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Vollbild | Beitrag vom 03.11.2018

Polnischer Erfolgsfilm "Kler"Abrechnung mit der katholischen Kirche

Michal Oleszczyk im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Ein Plakat wirbt für den polnischen Erfolgsfilm "Kler". (picture alliance / NurPhoto)
Umstritten, aber höchst erfolgreich: der polnische Blockbuster "Kler". (picture alliance / NurPhoto)

Innerhalb von gerade mal vier Wochen hat der Kinofilm "Kler" in Polen die Fünf-Millionen-Zuschauermarke geknackt. Dabei berührt die Handlung, in der es um drei Priester geht, gesellschaftliche Tabus: Pädophilie, Katholizismus und politische Einflussnahme.

Patrick Wellinski: An den polnischen Kinokassen herrscht gerade ein nie gesehener Ausnahmezustand. Schuld daran ist der Spielfilm "Kler" von Wojciech Smarzowski, was so viel wie Klerus bedeutet. Er läuft erst seit vier Wochen in den polnischen Kinos und hat gerade die fünf Millionen Zuschauermarke geknackt. Das macht ihm zum erfolgreichsten Film seit dem Ende des Kommunismus. Smarzowski erzählt von drei katholischen Priestern, erzählt von Pädophilie, Verbrechen, politischen Einflussnahme der polnischen katholischen Kirche. Alle Tabus werden angesprochen, klar und deutlich benannt. Und das funktioniert. Es gibt Kinos, die nur noch diesen Film spielen. Einige im Süden des Landes sogar 24 Mal am Tag. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Seit ein paar Tagen kann man auch in einigen deutschen Kinos "Kler" sehen.

Ich konnte vor der Sendung über dieses filmische Phänomen, das eigentlich ein gesellschaftliches Phänomen ist, mit dem polnischen Filmwissenschaftler und Filmkritiker Michal Oleszczyk von der Universität Warschau sprechen. Und wollte zunächst wissen, was er von dem großen Vergleich hält, den gerade die polnische Filmkritik vornimmt: Viele vergleichen "Kler" mit Andrzej Wajdas Welterfolg "Mann aus Marmor". Ist da was dran?

Michal Oleszczyk: Ich denke, dass dieser Vergleich ein wenig übertrieben ist. "Der Mann aus Marmor" hatte eine größere politische Sprengkraft, da er sich mit dem stalinistischen Terror in Polen auseinandergesetzt hat. Das ist eine andere Skala. Außerdem entstand Wajdas Film auch unter anderen kulturellen und gesellschaftlichen Umständen.

Die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche

Ich denke aber, dass "Kler" dennoch eine unglaubliche gesellschaftliche Bedeutung hat. Allein die Tatsache, dass ihn bislang über fünf Millionen Menschen gesehen haben, ist sensationell. Es ist der erfolgreichste Kinofilm in Polen seit 1989. Das zeigt, wie wichtig die Themen sind über die der Film spricht. Im Kern geht es da um die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche in Polen und um die Schuld, die da auf dem angeblich so reinen Gewissen des Klerus lastet. Man spürt förmlich wie sehr man darüber endlich sprechen möchte. Das ermöglicht "Kler". Daher ist er so wichtig. Aber er ist sicherlich kein zweiter "Mann aus Marmor".

Patrick Wellinski: Bevor wir über die gesellschaftlichen Aspekte sprechen, sollten wir nochmal auf den Film eingehen. Wie erzählt denn der Regisseur Smarzowski von den Vergehen des polnischen Klerus? Welche Form wählt er?

Oleszczyk: Es sind drei Dinge, die den Film ausmachen: Das eine ist seine sehr ausgeprägte satirische Ader. Es gibt viele Szenen, die sich über stereotypische Priester und Kirchenvertreter lustig machen. Das hat nichts herablassendes, führt den Film aber manchmal ins Genre der Komödie. Die tollen Darsteller spielen dabei ganz hingebungsvoll, besonders Janusz Gajos in der Rolle eines sehr vulgären Bischofs ist herausragend.

Zweitens hat "Kler" auch ein sehr fein eingebautes Melodrama. Zwei Priester werden des Kindesmissbrauchs beschuldigt, der eine zu recht, der andere zu unrecht. Und wie der Film mit diesen Vorwürfen umgeht, hat viel mit Spannung zu tun. Wer entdeckt die Wahrheit und was macht man damit?

Es gibt als drittes aber auch viele schockierende Szenen. Momente von Gewalt und Überwältigung, etwas, das der Regisseur Smarzowski zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Das sind in diesem Fall die Szenen von sexuellen Übergriffen an Kindern. Das berührt und ist schwer anzusehen. Aber das sind die wesentlichen Formelemente des Films.

Oleszczyk: Ja, ich mag den Film. Aber es ist kein perfektes Werk. Ich habe meine Einwände gegen das Drehbuch. Smarzowski überfrachtet seine Figuren mit den vielen Themen und Vergehen, die er ansprechen möchte. Der Drang ist verständlich, schließlich wurde über viele Dinge geschwiegen. Aber dramaturgisch führt das dazu, dass der ohnehin schon sehr lange Film, unter der Menge an Anspielungen und Verweisen auch einbricht. Da wird der Fokus auch nicht auf alle Hauptfiguren gleichermaßen gelegt. Das wird dann ein erzählökonomisches Problem. Trotzdem: Es ist ein guter Film, ein wichtiger Film. Und die Masse an Menschen, die ihn gesehen hat und noch sehen wird, beweist, dass sich die Polen mit diesen Bildern auseinandersetzen möchten; dass sie endlich erwachsen genug sind, um sich mit diesen Seiten der katholischen Kirche zu beschäftigen.

Ein Film über das Schweigen

Wellinski: Regisseur Smarzowski selber sagt, dass er keinen Film über den Klerus, die Pädophilie oder den politische Einfluss der katholischen Kirche in Polen machen wollte, sondern einen Film über alle jene, die von diesen Machenschaften wissen und nichts machen. Ist das so?

Oleszczyk: Ich würde sagen, dass "Kler" ein Film über das Schweigen geworden ist. Und auch darüber wie dieses Schweigen der katholischen Kirche als Waffe genutzt werden kann, um Taten zu verbergen und zu kaschieren. Alle Priester und Bischöfe im Film, die sich etwas zu Schulden kommen lassen, egal ob Pädophilie, Kleinkriminalität, Bestechung bis hin zur Erpressung; sie alle müssen nichts befürchten, denn sie können sicher sein, dass die Kirche sie decken, schützen und ihnen helfen wird aus der Sache unbeschadet rauszukommen. Statt die Stimmen und Aussagen der Opfer zu hören, wird alles unter den Teppich gekehrt.

Die große Leistung von "Kler" ist nun, dass er diesen Teppich doch weg zieht, dass er vieles sichtbar macht und damit zum Teil mit diesem Schweigen bricht. Ich hoffe, dass dieser Erfolg des Films auch dazu führt, dass noch mehr Opfer von sexueller Gewalt durch Mitglieder der Kirche Mut fassen werden und mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gehen. Wenn dies geschieht,  dann hätte dieser Kinofilm Berge versetzt.

Wellinski: Die Kritiker in Polen sind begeistert vom Film. Wie sieht es aber jenseits der Filmkritik aus? Wie kommt der Film dort an?

Oleszczyk: Die rechtsnationalen Kräfte in Polen haben sehr harsch und negativ auf den Film reagiert. Auch zum Teil recht unsouverän, weil sie den Film schon vor dem Erscheinen kritisiert haben. Mit dem Filmstart haben sie dann probiert "Kler" als anti-polnischen Film darzustellen, als ein niederträchtiges Werk, das die die vielen edlen Errungenschaften und Leistungen der katholischen Kirche in der Geschichte Polens untergraben möchte: zum Beispiel die Rolle der Kirche im Freiheitskampf unter den Kommunisten. Das ist natürlich falsch, weil hier niemand diese Leistungen schmälern möchte oder sie der Kirche aberkennt. Aber das waren die Argumente der Filmgegner.

Ein rechtsnationales Magazin hat das sogar auf seinem Titelblatt verewigt. Darauf sah man dann Fotos von verdienten polnischen Geistlichen wie Papst Johannes Paul II oder dem Untergrund-Priester Popieluszko. Der Titel lautete dann einfach nur: Klerus. Dies ist das Bild, das man gerne vom Klerus hätte. Solche Angriffe laufen aber ins Leere.

Mir ist wichtig zu betonen, dass "Kler" in Polen Menschen mit unterschiedlichen politischen Auffassungen beeindruckt. Ich sprach mit Freunden, die sich eher als liberal bezeichnen würden genauso wie mit Freuden, die von sich sagen sie wären konservativ. Alle zeigten sich tief berührt von dem Film. Und wenn wir jetzt die Angriffe von Politikern und Geistlichen von rechts außen mal vorlassen, muss man eher sagen, dass dieser Film das polnische Publikum in seiner ganzen Breite geeint hat. Alle sagen: Ja, das was dort gezeigt wird ist ein Problem. Ja, darüber muss man reden. Ich wüsste von keinem Kulturprodukt, das sowas bislang möglich gemacht hat.

Die Mittel der schwarzen Satire

Wellinski: Und die Kirche? Wie hat die auf diesen Filmerfolg reagiert?

Oleszczyk: Bislang gab es keinen großen Aufschrei gegen den Film, wie man ihn vielleicht erwartet hätte. Es gibt zwar die extremen Fraktionen, die sich, wie ich schon gesagt habe, gegen den Film positioniert haben. Aber das sind dann doch eher die Ausnahmen. Es gibt sogar sehr interessante und positive Beispiele, wie einen sehr populären Dominikanerpriester, der Millionen von Followern in den Sozialen Medien hat. Er ist sehr erfolgreich mit dieser Art der digitalen Evangelisierung. Und er hat sich "Kler" angesehen und seinen Followern gesagt, dass er so ergriffen war, dass er jetzt im Namen der Verfehlungen der Kirche eine Pilgerreise nach Jerusalem antreten wird. Eine Pilgerreise, um für die Vergebung der Sünden der Kirche zu bitten. So etwas wird hier als starkes Zeichen gelesen. Und es ist auch etwas, das man sich ohne diesen Film nicht hätte vorstellen können.

Wellinski: "Kler" ist kein Debütfilm. Der Regisseur ist in Polen sehr bekannt. Ist das denn ein typisches Werk für den Regisseur Wojciech Smarzowski, der ja im Ausland eher kaum Beachtung findet und auch nur selten auf internationalen Festivals zu sehen ist?

Oleszczyk: Ja, das ist ein typischer Smarzowski-Film. Im Guten wie im schlechten Sinne. Er will mit seinen Werken immer auf die schwierigen und häufig tabuisierten Themen der polnischen Gesellschaft hinweisen. Er erzählt von diesen Themen dann auch immer mit den Mitteln der schwarzen Satire. Das erinnert in seiner slawischen Verrücktheit manchmal sogar an jemanden wie Emir Kusturica. Wobei Smarzowski leider nicht dessen visuellen Einfallsreichtum besitzt. Visuell sind seine Filme leider nie wirklich interessant. Dennoch imponiert mir diese Furchtlosigkeit mit der er sich schmerzhaften Kapiteln der Geschichte Polens widmet. Sein letzter Film thematisierte das Massaker von Wolhynien während des Zweiten Weltkrieges und der Film "Rose" erzählte er von den interkulturellen Verwicklungen im Nachkriegs-Masuren. Damit enthüllt er nicht nur vergessene Details, sondern provoziert auch heftige emotionale Reaktionen des Publikums. Mit "Kler" ist ihm das nun besonders gut gelungen.

Kein künstlerisches Wagnis

Wellinski: Zum Abschluss vielleicht: Wie schätzen Sie das ein. Ist es vorstellbar, dass "Kler" auch außerhalb Polens zum Kinoerfolg werden könnte?

Oleszczyk: Ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass "Kler" im Ausland so eine Erfolgswelle erleben wird wie in Polen. Es könnte vielleicht helfen, dass die Schauspielerin Joanna Kulig eine größere Rolle spielt. Sie wird ja mittlerweile für einen Oscar gehandelt für ihre Rolle in "Cold War" von Pawel Pawlikowski. Aber das größte Hindernis werden sicherlich die vielen Anspielungen sein. Man kann nicht erwarten, dass ein Zuschauer im Ausland diese ganzen Querverbindungen zu realen Fällen und Personen hinbekommt. Daraus speist sich ja auch der Humor des Films, weshalb diese Ebene von "Kler" sicherlich vor allem ein hiesiges Publikum anspricht. Oder eben die polnische Gemeinschaft im Ausland.  Und wenn es darum geht, wie die Kirche hier gezeigt wird, dann ist gerade ein geschultes Publikum im Westen auch Besseres gewohnt.

Ich erinnere nur an Paolo Sorrentinos Serie "The Young Pope" oder an den auf der Berlinale ausgezeichneten Spielfilm "El Club" aus Chile. Das sind Filme, die auch von den Sünden der Kirche sprechen aber im Gegensatz zu "Kler" sogar künstlerisch Dinge wagen, die "Kler" leider fehlen. Und dennoch wünsche ich mir, dass den Film auch viele im Ausland zu sehen bekommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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