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Im Gespräch | Beitrag vom 01.11.2019

Politikerin Aydan Özoğuz „Mehr Applaus bekommt man für Kritik“

Moderation: Katrin Heise

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Aydan Özoguz lächelt in die Kamera (imago-images/Stefan Zeitz)
"Integration ist etwas, da hängst du drin und da kommst du auch nicht so leicht wieder raus", sagt Aydan Özoguz. (imago-images/Stefan Zeitz)

Aydan Özoğuz erlebte Mauerfall und Wiedervereinigung in Hamburg. In Erinnerung geblieben sind ihr aber auch die Brandanschläge auf Unterkünfte von Migranten in den 90er-Jahren. Heute sitzt die Expertin für Integrationspolitik für die SPD im Bundestag.

"Das war ja das erste historische Ereignis, bei dem man ganz selbstverständlich mit drin war", sagt Aydan Özoğuz über den Mauerfall vor dreißig Jahren. Die Tochter türkischer Einwanderer erlebte den 9. November 1989 als Studentin in Hamburg und hatte wie viele andere nicht mit dieser Entwicklung gerechnet.

Die dunklen Seiten der Wiedervereinigung

Während sich die SPD-Politikerin heute noch gern an die Bilder aus dem Herbst 1989 erinnert, rückten allerdings Anfang der 1990er auch die Angriffe auf Asylbewerber und Einwanderer in ihren Fokus – etwa die Ausschreitungen und Angriffe auf die Unterkünfte von Vertragsarbeitern und Flüchtlingen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen oder die Brandanschläge in Mölln und in Solingen.

"Das werde ich nie vergessen: Wie Freunde von mir, die schon Kinder hatten, versucht haben, denen beizubringen, wie man eine Feuerleiter herunterklettert." Sie habe diese Entwicklung durchaus mit der Wiedervereinigung in Zusammenhang gebracht, sagt Aydan Özoğuz.

"Ich weiß heute noch, wie ich dachte: Was ist denn das jetzt für ein absurder Zustand, dass alle das Gefühl haben, aufgrund meiner - türkischen oder welcher auch immer - Herkunft, muss ich mich jetzt wappnen und meinen Kindern beibringen, wie sie um ihr Leben kämpfen oder irgendwie davonkommen können, falls jemand auf die Idee kommt, das Haus anzuzünden."

In Deutschland geboren und doch für immer Ausländerin?

Sie selbst habe in ihrer Kindheit in Deutschland kaum Ausgrenzung erlebt, sagt Aydan Özoğuz. Trotzdem bemerkte sie schon früh Unterschiede zu ihren in den USA geborenen Cousins und Cousinen: "Die waren ganz selbstverständlich Amerikaner und wir waren noch lange keine Deutschen."

"Das fand ich immer auch eigenartig, dass ich dachte: Wie kann das sein? Ich bin hier geboren, ich werde hier groß, wahrscheinlich sterbe ich hier eines Tages und bleibe mein Leben lang Ausländerin. Das ist doch bestimmt nicht gut für dieses Land."

Aydan Özoğuz‘ Eltern kamen 1961 aus Istanbul nach Hamburg und führten dort ein kleines Unternehmen für den Import von Haselnüssen. Bei Flügen in die alte Heimat wurden sie in dieser Zeit als türkische Einwanderer oft selbstverständlich, aber eben fälschlich von den Flugunternehmen als Gastarbeiter geführt. Das hatte immerhin den Vorteil, mit mehr Gepäck fliegen zu dürfen, sagt Aydan Özoğuz.

Einmal Integrationspolitik, immer Integrationspolitik

Heute sitzt Aydan Özoğuz für die SPD im Bundestag. Integrationspolitik ist ihr Fachgebiet, von 2013 bis 2018 war sie im Bundeskanzleramt als Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration zuständig. Ein Job, der ihr viel Spaß machte, den sie aber nicht jedem bedenkenlos empfehlen würde.

"Ich habe immer wieder anderen, die nach mir kamen, gesagt, Integration ist etwas, da hängst du drin und da kommst du auch nicht so leicht wieder raus. Es ist auch undankbarer als viele andere Felder im politischen Bereich", sagt die 52-Jährige.

"Wenn man sich zu sehr in diese Integrationsthemen hineinbewegt und – ich sag’s jetzt mal bisschen pauschal – nicht immer sagt: 'Die Migranten sind halt schwierig und doof und kriminell', dann hat man Schwierigkeiten. Mehr Applaus bekommt man für Kritik."

"Ich bin parteiisch!"

Aydan Özoğuz musste sich oftmals gegen den Vorwurf wehren, zu viel Partei für Migrantenvereine ergriffen zu haben. Kritik, die sie nicht anficht: "Ich bin parteiisch! Als Integrationsbeauftragte bin ich ja dafür zuständig zu gucken, wo fallen Leute durchs Netz oder werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt, wo sind die Probleme. Deswegen war es ganz wichtig, mit diesen Leuten zu reden. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es richtig war, die Migrantenorganisationen noch stärker an den Tisch zu holen."

Im Übrigen sei das – auch im Hinblick auf die Wiedervereinigung – keine Frage, das sich auf Migranten beschränke.

"Das ist ja gar kein so exotisches Thema, das kennen ja auch andere Gruppen in der Gesellschaft. Es ist schwierig, eine Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, dass sie nicht ganz fair mit jedem Mitglied umgeht. Durchaus schwieriger, als wenn man sagt, die haben selber Schuld. Ich bleibe aber dabei, man muss immer wieder alle zurückholen in die Mitte an den Tisch."

(era)

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