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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 28.01.2020

Politischer JournalismusRegieren hat nichts mit Sport zu tun!

Eine Medienkritik von Markus Grill

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Ein Siegespodest aus Europaletten steht auf dem Rasen. (imago images / CHROMORANGE)
Politikberichterstattung sollte eigentlich mehr sein als Sportjournalismus, fordert Markus Grill. (imago images / CHROMORANGE)

Wer wird deutscher Meister, pardon - Bundeskanzler? Markus Grill beobachtet eine gefährliche Tendenz in der politischen Berichterstattung: Es gehe nur noch um Spiel, Satz und Sieg, kritisiert der Journalist. Konkrete Inhalte blieben auf der Strecke.

Wozu gibt es eigentlich den Politikteil einer Zeitung? Wenn Sie altmodisch sind oder ein bisschen naiv, denken Sie vielleicht, klar: Im Politikteil informiert man sich über Politik. Aber ich fürchte, da werden Sie kaum fündig. Denn immer häufiger tut die politische Berichterstattung nur so, als sei sie politische Berichterstattung.

In Wirklichkeit geht es zu wie im Sport: Die Fragen, um die es dort geht, sind: Wer gewinnt gegen wen? Wer wird befördert? Wer abgesägt? Wer steht auf der Abschussliste? Wer ist der große Verlierer?

Empörung statt Analyse

Am heftigsten konnte man diese Form der politikfreien Politikberichterstattung zuletzt nach der Wahl der neuen SPD-Chefs Saskia Esken und Norbert Walter Borjans beobachten. Kaum jemand wusste, für was die beiden inhaltlich eigentlich stehen, außer vielleicht ihrer vagen Abneigung gegen die Große Koalition. Aber darum ging es gar nicht.

Stattdessen empörten sich die Hauptstadt-Journalisten darüber, was diese beiden Neuen denn für Loser seien, und warum die SPD mit diesem Duo geradewegs in die Hölle marschiere. Und dass es eine schmähliche Demütigung für Olaf Scholz sei, der nun über kurz oder lang auch als Finanzminister zurück treten müsse. Und so weiter und so fort.

Unguter Trend zur Personalisierung

Sie denken, das war eine Ausnahme? Schön wäre es. Ich finde, es gibt seit einer Weile schon einen unguten Trend zur reinen Personalisierung. Programme, Ideologien, Überzeugungen von Politikern spielen kaum mehr eine Rolle. Wer soll noch eine Rente bekommen, wenn die AfD an der Macht ist? Was hält die CDU von einer Erhöhung des Mindestlohns? Wie will die SPD das Gesundheitswesen reformieren? Welche Außenpolitik wollen die Grünen?

All dies will man Leserinnen, Zuschauern und Zuhörerinnen offenbar kaum zumuten. Es geht auch nicht darum, was eine bestimmte Politikerin oder ein Politiker inhaltlich erreichen will, was ihm wichtig ist, außer vielleicht an der Macht zu bleiben.

Stattdessen die ewig gleichen Fragen: Wer, wen aus der eigenen Partei für fähig oder unfähig hält, wer mit wem gut kann und mit wem weniger gut, wer wann wem gegenüber illoyal ist. Und als Leser gewinnt man den Eindruck: Denen da oben geht es immer nur um das eine.

Die Berichterstattung braucht mehr Inhalt

Für mich ist das eine politikfreie Politikberichterstattung. Gegen die ist grundsätzlich nichts einzuwenden – wenn sie in "Bunte" oder "Gala" steht. Aber in seriösen Blättern und Onlinemedien oder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

Porträts über Angela Merkel kommen in der Regel mit den immer gleichen dürren Anekdoten aus und der spektakulären Erkenntnis, dass sie ein Machtmensch sei. Man liest öfter über die Farbe ihrer Jackets als zum Beispiel darüber, was sie über den Berliner Mietendeckel denkt.

Es gibt seitenlange Porträts von Ministerinnen im "Spiegel", bei denen man am Ende nichts, aber auch gar nichts über irgendeine Position dieser Ministerinnen zu irgendeiner politisch relevanten Frage erfährt.

Unkritischer Sportjournalismus ist kein Maßstab

Dabei sollte Politikberichterstattung eigentlich mehr sein als Sportjournalismus, der sowieso als einer der unkritischsten Disziplinen überhaupt gilt. Das Lustige ist, dass Hauptstadtjournalisten gern darüber jammern, wie wenige "real characters" es im Politikbetrieb noch gebe.

Alle seien mehr oder weniger gleich und glatt geschliffen – und dann machen sich die gleichen Kollegen mit umso größerer Akribie daran, neue Porträts über diese angeblich langweiligen Personen zu schreiben. Oder sie in Interviews die immer gleichen langweiligen Dinge zu fragen: "Der Dings sagt über Sie das, was sagen Sie jetzt dazu?"

Deshalb an dieser Stelle schon jetzt eine exklusive Prognose: Kanzlerkandidat der Grünen wird dieses Jahr Bayern München und Deutscher Meister wird Robert Habeck.

Markus Grill posiert für ein Foto.  (picture alliance  /dpa / Britta Pedersen)Markus Grill (picture alliance /dpa / Britta Pedersen)Markus Grill leitet das Berliner Büro der Rechercheressorts von NDR und WDR in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung. Geboren 1968 in Aalen, studierte er Geschichte und Germanistik in Freiburg und Berlin. Nach Stationen beim "Stern", wo er unter anderem den Schmiergeld-Skandal bei Ratiopharm aufdeckte und den Lidl-Überwachungsskandal, und beim "Spiegel", wo er Titelgeschichten über Homöopathie, schädliche Vitaminpillen oder nutzlose Vorsorge-Untersuchungen schrieb, war er von 2015 bis 2017 Chefredakteur des Recherchezentrums "Correctiv". Zuletzt war er an den Internationalen ICIJ-Rechercheprojekten "Paradise Papers" und "Implant Files" beteiligt. Auf Twitter ist er als @m_grill aktiv.

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