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Konzert / Archiv | Beitrag vom 08.06.2016

Polnisches Streichquartett der Deutschen Oper BerlinMusik aus einer anderen Welt

Aufzeichnung aus der Universität der Künste

Der Komponist und Dirigent Ignatz Waghalter (1925) (Website Waghalter.com)
Der Komponist und Dirigent Ignatz Waghalter (1925) (Website Waghalter.com)

Drei polnische Musiker, drei Schicksale, die eng mit Deutschland und Berlin verbunden waren. Das Polnische Streichquartett der Deutschen Oper Berlin spielte beim Crescendo-Festival der Universität der Künste Kammermusik von Ignatz Waghalter, Karol Rathaus und Szymon Laks.

Weshalb gastiert ein Quartett von Profimusikern beim Festival einer Hochschule? Ganz einfach - das Polnische Streichquartett der Deutschen Oper Berlin wird geleitet von Tomasz Tomaszewski - er ist Konzertmeister des Orchesters der Deutschen Oper Berlin und zugleich Professor an der Universität der Künste. Seit langem setzt er sich mit seinen Kollegen und seiner Gattin, der Pianistin Ewa Tomaszewska, dafür ein, vergessene und unbekannte Musik einem neugierigen Publikum zugänglich zu machen. Das Konzert im Rahmen des Crescendo-Festivals der Universität der Künste Berlin, das die Tonmeister-Studierenden der Hochschule für uns aufgenommen haben, ist ein gutes Beispiel für die Bestrebungen des Quartet Polski.

Ein Werk von Ignatz Waghalter zu spielen, ist Ehrensache für die Mitglieder des Orchesters der Deutschen Oper Berlin. Denn dieser in Warschau geborene Künstler wurde in Berlin ein Lieblingsschüler von Joseph Joachim und konnte später als Dirigent das ehemals Städtische Opernhaus in Charlottenburg mit aufbauen und zu einer ersten Blüte dieser Institution in den Jahren um 1920 verhelfen. Als Kapellmeister sorgte er vor allem dafür, dass sich Giacomo Puccini mit seinen Opern auf deutschsprachigen Bühnen etablieren konnte. Mitte der 20er Jahre leitete er die New Yorker Philharmoniker, doch es zog ihn zurück nach Old Europe, speziell nach Berlin. Seine Karriere konnte er dann vor allem in Riga und in Moskau fortsetzen, aus seiner Wahlheimat Berlin wurde er schließlich von den Nazis vertrieben. Wieder in New York angekommen, musste er feststellen, dass dort sein Name keinen besonderen Klang mehr hatte. Bis zu seinem frühen Tod musste er sich dort als Lehrer durchschlagen und konnte auch sein Lieblingsprojekt, ein All-American-Negro-Symphony-Orchestra zu gründen, nicht in die Tat umsetzen. Das Streichquartett op. 3 ist quasi ein Jugendwerk Ignatz Waghalters.  

Karol Rathaus stammt aus der Stadt, in deren Nähe der Komponist Rudi Stephan im 1. Weltkrieg umkam - aus Tarnopol in der heutigen Ukraine. Durch seinen Lehrer Franz Schreker kam Rathaus über Wien nach Berlin, wo er Erfolge als Komponist von Opern, Orchesterwerken und bald besonders von Filmmusik feiern konnte. Diejenigen Deutschen, die seine Musik als "entartet" bezeichneten, sorgten auch für Karol Rathaus' Vertreibung aus Berlin. Und sie sorgten dafür, dass der in Paris lebende Komponist Szymon Laks auf entwürdigende Weise in seine polnische Heimat deportiert wurde. Karol Rathaus komponierte sein fünftes Streichquartett als letztes Werk überhaupt kurz vor seinem Tod 1954 in den USA.

Szymon Laks (geboren 1901 in Warschau) gehört zu jenen Menschen, die Auschwitz überlebt haben und die wie Alma Rosé aus Wien oder Anita Lasker-Wallfisch aus Breslau in den Lagerkapellen spielen mussten - oder konnten. Ob er überleben konnte, weil er zum Leiter der Lagerkapelle in Auschwitz-Birkenau gemacht wurde, bleibt eine Frage, die niemand wirklich beantworten kann. Jedenfalls verlor Szymon Laks nicht seine Fähigkeit zu komponieren und auch nicht seine Liebe zur Volksmusik seiner polnischen Heimat. Erst 1967 verstummte er vollkommen, als die kommunistischen Regimes in Osteuropa, besonders in Polen, eine Welle antisemitischer Politik lostraten - mit der perfiden Begründung, mit den arabischen Staaten nach dem Sechstagekrieg solidarisch sein zu wollen. In genau jenem Jahr hörte Szymon Laks in Paris das Warschauer Klavierquintett um den Pianisten Władysław Szpilman. Diese Begegnung löste eine letzte Kreativitätswelle aus - Laks schrieb für dieses Ensemble sein Quintett zu polnischen Volksweisen.

Nicht zuletzt ist der 25. Jahrestag des Deutsch-Polnischen Kulturabkommens ein guter Anlass, im Joseph-Joachim-Konzertsaal die Musik und damit auch die Biografien dieser bedeutenden Künstler bekannter zu machen.

Szymon Laks hat seine Erfahrungen aus Auschwitz in einem Buch festgehalten, das erstmals 1948 in Paris erschien unter dem Titel "Musiques d'un autre monde" - Musik aus einer anderen Welt. Die Frage, die ihn seit seiner Deportation bis zu seinem Lebensende beschäftigte, war die: "Menschen, die Musik so sehr lieben, dass sie weinen können, wenn sie sie hören, können gleichzeitig derartige Grausamkeiten gegen den Rest der Menschheit begehen?" Diese Frage klingt bis heute unorthodox, ja ketzerisch, denn wie oft heißt es "Böse Menschen haben keine Lieder" oder "Musik hat mein Leben gerettet". Szymon Laks hat sich nie etwas vormachen lassen, und seine Musik klingt seltsam schön, positiv und hoffnungsvoll. Er hat sich von den grausamen Menschen nie dazu hinreißen lassen, seinen Verstand auszuschalten oder sein Gefühl verwirren zu lassen. Das sehr lesenswerte Buch von Szymon Laks ist neu auf Deutsch erschienen:


Simon Laks: Musik in Auschwitz

Aus dem Polnischen von Mirka und Karlheinz Machel
Durchgesehene und erweiterte Neuausgabe
Hg. von Frank Harders-Wuthenow und Elisabeth Hufnagel
Mit Nachworten von André Laks und Frank Harders-Wuthenow
ISBN 978-3-7931-4082-5
Boosey & Hawkes Bote & Bock, Berlin 2014
170 Seiten, Hardcover, EUR 29,95
mit Begleit-CD mit Kompositionen von Simon Laks

Crescendo-Festival der Universität der Künste Berlin
Joseph-Joachim-Konzertsaal
Aufzeichnung vom 3. Juni 2016

Ignatz Waghalter
Streichquartett D-Dur op. 3

Karol Rathaus
Streichquartett Nr. 5 op. 72

Szymon Laks
Quintett für Klavier und Streicher zu polnischen Volksweisen

Polish String Quartet der Deutschen Oper Berlin:
Tomasz Tomaszewski, Violine
Piotr Prysiaznik, Violine
Sebastian Sokol, Viola
Maryjka Pstrokońska-Müdig, Violoncello
und
Ewa Tomaszewska, Klavier

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