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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 16.07.2021

Politiker im WahlkampfWarum Persönlichkeit wichtiger ist als Programm

Ein Standpunkt von Jörg Phil Friedrich

Politiker brennt unter Strahlen einer Lupe. (imago / Ikon Images / Gary Waters)
Die Persönlichkeit eines Politikers ist ein wichtiger Faktor bei der Wahlentscheidung. (imago / Ikon Images / Gary Waters)

Ein Wahlkampf, der vor allem mit der Persönlichkeit der Kandidaten wirbt, hat hierzulande keinen guten Ruf. Uns drohten amerikanische Verhältnisse, heißt es dann - oder: Mehr Inhalte bitte! Der Philosoph Jörg Phil Friedrich findet das falsch.

Die eine Kandidatin hat mal irgendwo geschummelt, der andere Kandidat hat schon mal abgeschrieben. Ein Bewerber wirkt zu kraftlos, eine Bewerberin zu unbedacht. Im Wahlkampf wird viel über die persönlichen Schwächen der Leute gesprochen, die in höchste Ämter streben, und nur wenig über ihre politischen Ziele. Manche warnen schon vor amerikanischen Verhältnissen. Sie befürchten, dass der Wahlkampf zur Schlammschlacht aus persönlichen Beleidigungen und Herabwürdigungen wird.

Richtig ist: Auch im Wahlkampf dürfen die Menschlichkeit und ein anständiger Umgang miteinander nicht auf der Strecke bleiben. Aber ist es wirklich falsch, vor allem auf die Menschen zu schauen, die sich da zur Wahl stellen?

Natürlich ist es nicht unwichtig, ob jemand den Klima- und Umweltschutz voranbringen will, und vor allem, auf welche Weise das geschehen soll. Auch die Frage, ob jemand eher auf den Staat und seine Regelungsmacht vertraut oder eher auf die Initiative und Kreativität der Menschen im Alltag, ist von Bedeutung.

Unberechenbarkeit der Welt passt nicht in Parteiprogramme

Die letzten Jahrzehnte haben aber gezeigt, dass die politischen Parteien und ihr Führungspersonal für die konkreten Herausforderungen, die sie in den Jahren ihrer Regierung zu bewältigen haben, ohnehin kein Programm haben können.

Die Unberechenbarkeit der Welt passt nicht in Parteiprogramme. Wir wissen nicht, ob wir in den nächsten Jahren wieder eine Pandemie haben werden, wir wissen nicht, wo ein Krieg ausbrechen wird, wie sich die EU weiterentwickelt, ob die Zahl der Migranten wieder steigt, welche konkreten Herausforderungen die Klimakrise uns stellt.

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Wäre dieser Text zur vorigen Bundestagswahl entstanden, hätte das Wort "Pandemie" darin keine Rolle gespielt, bei der Wahl davor wäre wohl von wachsenden Migrantenzahlen noch nicht die Rede gewesen. Das zeigt: Wir haben keine Ahnung, was wirklich auf uns zukommt.

Persönlichkeit eines Politikers bestimmt sein Handeln

Und deshalb ist es viel wichtiger, sich damit zu beschäftigen, was für Leute sich da zur Wahl stellen, als ihre abstrakten Wahlprogramme abzufragen. Sie müssen locker und sachlich bleiben, wenn sie mit Diktatoren am Verhandlungstisch sitzen. Sie müssen den Mut zur Entscheidung haben, wenn scheinbar nur falsche Wege gegangen werden können – und sie dürfen vor böser Kritik nicht einknicken.

Sie sollten sich von Experten mit unterschiedlichen Ansichten beraten lassen können und aus den verschiedenen Ratschlägen die Maßnahmen ableiten, die politisch akzeptabel sind. Nachdenklich und entscheidungsfreudig, kompromissbereit und durchsetzungsstark, rational und mitfühlend. Niemand kann all das, aber gesucht werden bei den Wahlen Leute, die diesen Ansprüchen am nächsten kommen.

Wir wissen zu wenig über die politischen Bewerber

Wenn man mit diesem Blick auf die Menschen schaut, die sich gegenwärtig zur Wahl stellen, wächst eher die Unsicherheit – nicht nur bezüglich derer, die in höchste Führungsämter streben, sondern auch hinsichtlich derer, die Abgeordnete oder Regierungsmitglieder werden wollen. Es zeigt sich, man weiß viel zu wenig über die Menschen, die ab September die Macht in ihren Händen halten wollen.

Ob sie den Anforderungen, die da auf sie zukommen, wirklich gewachsen sein werden, wird man natürlich erst wissen, wenn es so weit ist. Da hat die Vergangenheit oft genug gezeigt, dass Menschen unterschätzt werden, dass sie an Herausforderungen wachsen.

Wir können zudem nicht nur die wählen, die schon gezeigt haben, dass sie regieren können. Aber umso mehr wir uns damit befassen, was für Leute das sind, die regieren wollen, wie sie auftreten, wie sie mit früheren Fehlern und akutem Stress umgehen, desto mehr Sicherheit gewinnen wir, dass auch die Unerfahrenen die zukünftigen Aufgaben in den Griff bekommen werden. Deshalb ist der Wahlkampf eine gute Probezeit für alle, die regieren wollen.

Porträtaufnahme von Jörg Phil Friedrich. (Heike Rost)Jörg Phil Friedrich (Heike Rost)Jörg Phil Friedrich (geb. 1965) ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Er ist Mitbegründer des Softwarehauses INDAL in Münster und lebt bis heute von der Softwareentwicklung und vom Schreiben philosophischer Texte. Zuletzt erschien sein Buch "Ist Wissenschaft, was Wissen schafft?" (Alber 2019).
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