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Kompressor | Beitrag vom 15.06.2020

Polizeigewalt im FilmBad Lieutenant

Georg Seeßlen im Gespräch mit Gesa Ufer

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Ein Demonstrant filmt mit erhobenen Händen einen Polizist mit Schutzschild (Getty Images / Eze Amos)
Demonstranten umzingeln das Polizeipräsidium in Richmond während der Proteste gegen die Ermordung von George Floyd (Getty Images / Eze Amos)

Regisseur Spike Lee thematisiert in einer neuen Collage tödliche Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA. Er stelle damit die Frage, ob die "Krankheit der amerikanischen Seele" sich immer wiederholen müsse, sagt Kulturkritiker Georg Seeßlen.

Spike Lee äußert sich zur tödlichen Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten: In seinem in der vergangenen Woche veröffentlichten Kurzfilm "3 Brothers" schnitt der US-Regisseur Bilder gegeneinander, die die Tötung von George Floyd, Eric Garner und Radio Raheem zeigen - wobei Raheem eine fiktionale Person aus Lees Film "Do the right thing" von 1989 ist.

Spike Lee beherrsche es, Fiktion und Realität miteinander in Beziehung zu setzen, findet der Schriftsteller, Film- und Kulturkritiker Georg Seeßlen. In der nun online gestellten, knapp anderthalbminütigen Collage werde die Frage aufgeworfen, ob sich "die Krankheit der amerikanischen Seele" immer wiederholen müsse. Und so seien das, was "so entsetzlich wehtut" an den Handyaufnahmen der Tötungen, "diese Gleichgültigkeit und Kälte, mit der die Gewalt ausgeführt wird", so Seeßlen: "Es ist wirklich ein Mord."

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In den USA sei der Polizist schon immer eine ambivalente Figur gewesen, erläutert der Kritiker. So auch im ersten Polizeifilm – "The Big Heat" von Fritz Lang aus dem Jahr 1953, in dem sich ein Polizist wegen seiner Nöte und Zweifel am Beginn des Streifens selbst richtet.

Anders sei es in Deutschland, wo der Polizist, ähnlich wie der Feuerwehrmann, beliebt sei. Dies sei wahrscheinlich darin begründet, dass hierzulande das Gewaltmonopol der Polizei als Zivilisationsziel bestehe.

"In der amerikanischen Gesellschaft gehört es zum Prinzip der Freiheit, dass man sagt, bis zu einem gewissen Grad muss ich mich selbst verteidigen und bewaffnet sein", sagt Seeßlen. "Das Gewaltmonopol der Polizei ist also sehr eingeschränkt."

Versuch der Kontrolle

In Deutschland träume man von einem autoritären, aber menschlichen Polizisten, während in amerikanischen Filmen oft der ganze Widerspruch der Gesellschaft in der Figur des Polizisten  komprimiert sei. "Dieser arme oder auch kaputte Polizist muss eigentlich die ganze Tragödie der amerikanischen Geschichte in sich auflösen", so Seeßlen. "Kein Wunder also, dass er ab und zu richtig böse wird." Darin liege auch ein großes Scheitern, so der Kulturkritiker im Hinblick auf die popkulturelle Rezeption dieser Figur.

In den 1980er-Jahre habe es aber im US-Film ein interessantes Modell gegeben: ein weißer und ein schwarzer Polizist, die gemeinsam Dienst taten. Das sei eine utopische Idee gewesen, die habe vorwegnehmen sollen, was in der Gesellschaft passieren könnte: trotz Streitereien und Widersprüche gut zusammenzuarbeiten.

Meist sei es so gewesen, dass der weiße Polizist der "Hitzkopf" gewesen sei; der schwarze Kollege dagegen "der eher bürgerlichere Typ", führt der Filmkritiker aus. "Diese beiden haben versucht, sich gegenseitig zu zivilisieren und zu kontrollieren." Dies habe auch die Gewalt betroffen.

(rzr)

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