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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.01.2017

Politische RhetorikGlatt gelogen wirkt verdammt ehrlich

Von Dunja Melčić

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Der neue Präsident der USA: Donald Trump. (Imago / Zuma Press)
Der neue Präsident der USA: Donald Trump. (Imago / Zuma Press)

Eine vulgäre Sprache voller Verdrehungen und Lügen – wer das für ein neues Stilmittel der politischen Auseinandersetzung hält, sollte in die jüngere europäische Vergangenheit blicken. Die Philosophin Dunja Melčić erklärt, warum Lügen so wirkungsvoll sind.

Warum erntet Donald Trump mit absurden Verdrehungen und offenen Lügen kein ungläubiges Schweigen, sondern den jubelnden Zuspruch seiner Anhänger? Es scheint, als käme es im politischen Betrieb immer weniger darauf an, was gesagt wird – und immer mehr darauf, wer es ausspricht. Doch wer deshalb irritiert auf Amerika schaut, kann ebenso gut zurück nach Europa blicken. Und zurück in die Vergangenheit. Denn was so oft als Phänomen der Gegenwart beschrieben wird, sollte uns Europäern bekannt vorkommen.

Vor 25 Jahren nämlich baute auch Slobodan Milosevic seine Herrschaft auf die sogenannte "serbische Wahrheit" auf. Diese widersprach zwar ganz offensichtlich den verfügbaren Fakten und der Wirklichkeit, wie sie in der sonstigen Welt bekannt und anerkannt wurden. Doch auch ihm wurde die politische Verzerrung anstandslos geglaubt. Den Kern dieser ganz eigenen Form der serbischen Kommunikation macht eine besondere Ausformung der Mündlichkeit aus, die in Serbien eine lange Tradition besitzt.

Unter Milosevic begann die moderne Telekratie

Seitdem Milosevic an die Macht kam, galt er als jemand, der direkt zu seinem Volk spricht. Alle Verlautbarungen bekamen diese Aura seiner direkten Rede. Als lägen dazwischen nicht die Medien, die Schrift der Zeitschriften oder das Bild des Fernsehens. Damit begann die "moderne serbische Telekratie". Sie gründete in seiner persönlichen Autorität: Wie das Oberhaupt eines schriftlosen Klans galt Milosevic als die reine Quelle der quasi mündlichen Wahrheit. Ihre Essenz lag darin, dass er es war, der sie aussprach. Nicht was gesagt wurde, war entscheidend, sondern wer es tat.

Es ist erstaunlich: Während sich in den späten 80er-Jahren alle rundherum gegen die verlogenen ideologischen Floskeln der zusammenbrechenden Ostblockstaaten aufstellten und nach Aufklärung und Aufrichtigkeit trachteten, setzte Milosevic die kommunikative Wende in eine andere Richtung durch und erreichte die totale Beherrschung des öffentlichen Diskurses. Er führte die Alltagssprache in das gestelzte Funktionärsideologem ein. Er nutzte eine Vielzahl vulgärer Ausdrücke, die früher niemand in der Öffentlichkeit gebrauchte. In seinen Reden durchsetzte er die kommunistische Funktionärssprache mit dem Jargon der Straße und verpasste der medialen Wirklichkeit einen Anschein der unmittelbaren Oralität.

Die angeblichen "Wahrheiten" sind bis heute gültig

Damit wurde Milosevic endgültig zum Herren der Wahrheit und die Mehrheit glaubte ihm noch die absurdesten Lügen. Lügen können ganze Generationen prägen. Die damals etablierten angeblichen "Wahrheiten" sind für die meisten Serben auch heute noch gültig.

Trump und ähnliche neue politische Führer können durch Twitter und Facebook direkt mit ihren Manipulationen die Massen erreichen. Mit ihrer neuen digitalen Verlautbarungskultur überspringen sie die klassischen Medien wie Zeitungen, Fernsehen und Radio. Ganz ähnlich wie Milosevic simulieren sie eine neue Unmittelbarkeit und erreichen durch ihre vulgäre Sprache eine neue Glaubwürdigkeit. Kurz: Was sie sagen ist oft glatt gelogen. Es wirkt aber verdammt ehrlich.

Die Publizistin Dunja Melcic (privat)Die Publizistin Dunja Melcic (privat)Dunja Melčić, geb. 1950 in Kroatien, Philosophin und freie Autorin; lebt seit 1974 in Frankfurt, wo sie 1981 über Martin Heidegger promovierte; setzt sich besonders mit Themen aus Philosophie und internationaler Politik auseinander - mit dem Akzent auf Südosteuropa. Veröffentlichungen: "Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen" (Hg., 1999, 2007); "Das Denken der Freiheit zwischen gestern und heute. Auf den Spuren Hannah Arendts" (2007); "Jugoslawismus ohne Jugoslawien" (2011); "Europe and the Balkans: The History of (national) Discourses" (2015).

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