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Literatur | Beitrag vom 22.09.2019

Politische Literatur der beiden KoreasFremde Brüder

Von Margarete Blümel

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Eine Aufnahme zeigt wie der nordkoreanische Führer Kim Jong Un (L) die Hand des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in (R) hält, während sie die militärische Demarkationslinie (MDL) überschreiten.  Beide trafen sich beim interkoreanischen Gipfel am 27. April 2018 in Panmunjom, Südkorea.  (Getty Images / Korea Summit Press Pool)
Kim Jong Un und Moon Jae-in reichten sich beim interkoreanischen Gipfel in der demilitarisierten Zone 2018 die Hände. (Getty Images / Korea Summit Press Pool)

Seit der Teilung des Landes 1953 beschäftigt sich die südkoreanische Literatur mit der Wiedervereinigung. Doch die beiden Länder haben sich auseinander entwickelt. Der Norden hungert, der Süden leidet unter dem rapiden technischen Fortschritt.

Soldat im Koreakrieg, Haft, Entlassung, erneute Gefängnishaft – der südkoreanische Schriftsteller Ko Un hat ein bewegtes Leben hinter sich. Im langen Kampf um Menschenrechte und Demokratie wurde er zu einer Ikone des Widerstands und brachte die Diktatoren des Landes gegen sich auf. Mittlerweile hat sich der 86-Jährige weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Fortschritt als Geißel

Der politische Kampf habe im Süden durchaus gefruchtet, sagt er. Doch was sei mit dem Norden, wie stehe es um die Wiedervereinigung der beiden Koreas? Ko Un beklagt auch die Kosten des wirtschaftlichen und technischen Fortschritts. Der Wandel Südkoreas von einem Agrarland zum Industriestaat sei viel zu schnell gegangen – 60 Jahre für eine Entwicklung, die andere Länder in mehreren hundert Jahren durchlaufen hätten. Der Fortschritt sei eine Geißel für Südkorea.

"Terrorismus gegen sich selbst"

Der rasante wirtschaftliche Aufschwung droht die südkoreanische Gesellschaft zu zerreißen.

Eine Nachtaufnahme zeigt die illuminierte Innenstadt von Seoul mit Ihren Hochhäusern udn Schnellstraßen. In der Mitte das historische Sungnyemun-Tor. (Getty Images / Chung Sung-Jun)Der Wandel Südkoreas von einem Agrarland zum Industriestaat sei viel zu schnell gegangen, so der südkoreanische Schriftsteller Ko Un. (Getty Images / Chung Sung-Jun)

Die Suizidrate ist im Tigerstaat hoch, die der Geburten extrem niedrig, die Konkurrenz um Schul-, Studien- und Arbeitsplätze sehr hart. "Terrorismus gegen sich selbst", nennt es Ko Un.

"Leben mit einer bösen Frau namens Geschichte"

Auch sein Kollege Hwang Sok Yong, der wohl bekannteste koreanische Schriftsteller, nahm teil am Kampf Menschenrechte und lernte das Gefängnis kennen. Er beurteilt die Gegenwart nicht weniger kritisch als Ko Un: "Seit beinahe 70 Jahren befinden wir uns in einem Krieg, der offiziell als Waffenstillstand bezeichnet wird. Und es gibt immer noch Gesetze für die nationale Sicherheit, die die antikommunistische Regierungsideologie durchsetzen und unsere Meinungsfreiheit einschränken.

Ein Porträt zeigt den südkoreanischen Schriftsteller  Hwang Sok-Yong. Im Vordergrund sind abstrakte rötliche Formen zu erkenne. (picture alliance / Effigie/Leemage)Porträt des Schriftstellers Hwang Sok-Yong. (picture alliance / Effigie/Leemage)

Wir haben das alles so satt! Trotzdem können wir uns dem nicht entziehen. Wir leben, wie wir es hier nennen, mit einer bösen Frau namens Geschichte."

"Fang an, dich wieder zu lieben!"

Die Wiedervereinigung ist das ferne Ziel vieler - auch, weil sich mit ihm viele Probleme der Gegenwart lösen ließen. Vielleicht bräuchte es dann keine Sicherungen mehr an der Selbstmörderbrücke in Seoul. Und keine Botschaften, die aufleuchten, wenn Menschen auf das Brückengeländer springen: "Es gibt nichts, was du nicht schaffen könntest!" etwa oder: "Du bist wunderschön, fang an, dich wieder zu lieben!"

(pla)

Das Manuskript zur Sendung finden Sie hier.

Besetzung: Falk Rockstroh, Gabriele Blum, Anika Mauer
Ton: Alexander Brennecke
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Redaktion: Jörg Plath

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