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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.09.2018

Politischer Streit bei "Deutschland spricht""Wir haben uns zugehört und den anderen nicht angegriffen"

Daniel Meng und Martin Siegmund im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Symbolbild: Ein Mann sagt etwas zu einem anderen Mann. (imago/Ikon Images)
Mit einem fremden Menschen über Politik diskutieren, der eine völlig andere Meinung zu den großen gesellschaftlichen Fragen hat - das ist die Idee der Aktion "Deutschland spricht" (imago/Ikon Images)

Zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen politischen Haltungen diskutieren miteinander: Das ist das Prinzip der Aktion "Deutschland spricht". Daniel Meng und Martin Siegmund haben es ausprobiert - und erkannt, was es für einen konstruktiven Dialog braucht.

Axel Rahmlow: Was haben Sie an diesem Wochenende noch vor? Würden Sie Ihr Wochenende zum Beispiel gerne damit verbringen, mit einem fremden Menschen über Politik zu diskutieren, mit einem Menschen, der auch noch eine völlig andere Meinung als Sie zu den großen gesellschaftlichen Fragen hat? Na ja, wenn wir ehrlich sind, vielleicht können wir uns etwas Schöneres für unser Wochenende vorstellen, aber genau darum geht es bei der Diskussionsveranstaltung "Deutschland spricht", die morgen in die zweite Runde geht. Das ist eine Art Dating-Plattform für Menschen mit politischen Gegensätzen, und die Idee dahinter: Raus aus den Filterblasen, raus aus der Bequemlichkeit unter Gleichgesinnten, miteinander reden statt übereinander.

Letztes Jahr haben das gut 600 Pärchen gemacht, zu Themen wie der Flüchtlingsfrage oder dem Euro, und in München sitzen jetzt zwei zusammen, die im vergangenen Jahr dabei waren. Während der ersten Runde von "Deutschland spricht" haben sie dort über ihre unterschiedlichen Meinungen diskutiert, Martin Siegmund und Daniel Meng. Schönen guten Morgen!

Martin Siegmund und Daniel Meng: Hallo, grüße Sie!

Rahmlow: Herr Siegmund, Sie und Herr Meng treffen sich ja heute zum ersten Mal, seitdem Sie letztes Jahr aufeinandergetroffen sind. Haben Sie sich auf das Wiedersehen gefreut?

Siegmund: Ja, es war doch spannend zu sehen, was sich so geändert hat auch im Leben von Daniel, ja.

Rahmlow: Okay, das heißt aber, Herr Meng, da greife ich Sie gleich mal mit auf, Sie haben sich letztes Jahr nicht gnadenlos zerstritten und sich am Ende den Teufel gegenseitig nach Hause gewünscht?

"In einem kleinen Café getroffen"

Meng: Nee, das war eigentlich ein sehr … Ich glaube, das Gespräch ist auch deutlich länger gegangen, als es geplant ist, wir haben da eigentlich sehr gut unsere Meinungen ausgetauscht. Und ich glaube, der Schlüssel war auch … Wir haben auch, sage ich mal, uns zugehört. Ich glaube, das war sehr wichtig, und den anderen dann nicht angegriffen. Und das war einfach ein sehr konstruktives Gespräch, hat viel Spaß gemacht.

Rahmlow: Kurze Frage überhaupt erst mal, wie war denn das Setting, wo haben Sie sich denn getroffen, Herr Meng?

Meng: Wir haben uns in einem kleinen Café ehrlich gesagt getroffen, zusammen noch mit der Reporterin. Ja, saßen da, es war auch gutes Wetter, wir saßen sogar draußen auf der Terrasse und haben da eigentlich ein sehr lockeres Gespräch geführt bei Kaffee! Kaffeespezialitäten!

Rahmlow: Das ist ja schon mal ein guter Ansatz, um in ein gutes Gespräch zu kommen. Herr Siegmund, und haben Sie dann die Liste von Themen abgearbeitet? Oder wie hat das funktioniert?

Siegmund: Wir sind die Liste grob durchgegangen schon, aber wir haben uns doch auch abdriften lassen.

Meng: Man ist dann auch sehr schnell vom einen zum anderen, es hängt ja auch immer viel mit vielem zusammen. Und wir haben da auch teilweise sehr schnell in andere Themen und … Ja, sind da auch viel gesprungen, muss ich sagen.

Rahmlow: Gut, das ist ja bei einem normalen Gespräch unter Freunden auch so. Sie sind aber jetzt natürlich zusammengewürfelt worden, weil Sie eben diametrale Meinungen, weil sie verschiedene Meinungen zu großen politischen Themen haben. Eine Frage war ja die Flüchtlingspolitik. Wollen wir doch mal an dem Beispiel konkret sein! Herr Siegmund, Sie sind eher für offene Grenzen, Herr Meng, Sie sind eher dafür, dass Grenzen auch geschlossen sein können. Das ist jetzt sehr grob zusammengefasst. Haben Sie in Ihrem Gespräch ein Verständnis für die Position des anderen entwickelt? Herr Meng, ich fange bei Ihnen mal an!

Meng: Also grundsätzlich also ja, auf jeden Fall. Und im Gespräch haben wir schon dann festgestellt, fand ich, dass wir gesagt haben, ach, so meinst du das, ja okay, so kann ich mir das vorstellen und dann finde ich deine Position wieder in Ordnung, weil … Es gibt ja nicht nur die Wahl zwischen total offene Grenzen und keine Kontrolle und niemanden hereinlassen, vor allen Dingen auch nicht Flüchtlinge, die dementsprechend anerkannt sind. Ich habe dich jetzt, sage ich mal, Martin, deutlich besser …, was der Beweggrund dahinter ist und wie du das auch meinst.

Bei der Homo-Ehe nicht zusammengekommen

Rahmlow: Herr Siegmund, ist es denn dann so, wie Herr Meng das gerade sagt, es gibt gar nicht dieses Schwarz-Weiß, das ist ja eigentlich klar, aber das sieht man gar nicht, wie groß Graubereiche sind in Diskussionen?

Siegmund: Auf jeden Fall, ja. Ich glaube, wir waren bei den meisten Themen – das war vielleicht auch ein Grund dafür, dass wir so gut ausgekommen sind – gar nicht so weit auseinander, sondern teilweise halt gerade so auf der einen oder gerade so auf der anderen Seite. Und gerade weil natürlich die Flüchtlingsthematik auch viel komplexer ist "Ich bin dafür, dass wir Flüchtlinge aufnehmen, und ich bin dagegen", …

Meng: Genau.

Siegmund: … gibt es da gezwungenermaßen einen Graubereich.

Rahmlow: Sie haben gerade gesagt, bei den meisten Themen waren Sie sich gar nicht so uneinig. Gab es denn auch ein Thema, auf das Sie gestoßen sind, wo Sie überhaupt nicht zusammengekommen sind?

Siegmund: Die Homo-Ehe war ja auch ein Thema, und da …

Meng: Ich glaube, ja.

Siegmund: … waren wir am Ende immer noch genau unterschiedlicher Meinung.

Meng: Das war dann halt so. Aber es ist jetzt nicht, dass wir da dann aggressiv drüber gestritten hätten. Da haben wir die Meinungen ausgetauscht und sind dann irgendwann zu dem Punkt gekommen, okay, offensichtlich ist das so eine Einstellungssache und das ist halt so und es wurde jetzt entschieden und damit ist das für mich in Ordnung und für Martin, glaube ich, auch.

Siegmund: Für mich auf jeden Fall.

Rahmlow: Also Punkt, gut, verschiedene Meinungen, aber wir können trotzdem miteinander leben und uns in die Augen sehen. Ist es eigentlich … Vielleicht frage ich Sie zuerst, Herr Siegmund, ist es einfacher, mit einem Fremden zu diskutieren, als mit einer Person, die einem sehr nahesteht, zum Beispiel einem Familienmitglied?

Siegmund: Das würde ich schon sagen, ja. Weil, ich meine, wenn da plötzlich sehr extreme Meinungen herauskommen, dann ist es natürlich schon hart, von einem geliebten Menschen zu hören, wenn er plötzlich irgendwie Naziparolen skandiert.

Meng: Im Zweifel, wenn es wirklich was ist, was einen sehr berührt, oder beide Seiten, dann glaube ich kommt das auch immer sehr schnell wieder hoch. Das ist dann wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit beim nächsten Familientreffen oder wenn man irgendwas zusammen macht. Und ja, ich glaube, da fehlt einfach diese Option, auch mal Abstand halten zu können, was man bei einem Fremden ja deutlich einfacher realisieren kann.

Rahmlow: Da kann man auch wieder gehen.

Meng: Wenn es ganz schlimm läuft, ja.

"Das wird sehr schnell schwarz-weiß"

Rahmlow: Bei Ihnen war das nicht der Fall. Aber die Idee hinter "Deutschland spricht" ist ja auch, aus Filterblasen herauszukommen, weil wir uns ja schon alle recht gerne eher mit Menschen unterhalten, die einer Meinung sind wie wir selber, weil wir uns ja auch gerne bestätigt fühlen wollen, weil viele sicherlich auch nicht gerne streiten. Fehlt uns – die Frage geht an Sie beide und ich frage Herrn Meng zuerst – in Deutschland eine Diskussionskultur?

Meng: Ich persönlich finde: Ja. Bei uns ist das immer: Okay, bist du dafür oder dagegen? Das wird sehr schnell in eine oder andere, sehr schnell schwarz-weiß, man hat dann so den Eindruck, der Skandal ist wichtiger und die Schlagzeile als jetzt so dieses Abwägen und Hintergrund, wo sich jeder informiert.

Rahmlow: Herr Siegmund, haben Sie eine Erklärung, warum das so ist?

Siegmund: Ich würde vermuten auch, dass Themen einfach komplex sind. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich die Informationen habe, um das zu bewerten zu können. Und ich habe auch im Moment eigentlich nicht das Gefühl, dass ich die auf einfache Art und Weise bekommen, weil jeder da halt eine Meinung hat und erst mal eine Meinung hat, bevor eigentlich ganz klar ist, was eigentlich der Sachstand ist.

Rahmlow: Martin Siegmund und Daniel Meng, beide haben sich im Rahmen von "Deutschland spricht" im vergangenen Jahr zusammengesetzt und über ihre unterschiedlichen Meinungen diskutiert. Und es war wohl ganz in Ordnung, das Treffen, denn schließlich haben sie sich ja heute wieder zusammengesetzt. Ich danke Ihnen beiden für Ihre Zeit!

Siegmund und Meng: Danke! VielenDank.

Rahmlow: Und morgen beginnt dann die zweite Runde von "Deutschland spricht", 10.000 Pärchen wird es diesmal geben, die Anmeldephase ist schon vorbei, aber man kann sich das ja mal zum Vorbild nehmen, wie wir auch jetzt gerade gehört haben, und in Eigeninitiative das Gespräch miteinander suchen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Deutschland spricht" ist die Plattform für politische Zwiegespräche von ZEIT ONLINE. Zwei Leser, deren politische Ansichten völlig unterschiedlich sind, werden zu einem Vier-Augen-Gespräch zusammengebracht. Am 23. September 2018 sollen sich erneut Menschen in ganz Deutschland treffen. Insgesamt elf Medienhäuser haben in diesem Jahr gemeinsam zu der Aktion aufgerufen.

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