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Sein und Streit | Beitrag vom 05.01.2020

Politische NostalgieWarum man die Vergangenheit nicht den Populisten überlassen darf

Ein Kommentar von Nils Markwardt

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Die Installation "Idiom" von Matej Krén in der Prager Stadtbibliothek, bestehend aus Hunderten von Büchern, die zu einem zylindrischen Turm gestapelt sind.  (picture alliance / XinHua / Zheng Huansong)
Fortschritt als Spirale: Man geht zurück, um auf einer höheren Ebene zu landen. So lässt sich Vergangenheit als politische Ressource progressiv nutzen. (picture alliance / XinHua / Zheng Huansong)

Die Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit – das kennzeichnet vor allem Rechtspopulisten. Doch der Bezug auf die Vergangenheit könne auch eine Ressource für progressive Politik sein, meint Nils Markwardt.

Es ist ein Prozess, der sich gleichermaßen unterschwellig wie nachhaltig vollzieht. Man könnte ihn als chronopolitische Wende bezeichnen. Einfacher gesagt: In den letzten Jahren verändert sich die Art und Weise, wie mit Zeitvorstellungen Politik gemacht wird.  

Die liberale Demokratie lebt seit dem Zweiten Weltkrieg von einem Fortschrittsnarrativ. Nach dem Motto: Selbst wenn die Gegenwart noch mangelhaft ist, die Zukunft wird besser sein. Eben dieses Fortschrittsnarrativ ist dank Klimawandel und wachsender Ungleichheit nun jedoch brüchig geworden.

Deshalb erklärt sich der globale Aufstieg der Rechtspopulisten auch durch ihre Politisierung der Nostalgie. Mit ihren buchstäblich rückwärtsgewandten Slogans – "Make America great again", "Take back control" oder "Wir holen uns Deutschland zurück" – versprechen sie die Rückkehr in eine vermeintlich bessere Vergangenheit. Oder wie es der Soziologe Zygmunt Bauman formulierte: Die Utopien wurden doch "Retropien" ersetzt.

Politische Nostalgie ist nicht per se schlecht

Kein Zweifel: Diese rechtspopulistische Retropolitik ist im Kern autoritär und antipluralistisch, da sie viele jener Liberalisierungsprozesse rückgängig machen will, die in den westlichen Demokratien hart erkämpft worden sind. Nur heißt das aber nicht, dass jede Form der politischen Nostalgie per se schlecht wäre. Im Gegenteil: Aus historischer Perspektive wird deutlich, dass fast allen großen emanzipatorischen Umbrüchen der Moderne ein rekursives Zeitverständnis zu Grunde lag.

So bemerkte etwa Hannah Arendt in ihrem Essay "Die Freiheit, frei zu sein", dass sowohl die amerikanischen als auch französischen Revolutionäre zunächst zurück wollten: zur mittelalterlichen Magna Charta, zum Naturrecht oder zu idealisierten Vorbildern der Antike. Ähnliches galt auch für die Glorious Revolution in Großbritannien oder den deutschen Vormärz.

Denn schließlich hatte der Begriff der Re-volution zu jener Zeit noch seine ursprüngliche Bedeutung: Rück-wälzung. Das historisch Neue entstand also aus dem Bewusstsein, falsch abgebogen zu sein und die Fahrtrichtung zu korrigieren. Zurück in die Zukunft.

Vergangenheit als politische Ressource

Für unsere Gegenwart bedeutet das freilich nicht, dass man sich einfach in Schwärmereien einer idealisierten Vergangenheit verlieren sollte. Aber weil das lineare Fortschrittsnarrativ heute aus guten Gründen in der Krise ist, sollten wir uns womöglich bewusst machen, dass in der Vergangenheit viele lose Fäden herumliegen – und dass sich an diese auch progressiv anknüpfen lässt. Denn Solidarität, Pluralismus, Sozialstaatlichkeit, Menschenrechte oder Nachhaltigkeit – das alles muss ja nicht neu erfunden werden, sondern hat lange historische Traditionen, die verstärkt oder wiederentdeckt werden können. Um ein banales Beispiel aus der Ökologie zu nehmen: Gerade die nun als "Umweltsau" geschmähte Oma weiß ja, dass es früher nicht normal war, jeden Tag Fleisch zu essen.

Kurzum: Vergangenheit ist eine politische Ressource, die man unterschiedlich nutzen kann, progressiv oder regressiv. Deshalb sollte man sie nicht den Autoritären überlassen. Auch weil sich womöglich nur so die Idee des Fortschritts als Ganzes retten lässt. Und zwar indem man ihn nicht einfach als aufsteigende Linie begreift, sondern, ganz dialektisch, als eine Art Spirale: Man geht zurück, um auf einer höheren Ebene zu landen. Es ist wie ein Blick zurück nach vorn.

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