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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 30.03.2020

Politiker unter DruckDer Gesellschaft mehr Verantwortung geben

Wolfgang Kaschuba im Gespräch mit Andreas Müller

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Das Foto zeigt eine Stimmenabgabe im Bundestag mit mehreren aufgestellten Wahlurnen. Auf dem Boden davor befinden sich Striche, damit die Abgeordneten wegen Corona einen Sicherheitsabstand einhalten. (picture alliance / Michael Kappeler / dpa)
Stimmenabgabe im Bundestag: Auch hier wird inzwischen der Sicherheitsabstand eingehalten. (picture alliance / Michael Kappeler / dpa)

In der derzeitigen Coronakrise ist das politische Geschäft schwer: Falsche Entscheidungen können viele Menschenleben kosten. Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba plädiert dafür, der Gesellschaft mehr Verantwortung zu übertragen.

Politische Entscheidungen zu fällen, ist schon grundsätzlich nicht einfach – in einer Krise wie dieser wird das politische Geschäft aber zu einer echten Herausforderung. Wer kann schon sicher sagen, dass eine Initiative, ein Gesetz, ein Dekret in Bezug auf die Coronapandemie genau richtig ist? Dass man es nicht doch noch besser machen und so noch mehr Menschenleben retten kann?

Die Politik sei derzeit in einer überaus schwierigen Situation, sagt der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba. Einerseits gebe es immer noch das klassische Bild von den politischen Machern, "die für uns schon etwas entscheiden werden". Andererseits nähmen die Bürger zugleich wahr, "dass das nicht mehr funktioniert".

Er wünsche der Politik den Mut, der Gesellschaft mehr zuzutrauen, sagt Kaschuba. Diese müsse mitgenommen werden. Denn es gebe derzeit keine endgültigen Wahrheiten. Es seien vielmehr viele Stimmen unterwegs, und dementsprechend gebe es auch oft viele Antworten.

Regional und pragmatisch entscheiden

Die Politik sei zugleich mit Forderungen nach einer Generallinie konfrontiert. Viele Fragen könnten aber wahrscheinlich viel sinnvoller regional oder lokal beantwortet werden.

Die Politik müsse die Kosten-Nutzen-Rechnung in einer solchen Krise transparent machen und vor allem auf Sicht fahren, so Kaschuba. Entscheidungsprozesse zu gliedern und am Ende pragmatisch zu entscheiden, sei das Gebot der Stunde.

Der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba (picture-alliance/dpa/Sophia Kembowski)Die Leute machen mit, wenn sie die Chance dazu bekommen, sagt der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba. (picture-alliance/dpa/Sophia Kembowski)

Corona wird tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen, ist sich Kaschuba sicher. Er ist aber optimistisch:

"Man muss mehr Verantwortung in die Gesellschaft geben, dann braucht es weniger Verbote und weniger Kontrolle, weil die Leute selber mitmachen." Denn: "Die Menschen wollen nicht Gefangene des Virus sein, sie wollen nicht nur passiv sein, sondern überall dort, wo sie aktiviert werden können, machen sie auch mit."

(ahe)

Der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba, geboren 1950, ist Abteilungsleiter im Institut für Migrationsforschung (BiM) der Berliner Humboldt-Universität. Er ist zudem Vorstandsmitglied der Deutschen Unesco-Kommission und sitzt im Rat für Migration.

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