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Lesart | Beitrag vom 15.12.2020

Politische Essays von Lukas BärfussPlädoyer für die Trauer

Lukas Bärfuss im Gespräch mit Andrea Gerk

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Lukas Bärfuss, Träger des Georg-Büchner-Preises. (picture alliance/dpa / Boris Roessler)
Die Trauer sei im Gegensatz zur Wut ein sehr reflektierendes Gefühl, sagt der Schriftsteller Lukas Bärfuss. (picture alliance/dpa / Boris Roessler)

Über Wahrheit und Manipulation denkt Lukas Bärfuss in dem Essayband "Die Krone der Schöpfung" nach, ebenso über die Pandemie und daraus resultierende Gefühle. Statt Wut sollte besser Trauer das Gefühl der Stunde sein, sagt Bärfuss.

"Die Krone der Schöpfung" heißt der Essayband des Schweizer Autors Lukas Bärfuss, in dem er sich verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Themen widmet. Auch über die Coronapandemie schreibt der Büchner-Preisträger. Die Wut, schreibt Bärfuss, sei das Gefühl der Stunde. Doch sie mache dumm. Er stellt ihr die Trauer gegenüber.

Ehrlichkeit ins Zentrum rücken

"Ich denke, dass die Trauer im Gegensatz zur Wut ein sehr reflektierendes Gefühl ist", sagt Lukas Bärfuss. "Ein Gefühl, das sich nicht unbedingt blenden lässt, das zwar unangenehm sein kann, aber doch auch die Ehrlichkeit ins Zentrum rückt. Vor allem ist das natürlich der Beginn der Philosophie, der Kunst, der Kultur. Dass wir begreifen, dass das menschliche Leben kostbar ist."

Er sei ein Verfechter der Vielfalt, sagt Bärfuss, und das betreffe ebenfalls die Gefühle. Aus seinen Texten spreche durchaus auch mal Wut. Zum Schreiben brauche er allerdings "ein Seziermesser" und innere Ruhe. "Wer am Schreibtisch herumwütet, müsste wahrscheinlich zuerst joggen gehen", sagt er.

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Für seine politischen Texte wird Bärfuss in der Schweiz immer wieder kritisiert. Die Schweiz sei ein kleines Land mit der Devise, sich lieber einigen als streiten zu wollen. "Ich glaube trotzdem, dass es in einer freiheitlichen Demokratie, in einer offenen Gesellschaft die Kritik braucht und auch die Auseinandersetzung über verschiedene Positionen", so Bärfuss.

Das Wissen um Manipulation

Ihn habe es bisher nicht gestört, wenn er für seine Meinung in den Medien angegriffen wurde. "Ich muss allerdings auch hinzufügen: Ich bin ein Mann und ich bin weiß. Und ich glaube, wenn das nicht so wäre, würde ich auch noch einmal anders reden. Da erleben andere Menschen ganz andere Dinge in der Öffentlichkeit."

In der heutigen Zeit würden immer öfter verschiedene Interessensgruppen ihre Wahrheit von Ereignissen erzählen und durchzusetzen versuchen . In seinem Essayband sei es ihm auch darum gegangen, die Mechanismen des Storytelling offen zu legen, erklärt Bärfuss. "Im Sinne der Bekanntmachung, dass die Lesenden auch wissen, wie man sie verführen kann, wie man sie manipulieren kann."

Lukas Bärfuss: "Die Krone der Schöpfung. Essays"
Wallstein Verlag, Göttingen 2020
174 Seiten, 20 Euro

(nho)

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