Donnerstag, 22.10.2020
 

Tonart | Beitrag vom 16.06.2020

Polizeigewalt im deutschen RapWut über die Unangreifbarkeit der Staatsmacht

Falk Schacht im Gespräch mit Andreas Müller

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Rapper Samy Deluxe steht mit Bandmitgliedern beim Autokultur-Konzert am 11.06.2020 auf dem Schützenplatz in Hannover auf der Bühne.  (picture alliance / Ulrich Stamm / Geisler-Fotopress)
Der deutsche Rapper Samy Deluxe reagierte mit dem Song "I Can't Breathe" auf den Tod von George Floyd bei einem Polizeieinsatz in den USA. (picture alliance / Ulrich Stamm / Geisler-Fotopress)

Der Tod von George Floyd verschaffte Polizeiwillkür und Diskriminierung neue Aufmerksamkeit. Im US-Rap wird das Thema seit den 80-ern verhandelt, im deutschen seit den frühen 90-ern. Im Grunde gehe es dabei um den Staat, sagt der Musikjournalist Falk Schacht.

Seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd steht das Thema Polizeigewalt weit oben auf der Agenda. Bereits seit Mitte der 80er-Jahre wird das Thema Polizeiwillkür und Diskriminierung in der Rap-Szene verhandelt; damals vor allem in US-amerikanischen. Aber seit den frühen 90ern ist es auch in der deutschen angekommen. Anlässlich des Todes von George Floyd veröffentlichte beispielsweise Samy Deluxe den Song "I can't Breath".

Zwischen US-Hip-Hop und Deutschrap gebe es "definitiv starke Überschneidungen", sagt der Musikjournalist und Hip-Hop-Experte Falk Schacht. Der Rap sei die Sprache der Ungehörten und Benachteiligten einer Gesellschaft. Und dort, wo sie leben, repräsentiere die Polizei ganz direkt den Staat. Wenn jemand die Polizei kritisiert, kritisiere er damit die Politiker, die für diesen Staat verantwortlich sind.

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Wer überwacht die Wächter?

Die Darstellung der Polizei in deutschen Rap-Songs sei unterschiedlich. Bei den Absolute Beginner zum Beispiel sei mit dem Stück "Keine" über Polizeigewalt 1992 eine starke Punk-Prägung zu spüren. Dabei sei der Hafenstraßenkonflikt um Gentrifizierung in den 80er-Jahren Grundlage. Mit dem Song "Geh zur Polizei" von Boulevard Lou 1995 hingegen wird vor allem allem die Rassismus-Problematik der Polizei thematisiert.

Aber im Grundsatz eine alle ein Thema: die totale Unangreifbarkeit der Polizei, die daraus resultierende Ohnmacht und Wut. Und die Kernfrage: Wer überwacht die Wächter? Statistiken zeigten, so Schacht, dass die Mehrheit der Anzeigen gegen Polizeigewalt oder Machtmissbrauch im Sande verlaufen.

Löst Polizei Probleme der Sozialarbeit?

Eine weitere etwas zugespitzte Frage sei: Warum sind da eigentlich nur Polizisten in den Vierteln? so Schacht. Und: Warum wird als erstes an Sozialarbeit gespart? Es komme einem ein bisschen so vor, wenn man solche Texte hört, dass versucht werde, die Probleme, die man im Sozialarbeitsbereich hat, über die Polizei zu lösen, so Falk Schacht.

Die Polizei sehe das selbst so: "Es gab heute ein Statement von der Polizei: 'Wir kommen uns als Deppen der Nation vor, dass wir hier alles aufräumen müssen, was an anderer Stelle nicht umgesetzt wurde.'"

(abr) 

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