Seit 19:05 Uhr Konzert

Samstag, 06.06.2020
 
Seit 19:05 Uhr Konzert

Interview | Beitrag vom 31.03.2020

Politologin zu Coronakrise und Weltpolitik Klage über mangelnde Solidarität in Europa

Ulrike Guérot im Gespräch mit Julius Stucke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die deutsche Politikwissenschaftlerin Ulrike Guerot  (picture-alliance/APA/Herbert Pfarrhofer )
Dass die EU kein gutes Bild abgibt, wage gerade niemand zu bestreiten, sagt Ulrike Guérot. (picture-alliance/APA/Herbert Pfarrhofer )

Angesichts der Coronapandemie vermisst die Politologin Ulrike Guérot ein solidarisches Europa. Sie sieht mit Sorge, wie die Demokratie in Ungarn und Polen weiter ausgehöhlt wird - und andere Akteure wie China mehr Einfluss nehmen.

Die Coronapandemie verstärke einige Krisen in Europa, die es schon vorher gegeben habe, sagt die Politologin Ulrike Guérot. Das zeige die Entwicklung in Ungarn, wo die Orban-Regierung die Rechtsstaatlichkeit schon länger abbaue und die Medienfreiheit einschränke. Aber das werde jetzt mit dem Virus noch mal extrem verschärft.

In Polen stelle sich die Frage, wie die bevorstehende Präsidentenwahl ablaufen werde, wenn praktisch kein Wahlkampf stattfinde. "Das sind schon ganz, ganz wichtige Fragen", betont die Politologin.

Geopolitische Interessen Chinas 

Guérot beklagt eine mangelnde Solidarität in Europa. "Wer in Italien hilft, das sind die Russen, das sind die Chinesen, kubanische Ärzte." Aber da seien keine schwedischen Ärzte im italienischen Bergamo, gibt sie zu bedenken.

Coronavirus-NewsletterChina habe mit seinem Seidenstraßenprojekt Europa längst erreicht, bis nach Serbien oder in die Slowakei. Es lasse sich vermuten, dass da unter dem Deckmantel der Krise geopolitische Strategien verwirklicht würden.

Stunde der Nationalstaaten 

"Dass die EU gerade kein gutes Bild abgibt, das wagt gerade niemand zu bestreiten", sagt Ulrike Guérot. Die Frage sei, ob das die Schuld der EU oder der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sei. Europa habe eben keine Souveränität.

"Wer handeln will, muss über den Ausnahmezustand entscheiden können – das kann die EU nicht", kritisiert sie. Stattdessen handelten gerade die Nationalstaaten und hätten die Grenzen geschlossen. Das sei wenig koordiniert gewesen und nicht abgesprochen.

"Es wird jetzt Gott sei Dank ein wenig besser, Gott sei Dank haben wir jetzt ein paar italienische Patienten, die in Sachsen behandelt werden", sagt die Politologin. Aber ob das an Bildern reichen werde, damit die EU aus der Krise herauskomme und das Gefühl eines solidarischen Europas entstehe, das wage sie zu bezweifeln, so Guérot.

(gem) 

Mehr zum Thema

Corona in Israel - Am meisten leidet die Demokratie
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 31.03.2020)

Corona in Indien, New York, Schweden - Ausgangssperre, Angst und Alltag
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 30.03.2020)

Umgang mit Corona - Macht es Schweden besser?
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 30.03.2020)

Interview

Urbanistin Noa HaDie Stadt vom Kolonialismus befreien
Westfassade des Humboldtforums in Berlin Mitte. (Bildagentur-online/ Joko)

Die koloniale Vergangenheit Europas spiegelt sich in Straßennamen und Gebäuden wider. Oft sind sie nicht einmal alt. Nach 1990 habe die Stadtplanung den Kolonialismus relativiert, sagt die Urbanistin Noa Ha. Ihr Beispiel: das Berliner Humboldtforum.Mehr

Vom bewaffneten Kampf in die DDRWas Stasi und RAF verband
Die ehemalige RAF-Terroristin Susanne Albrecht (r) auf dem Weg zur Verhandlung am 25. April 1991 in Stuttgart-Stammheim. Links eine Justizangestellte.  (picture alliance / dpa / Norbert Försterling)

Vom revolutionären Befreiungskampf in den spießigen Alltag des Arbeiter- und Bauernstaats: Dass RAF-Aussteiger wie Susanne Albrecht die DDR als neue Bleibe wählten, überraschte viele. Doch es gab gute Gründe dafür, wie der Autor Frank Wilhelm erklärt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur