchet kann zwar reiten, aber den Taqueo hat er noch nie ausprobiert. Sein Lehrer erklärt ihm, dass er nur im Stehen auf den Ball schlagen kann und führt die richtige Haltung des Schlägers vor. Dann stemmt sich der Schüler in den Steigbügeln hoch, beugt sich vor, holt aus und trifft nach mehreren Anläufen den Ball - ein erstes Erfolgserlebnis. 

Polo-Trainer Juan Quintana sitzt auf einem Pferd und weist seinen Schüler Juan Luís Buchet, ebenfalls auf einem Pferd sitzend, in die Kunst des Schlagens ein. (Deutschlandradio / Victoria Eglau)Polo-Trainer Juan Quintana weist seinen Schüler Juan Luís Buchet in die Kunst des Taqueo ein. (Deutschlandradio / Victoria Eglau)
"Wer heutzutage eine Polo-Erfahrung haben will, kann sie haben. Früher war Polo den reichen Familien vorbehalten, dann kam der Profi-Sport. Aber heute wollen wir, dass jeder Polo spielen kann", sagt Lehrer Juan Quintana. Und tatsächlich wächst in Argentinien die Zahl der Polo-Schulen und Schnupperkurse. Auch die traditionellen Clubs bieten Interessierten aus dem In- und Ausland Polo-Training an – inklusive Unterbringung in schicken clubeigenen Landhotels. Kein Zweifel: Polo ist zum Geschäft geworden.

"Polo ist immer noch elitär"

Es ist aber kein preiswertes Vergnügen, diesen Sport zu praktizieren, räumt Juan Quintana ein: "Polo ist und bleibt ein teurer Sport - vor allem, wenn man ihn auf Wettbewerbs-Niveau betreibt. Polo ist immer noch elitär. Aber heute muss man kein Land und keine Pferde mehr besitzen, um Polo spielen zu können. Früher war das die Voraussetzung. Oder aber du warst ein reicher Geschäftsmann und konntest dir dein eigenes Team leisten."

Die Finanzierung durch einen wohlhabenden Amateur, den sogenannten Patron, der in seinem eigenen Team gemeinsam mit drei Profispielern spielt, ist im Polo-Sport verbreitet. Auch in Argentinien gibt es dieses System. Bei den argentinischen Spitzenturnieren allerdings spielen die reichen Männer mit den niedrigen Handicaps nicht mit.

Polo-Lehrer Juan Quintana hält die Finanzierung durch Patrone sowieso für überholt: "Die Polo-Industrie wird nach wie vor zum großen Teil durch Patrone aufrechterhalten, die die Profis finanzieren. Aber dieses Modell ist nicht zukunftsfähig. Langfristig braucht der Polo-Sport Sponsoren. Aber warum sollten Sponsoren Polo finanzieren, wenn das Publikum begrenzt ist? Es müssten mehr Zuschauer zu den Spielen kommen, damit der Polo-Sport für Sponsoren attraktiver wird." 

Der Masse mangelt es an Begeisterung

Mit solchen Worten rennt man beim Präsidenten der argentinischen Polo-Vereinigung, Eduardo Novillo Astrada, offene Türen ein. Zwar hat der Sport heute Sponsoren, aber Novillo Astrada wünscht sich mehr davon - er will Polo daher in gewisser Weise massentauglicher machen. 

Ein Polo-Spieler reitet vor nur halb gefüllt Tribünen beim Spiel der offenen argentinischen Polo-Meisterschaft in Buenos Aires. (Deutschlandradio / Victoria Eglau)Die Tribunen sind nur halb gefüllt beim Spiel der offenen argentinischen Polo-Meisterschaft in Buenos Aires. (Deutschlandradio / Victoria Eglau)
"Ich glaube, Polo hat weltweit lange ein schlechtes Marketing gehabt. Wir wollen weg vom elitären Image und stärker betonen, dass Polo für Natur, Pferde und Landleben steht. Und wir müssen die Regeln vereinfachen, damit das Publikum dem Spiel besser folgen kann - gerade auch jene Leute, die noch nie in ihrem Leben Polo gesehen haben", sagt Eduardo Novillo Astrada. "Dass zum Beispiel nach jedem Tor die Mannschaften die Seite wechseln, ist für jemanden, der zum ersten Mal zuschaut, schwer nachzuvollziehen. Aber solche Regeln lassen sich ändern. In einem so traditionellen Sport ist das nicht einfach, aber wir arbeiten daran."

Traditionelle wehren sich gegen Modernisierung

Einer, der sich mit neuen Regeln schwer tut, ist Eduardo Novillo Astradas Vorgänger: Zwölf Jahre leitete Francisco Dorignac die argentinische Polo-Vereinigung. Und seit vier Jahrzehnten ist der heute 80-jährige Präsident des Tortugas Country Club, der eines der Turniere der Triple Corona ausrichtet.

Francisco Dorignac ist ein wahres Urgestein des Polo-Sports: "Ich bin dagegen, viele Regeln zu ändern. Die Essenz des Polos könnte beeinträchtig werden. Die Regeln sind mehr als hundert Jahre alt und immer noch perfekt. Der Polo-Sport ist doch schon sehr professionell und kommerziell geworden. Das hat Vor- und Nachteile. Ich sage immer: Wo das Geld zur Tür hereinkommt, fliegt der Sport aus dem Fenster."

Der Sport öffnet sich nach außen

Der Polo-Veteran mag skeptisch sein, doch der Generationenwechsel im argentinischen Polo ist vollzogen. Der Widerstand gegen Reformen sei normal, gibt sich AAP-Präsident Eduardo Novillo Astrada gelassen. Seit er vor zweieinhalb Jahren angetreten ist, setzt er Akzente: Frauen-Polo etwa ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und wird vom Verband aktiv gefördert.

Der Präsident will den ganzen Polo-Sport aber generell stärker regulieren: nicht nur die Finanzierung, auch die Reproduktionstechniken. Als Polo-Star Adolfo Cambiaso 2016 die argentinische Meisterschaft ausschließlich mit Klonen seiner Spitzenstute Cuartetera gewann, blieben Kritik und ethische Einwände nicht aus.

Cambiaso war der erste, der in seinem Labor ein Polo-Pferd klonte. "Es gibt Leute, die das positiv sehen – und andere, denen es schwer fällt, sich daran zu gewöhnen", erklärt er. "Aber das Klonen von Polo-Pferden ist Realität - wir können das Rad nicht zurückdrehen. Ich denke, wir sollten diesen Fortschritt begrüßen, aber die Anwendung regulieren. Früher oder später werden alle Polo-Teams Pferde klonen", ist Eduardo Novillo Astrada überzeugt.

Vor dem Klonen hatte die Zucht in Argentinien bereits einen qualitativen Quantensprung gemacht, als Ende der 1980er Jahre das erste Polo-Team anfing, Embryonen zu transferieren. Mehrere Embryonen, die aus der Kreuzung der besten Polo-Pferde entstanden waren, wurden von gewöhnlichen Stuten ausgetragen und zur Welt gebracht. Die genetischen Mütter bestritten unterdessen weiter Spitzenspiele.

Bier sucht man hier vergeblich

Es dauerte nicht lange, bis alle Profi-Teams ihr eigenes Reproduktions-Labor hatten. Nicht nur an den überragenden Spielern liegt es also, dass Argentinien im Polo die Nummer eins ist, sondern auch an seinen Hightech-Pferden. Verbandschef Eduardo Novillo Astrada würde den Abstand zum Rest der Welt aber gerne verringern: "Wir vertiefen die Kluft immer weiter - statt anderen Ländern zu helfen, besser zu werden. Das ist jetzt unsere Aufgabe: Den internationalen Polo-Sport zu fördern und zu stärken, damit es mehr Spitzenspieler gibt und der Wettbewerb anspruchsvoller wird. Die einzige Möglichkeit, das zu erreichen, ist, dass Spieler von anderswo zum Polo-Training nach Argentinien kommen."

Auf dem Polo-Platz von Palermo in Buenos Aires ist inzwischen der achte Chukker gespielt worden, der Favorit La Dolfina hat sich mit 19 zu 7 klar gegen La Irenita durchgesetzt. Die Spieler feiern mit ihren Familien und den Petiseros, und auch Juan Luís Buchet geht an einen der Getränkestände hinter den Tribünen, um auf den Sieg seines Lieblingsteams anzustoßen. Natürlich mit Sekt - wie es beim Polo üblich ist.

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