Seit 23:05 Uhr Fazit

Dienstag, 22.10.2019
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Studio 9 | Beitrag vom 07.10.2016

Polnischer Film "Wolhynien"Brutale Bilder verärgern die Ukraine

Von Florian Kellermann

Podcast abonnieren
Historische Nachstellung des "Massakers von Wolhynien". ( imago/Eastnews)
Historische Nachstellung des "Massakers von Wolhynien" aus dem Jahr 2013. ( imago/Eastnews)

Zuletzt pflegten Polen und die Ukraine ein gutes Verhältnis, das nur von der Debatte um das "Massaker von Wolhynien" im Zeiten Weltkrieg belastet wird. Nun sorgt ein polnischer Film für neue Verstimmungen.

Der Film handelt vom wohl dunkelsten Kapitel in der polnisch-ukrainischen Geschichte. Dennoch solle er den beiden Nationen eine Brücke bauen, erklärte Regisseur Wojciech Smarzowski:

"Ich hoffe, er führt dazu, dass sich polnische und ukrainische Historiker an die Arbeit machen, dass sie nach der Wahrheit suchen und zum Beispiel Leichen exhumieren. Seit vielen Jahren kommen die Forschungen nicht von der Stelle, da ist so ein Film - als Schock - notwendig."

1943 beginnt die ukrainische Aufstandsarmee UPA mit den Morden an der polnischen Zivilbevölkerung. Zigtausende starben, oft auf grausame Weise. Der Film zeigt das mit Bildern, die brutaler kaum sein könnten.

"Der Film ist trotzdem nicht antiukrainisch"

Damit illustriert der Film, was polnische Politiker vor wenigen Monaten beschlossen haben: Das polnische Parlament bezeichnete die damaligen Ereignisse fast einstimmig als "Völkermord" an den Polen in Wolhynien.

Polen, die so einen Beschluss seit langem gefordert hatten, freuen sich über den Film. So der katholische Pfarrer Tadeusz Isakowicz-Zaleski:

"Der Film wird den Zuschauern vor Augen führen, dass ihnen die Geschichte bisher falsch dargestellt worden ist. Ich halte den Film trotzdem nicht für antiukrainisch. Da gibt es auch Ukrainer, die Polen nicht töten wollen oder sie sogar retten."

Auch Regisseur Smarzowski stellt die wenigen positiven ukrainischen Figuren heraus. So beginnt der Film mit der unglücklichen Liebe der Polin Zosia und des Ukrainers Petro. Die beiden können nicht zusammenkommen, weil Zosia mit einem reichen Polen zwangsverheiratet wird.

"Nicht nur in Schwarz und Weiß malen"

Doch diese Geschichte tritt immer mehr in den Hintergrund angesichts der Gewalt, die mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs über das damalige Ostpolen kommt. Erst durch die Rote Armee, dann durch die deutsche Wehrmacht. Diese Gewalt gehöre zur Vorgeschichte des in Polen so genannten "Massaker von Wolhynien", sagt Regisseur Smarzowski:

"Ich wollte die Geschichte nicht nur in Schwarz und Weiß malen. Mir war von Anfang an klar, dass ich auch die ukrainische Sicht darstellen würde. Auch wenn ich das für Ukrainer sicher nicht ausführlich genug getan habe."

Tatsächlich stößt der Film in der Ukraine auf deutliche Kritik. Er sei einseitig, heißt es dort. Ukrainische Historiker sprechen nicht vom "Massaker von Wolhynien", sondern lediglich von einer Tragödie. Die ukrainische Aufstandsarmee habe damals gegen die polnische Heimatarmee um die Vorherrschaft in den Gebieten gekämpft, um sie nach dem Krieg für sich beanspruchen zu können.

Ukrainer sammeln Geld für eigenen Film

Zivile Opfer habe es auf beiden Seiten gegeben. Deshalb sollte doch jede Seite ihre Schuld aufarbeiten, meint der ukrainisch-kanadische Historiker Serhij Jekeltschyk:

"Wir sollten bereit sein, unsere Schuld einzugestehen, aber das gilt auch für die polnische Seite. Polen hat die Ukrainer in der heutigen Westukraine bis zum Zweiten Weltkrieg ausgebeutet und unterdrückt, es gab Aufstände gegen ihre Herrschaft, die brutal niedergeschlagen wurden. Wenn beide Seiten selbstkritisch wären, wäre es möglich, auch die Geschichtswahrnehmung der Nachbarn zu verstehen."

Wie das geht, können bald vielleicht ukrainische Filmemacher zeigen. Sie sammeln bereits Geld für ein eigenes Filmprojekt über die Ereignisse in Wolhynien.

Mehr zum Thema

Ukraine und Polen - Umstrittener Film über das Massaker von Wolhynien
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 24.09.2016)

Polen und Ukraine - Dunkle Geschichte eines blutigen Sonntags
(Deutschlandfunk, Europa heute, 11.07.2016)

Polen und Ukraine - Vorsichtige Annährung im Wolhynien-Streit
(Deutschlandfunk, Europa heute, 29.03.2016)

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur