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Breitband | Beitrag vom 31.08.2019

Polizei auf InstagramSelfiestick und Schlagstock

Peter Ullrich im Gespräch mit Vera Linß und Marcus Richter

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Foto von zwei Polizisten (Unsplash / Markus Spiske)
Wann wir die Selbstdarstellung der Polizei zum Problem? (Unsplash / Markus Spiske)

Den Arbeitsalltag in sozialen Medien zu zeigen, ist nicht ungewöhnlich. Viele Firmen polieren dort gerne ihr Image. Doch immer öfter mischt auch die Polizei mit - und verwischt dabei die Grenzen zwischen privat und dienstlich. Ist das ein Problem?

Selfies im Ruhezimmer, am Schreibtisch, an der Theke oder im Lager. Viele Menschen teilen gerne ihren Alltag auf Instagram, Twitter und Co. und da gehören auch Bilder vom Job dazu. Doch wie ist es, wenn man beruflich Polizeiuniform trägt? Ist es auch dann okay auf privaten Fotos zu posen, wenn das Arbeitsoutfit gleichzeitig Symbol für das staatliche Gewaltmonopol ist? Und was ist mit den ganzen Social-Media-Accounts, wo die Polizei selbst witzige Sprüche und Bilder teilt?

Laut der Berliner Morgenpost werden solche Fragen inzwischen auch in den Behörden gestellt. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik soll eine interne Revision beauftragt haben, sich die private Instagram-Accounts genauer anzusehen. 

Wir nehmen das zum Anlass, mit dem Polizeiforscher und Soziologen Peter Ullrich vom Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin über private Instagram-Aktivitäten, Hoheitssymbole, Interessenkonflikte und das Bild der Polizei in den sozialen Medien gesprochen.

Ein medialer Spiegel der Gesellschaft

Diese Accounts seien nicht rein privat, meint Ullrich, jedoch müsse man die Inhalte differenzieren. Diese reichten von reiner Selbstdarstellung, die hin und wieder auch in Uniform stattfindet, bis hin zum ganz offiziellen Polizei-Account, während sich in der Grauzone dazwischen politische und Interessenvertretungs-Accounts bewegten.

In Ullrichs Augen sei das Nutzen von Instagram mittlerweile eine allgemeine Kulturtechnik. Dazu zieht er unterschiedliche "Pathologien" heran, die in der Psychoanalyse definiert worden seien. Im 19. Jahrhundert seien es hysterische und neurotische Erscheinungen gewesen. In Ullrichs Augen sei der Narzissmus die Pathologie der heutigen Zeit. Dieser drücke sich durch das Betteln nach Liebe und Aufmerksamkeit in den sozialen Medien aus. Und dazu gehöre eben auch der berufliche Kontext, der in unserer Gesellschaft für den sozialen Status ein wichtiger Punkt sei.

Für die Bevölkerung oft nicht transparent

Trotzdem sei die private Nutzung der Uniform mit großer Vorsicht zu genießen, da durch das Hoheitssymbol nicht ersichtlich sei, ob es sich nicht doch um eine offizielle Ansprechstelle handle. Darum hält Ullrich es für sinnvoll, dass einige Accounts deutlich schreiben würden, dass sie keine dauerhaft besetzte Stelle für Notrufe und dringende Anfragen seien. Dies sei aber auch gleichzeitig ein Indikator dafür, dass die Bevölkerung Schwierigkeiten damit habe, diese Trennung so einfach zu erkennen.

Dies sei vor allem ein Problem, da es sich bei der Polizei um eine herausgehobene gesellschaftliche Institution mit viel Macht und Bedeutung handle. Deswegen sei es richtig, dass sie sehr stark an Vorlagen gebunden sei, sagt Ullrich. Dazu gehöre auch ein vorsichtiger Umgang mit den Insignien der Macht. Die Schwierigkeiten beginnen für ihn nicht beim Privat-Selfie in Uniform, sondern bei Accounts, die zu Interessensgruppen rund um die Polizei gehören.

Dazu gehöre auch der Versuch von offiziellen Polizei-Accounts cool und zugänglich zu wirken – Charakteristika, die für das Funktionieren der Organisation nicht essentiell seien. Trotzdem würden zur Öffentlichkeitsarbeit lustige Bilder oder flapsige Kommentare gepostet. Dies beeinflusse natürlich auch die Perspektive darüber, was auf privaten Accounts zulässig sei.

Dies würde auch das gesellschaftliche Bild der Polizei prägen, davon ist Ullrich überzeugt. Darum sei es so wichtig, genaue Grenzen für solche Aktivitäten zu definieren. Denn die offensive Zurschaustellung von Hoheitszeichen führe dazu, dass Transparenz, ob es sich um einen offiziellen oder privaten Account handle, nicht mehr in ausreichendem Maße gegeben sei. Zudem habe es auch Auswirkungen darauf, wie ernst die Bevölkerung die Polizei und ihre Arbeitsweisen nehmen würde.

Kein gutes Vorbild für die eigenen Leute

Ullrich sieht neben der besonderen gesellschaftlichen Position noch einen anderen Punkt, an dem sich diese Selbstdarstellung von anderen unterscheidet: Den innerpolizeilichen Diskurs, in dem sich die Polizei sehr oft zu Unrecht kritisiert sehe. Die Öffentlichkeitsarbeit inklusive privater Selbstdarstellung würde dieser in den Augen der Polizei entgegenwirken. Dies ist für Ullrich jedoch eine Rollenverwechslung, da dies nicht Aufgabe der Polizei sei.

Von der nun angesetzten internen Revision der Berliner Polizei wünscht Ullrich sich, dass diese vor allem auf irreführende Verwendung der Hoheitszeichen achte. Er sieht kein Problem mit Fotos in Uniform, solange diese deutlich als privat zu erkennen sind. Doch sobald diese Insignien genutzt würden, um Geld zu verdienen, sei dies hochproblematisch. Auch Interessengruppen wie Polizeigewerkschaften und andere Zusammenschlüsse, die die Ausrichtung der Polizei beeinflussen wollen, sollten im Auge behalten werden. Denn auch hier sei es wichtig, deutlich zu machen, dass es sich um private und keine offiziellen Behörden-Positionen handle.

Doch Ullrich ist sich nicht sicher, ob eine effektive Reglementierung dieser Social-Media-Tätigkeiten wirklich aus der Polizei selbst heraus möglich ist. Denn diese sei zwar gut darin, schnell die Bevölkerung über wichtige Dinge zu informieren, doch gleichzeitig würde sie auch oftmals voreilig Botschaften herausgegeben, die dank des großen Vertrauens in die Polizei immer wieder Verbreitung fänden, ohne noch einmal auf Korrektheit geprüft zu werden. Dazu würden auch politische Botschaften in Tweets, Delegitimierung von Demonstrationen und Falschdarstellungen von Verletztenzahlen gehören. Eine Polizeibehörde, die so agiere, könne am Ende kein gutes Vorbild für die eigenen Leute sein, so Ullrich.

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