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Tonart | Beitrag vom 15.07.2020

Politischer Hip-Hop in den 90ernPublic Enemy und die Wut der Schwarzen

Von Fabian Wolff

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Porträt des US-amerikanischen Rappers Chuck D, Mitglied der Band Public Enemy (imago stock&people)
Der US-amerikanische Rapper Chuck D, Mitglied der Band Public Enemy (imago stock&people)

Bis heute gilt die US-Band Public Enemy als Inbegriff des politischen Hip-Hops. Dabei ist sie seit 30 Jahren musikalisch kaum in Erscheinung getreten. Auf ihrem Höhepunkt lassen Antisemitismusvorwürfe die Band straucheln.

31 Jahre ist der Wutsommer jetzt her, den die Gruppe Public Enemy in "Fight the Power" heraufbeschworen hat. Rap ist das CNN des schwarzen Amerikas, das war einer der vielen brillanten Slogans von Frontmann Chuck D.

Bis heute gelten Public Enemy als Inbegriff des politischen Hip-Hops. Trotzdem sie seit 30 Jahren musikalisch kaum in Erscheinung getreten ist. Ihr großer Erfolg hielt fünf Jahre, dann verließen die Musiker die Bühne wieder, auf die sie 1987 mit "Yo! Bum Rush the Show" gestürzt waren.

Die Geschichte von Public Enemy beginnt in einem College auf Long Island in New York. Hier studiert Chuck D Grafikdesign und moderiert eine Hip-Hop-Sendung. Zusammen mit seinem Studienfreund Flavor Flav gründet er Public Enemy und nahm ein Tape auf, das seinen Weg zu Rick Rubin und Def Jam findet.

Laut explodierende Zitate

Musikalisch passt die Gruppe perfekt zum Label: Ihr aggressiver Sound spricht nicht nur die weißen Fratboy-Fans der Beastie Boys an, für die Public Enemy als Vorgruppe auftreten. Auch die weiße Rockkritik ist angetan, aber irritiert von der Wut, die 1988 auf dem Album "It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back" zu hören ist.

1989 soll dann eigentlich das Jahr von Public Enemy werden. Der Regisseur Spike Lee, das Wunderkind des New Black Cinema, kündigt an, dass die Gruppe einen Song für seinen neuen Film "Do the Right Thing" aufnehmen würde. Aber noch vor Filmstart erscheint in der rechten Zeitung "Washington Times" ein Artikel des jungen schwarzen Journalisten David Mills, der ein Interview mit Professor Griff, dem sogenannten Minister of Information der Gruppe führt.

Griff erklärt, dass die Juden für einen Großteil der Übel der Welt verantwortlich seien und den Sklavenhandel finanziert hätten. Nachdem Mills den Artikel an Musikmagazine faxt, explodieren die Zitate lauter als jede musikalische Bombe der Band.

"Mehr als ein PR-Albtraum"

Kurz heißt es, dass Public Enemy sich sogar auflösen. In einer Pressekonferenz verkündet Chuck D schließlich, dass Griff von seinem Posten entlassen ist, und erklärt die Mission der Band:

"Die schwarze Community steckt in einer Krise. Als Musiker ist es unsere Aufgabe, diese Probleme zu benennen. Die beleidigenden Äußerungen von Professor Griff haben nichts mit unserem Programm zu tun. Wir sind nicht antijüdisch, wir sind proschwarz und pro-Menschheit. Diese Botschaft hat Griff sabotiert. Wir erklären niemanden zu Feinden, sondern das System ist der Feind."

Ansonsten schweigt die Band, auch um Spike Lees Film nicht zu gefährden. "Fight the Power" wird trotzdem ein Hit. Erst ein Jahr später, auf dem neuen Album "Fear of a Black Planet", äußert sich Chuck D musikalisch zu der Affäre. Auch hier meinen Kritiker, wieder antisemitische Untertöne zu vernehmen.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Antisemitismusvorwürfe die Band straucheln lassen. Im Verhältnis von Schwarzen und Juden gibt es berechtigte Anliegen, aber auch Dämonisierungen. Auch Public Enemy können diesen Graben nicht überbrücken. Dabei sind ihre wichtigsten Partner jüdisch, wie der Produzent Rick Rubin und Bill Adler. Adler, bei Def Jam damals für die PR verantwortlich, legt in einem Interview mit "Rap Radar" seine Sicht der Dinge dar:

"Das war mehr als ein PR-Albtraum: Ich war selber davon betroffen, weil ich jüdisch bin. Es gefiel mir gar nicht, dass einer unserer Künstler antisemitische Sachen sagte. Es war verstörend."

Auftritt bei Bernie Sanders 2020

Auf Def Jam veröffentlichen Public Enemy noch zwei ehrbare Alben, aber Teil des Hip-Hop-Zeitgeistes sind sie nicht mehr. Rap klingt jetzt jazzy wie bei A Tribe Called Quest oder funky wie der Westcoast-Sound von Dr. Dre. Politisch sind diese Künstler selten und wenn, dann ging es nicht um Slogans, sondern um eine Lebensart.

Public Enemy machen weiter, irgendwann wird Griff, ohne erkennbare Läuterung, wieder Mitglied. 2020 macht die Gruppe noch einmal von sich reden: Wegen eines Auftritts von Chuck D bei einer Veranstaltung von Bernie Sanders kommt es zu einem Streit zwischen ihm und Flavor Flav, der daraufhin aus der Gruppe geworfen wurde. Ob das Ganze wirklich nur ein PR-Stunt ist, um eine neue Anti-Trump-Single zu bewerben, ist nicht ganz klar. Nur eine Sache scheint fast niemandem aufzufallen: dass Bernie Sanders jüdisch ist – wahrscheinlich noch nicht einmal Public Enemy selbst.

"The revolution will not be televised", wusste schon der Musiker Gil Scott-Heron. Aber was, wenn sie schon angekündigt war – und dann nicht stattfindet? In unserer Serie "Musik und Revolution" beschäftigt sich Fabian Wolff mit gescheiterten Aufständen und abgesagten Umstürzen, mit persönlichen Krisen und sterbenden Genres.

Die fünf Folgen decken 50 Jahre Pop-Geschichte ab und kehren jeweils zum Beginn eines Jahrzehnts zurück: vom Ende der Bürgerrechtsbewegung und "There's A Riot Goin‘ On" von Sly & the Family Stone Anfang der 1970er bis zu Drake und Kanye West und dem Aufstieg Donald Trumps zu Beginn der 2010er Jahre.

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