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Studio 9 | Beitrag vom 08.10.2019

Politikerin Aminata TouréInspiriert von Obama und entschlossen gegen Rassismus

Von Johannes Kulms

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Aminata Touré (Bündnis90/Die Grünen) steht an der Förde in Kiel. Die 26-jährige Landtagsabgeordnete ist neue Vizepräsidentin des Landtages in Kiel. (picture alliance/dpa/Carsten Rehder)
Seit August 2019 ist Aminata Touré Vizepräsidentin im Landtag von Schleswig-Holstein. (picture alliance/dpa/Carsten Rehder)

Aminata Touré ist 26, geboren wurde sie in einem Geflüchtetenlager in Neumünster. US-Präsident Barack Obama habe sie endgültig für Politik begeistert, sagt die Grünen-Parlamentarierin in Kiel und erste schwarze Landtagsvizepräsidentin in Deutschland.

Aminata Touré kennt solche Situationen. Im schleswig-holsteinischen Landtag geht es um die Flüchtlingspolitik. Und die AfD teilt kräftig aus im Plenarsaal. Fraktionschef Jörg Nobis meint: Wer Flüchtlingen signalisiere, sie aufzunehmen, mache sich letztendlich mitschuldig an der tödlichen Katastrophe im Mittelmeer.

"Wir machen da nicht mit! Sichere Grenzen in Südeuropa und eine klare Kommunikation nach Afrika: You will not make Europe home! You will not make Europe home! Wir wollen die Festung Europa, so wird das Sterben im Mittelmeer beendet", ruft Nobis.

Anreden gegen AfD-Polemiken

Populismus pur. Landtagspräsident Klaus Schlie wird nach Nobis’ Rede eine Rüge aussprechen. Aminata Touré bittet ums Wort und eilt zum Rednerpult. "Schlichtweg weil ich es nicht ertrage, körperlich nicht ertrage, dass das der letzte Beitrag unseres Parlaments ist, gehe ich nochmal rein in diese Debatte."

Sie sieht entschlossen aus. Wirkt aufgewühlt und spricht doch mit sicherer Stimme. Sie weiß, alle anderen Parteien außer der AfD stehen jetzt hinter ihr. Wichtiger als Nobis‘ rassistische Worte sei die Bereitschaft im Parlament, weitere 500 Flüchtlinge aufzunehmen. "Und das ist das, wofür wir hier in Schleswig-Holstein und auch die ganzen Kommunen und auch die ‚Seebrücke‘ stehen, das sind wir als Schleswig-Holstein. Und nicht das!"

Tourés Eltern waren aus Mali geflüchtet

Aminata Touré weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Ihre Eltern stammen aus Mali, sie wurde 1992 in einem Flüchtlingslager in Neumünster geboren. Erst als sie zwölf war, erhielt ihre Familie die deutsche Staatsbürgerschaft. Vorbei war damit die Zeit der Kettenduldungen. Eine Kindheit in einem Klima der Angst? So könnte man es nennen, sagt Touré.

"Also, meine Schwester wie auch ich, wie meine Eltern waren ständig in der Situation, drüber nachzudenken, okay, dürfen wir hier bleiben oder nicht?" Die 26-Jährige sitzt in ihrem Kieler Abgeordnetenbüro. Gleich muss sie zur Grünen-Fraktionssitzung.

Verständnis schaffen anhand der eigenen Biografie

"Ich versuche immer wieder anhand von biografischen Erlebnissen, die ich hatte, deutlich zu machen, dass ich nicht die einzige bin, die das erlebt. Sondern dass es nach wie vor Menschen gibt, die unter dieser Situation leiden, dass das ein Grund ist, weshalb ich in die Politik gegangen bin."

Es gebe typischere Politikerbiografien, findet sie. Mit 15 wird sie Schulsprecherin, studiert später in Kiel Romanistik und Politikwissenschaft. Danach heuert sie als Referentin bei der grünen Bundestagsabgeordneten Luise Amtsberg an.

Und mit 24 Jahren dann der Einzug in den schleswig-holsteinischen Landtag. Als jüngste und erste afrodeutsche Abgeordnete. Seit Ende August ist Aminata Touré auch Landtagsvizepräsidentin und leitet Plenarsitzungen. Erteilt Abgeordneten eine Rüge, sofern das notwendig ist, und verfolgt als Parlamentarierin die Themen Flüchtlings-, Migrations- und Frauenpolitik. Dafür schlägt ihr Herz.

Daniel Günther (CDU), Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, spricht mit Aminata Touré im Kieler Landtag. (picture alliance/dpa/Carsten Rehder)Daniel Günther, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, spricht im Kieler Landtag mit Aminata Touré (picture alliance/dpa/Carsten Rehder)

Touré ist schwarz. Sie weiß, dass es immer noch viele Vorurteile gegen Menschen wie sie gibt. Und dass die Hautfarbe damit auch eine politische Dimension bekommt.

Ex-US-Präsident Obama in Berlin begrüßt 

"Es ist ja keine freiwillige Situation. Man möchte sich eigentlich nicht darüber auseinandersetzen oder damit auseinandersetzen. Aber man ist dazu gezwungen, weil andere einen dazu zwingen, sich damit auseinanderzusetzen. Und das zu beseitigen, dass das wiederum keine Rolle spielt, ist also eigentlich das politische Ziel."

Mehrmals ist sie in den vergangenen Jahren in die USA gereist und hat an Treffen der schwarzen Community teilgenommen.

"Good afternoon! My name is Aminata Touré."

Im vergangenen April dann ein Höhepunkt: Sie darf die Begrüßungsworte bei einem Auftritt von Barack Obama in Berlin sprechen. Und macht deutlich, dass Obamas Wahl zum US-Präsidenten ihr dabei half, ihre Zweifel zu überwinden. Und selber in die Politik zu gehen.

"What encouraged me was, that there was someone on the other side of the Atlantic, who was starting a movement."

In der schleswig-holsteinischen Landespolitik ist sie längst angekommen. Sie gilt als junge, selbstbewusste und streitbare Politikerin. Aber auch als großes Talent. Dabei lösen gerade ihre Herzensthemen immer wieder Streit in der Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen aus. Die SPD weiß das und greift deswegen gerne die Grünen und dabei auch Touré an.

Bei Wohnungssuche wegen Hautfarbe abgelehnt

Zum Beispiel bei der Errichtung eines neuen Abschiebegefängnisses. All das ist allerdings kein Vergleich zu den Anfeindungen, die sie vor allem über das Netz erreichen. Das seien zum Teil übelste Beleidigungen. Als sie als Landtagsabgeordnete in Kiel auf Wohnungssuche ging, wurde sie bei einer Anfrage abgelehnt. Weil es keine schwarzen Menschen in dem Haus geben sollte, erzählt Touré.

Sie will nicht zu viel drüber reden. Andere Menschen mit Migrationshintergrund würden genau deswegen den Sprung in die Politik scheuen, glaubt sie. Natürlich gebe es auch gefährliche Situationen.

"Umso wichtiger ist es, dass mehr, die nicht so typisch sind in der Politik oder in der politischen Breite, in die Politik gehen, damit wir da nicht alleine sind."

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