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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 17.02.2012

Politik ist keine Naturwissenschaft

Ein Plädoyer für weniger Statistiken und Prognosen

Von Barbara Kirchner

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Politik verschleiert, wenn sie sich wissenschaftlich begründet, meint Kirchner. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Politik verschleiert, wenn sie sich wissenschaftlich begründet, meint Kirchner. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Regierungen und Parlamente nutzen gern den wissenschaftlichen Sachverstand. Sich auf fremde Expertise zu stützen, verleiht den eigenen Ansichten und Entscheidungen mehr Gewicht. Die Chemikerin Barbara Kirchner will diese Methode nicht gelten lassen.

Im September 2011 erfuhr die Fachwelt davon, dass ein Biologe von der Universität Rochester ernste Probleme damit hatte, einige Fehler in einem wissenschaftlichen Papier öffentlich zu machen, das in der angesehenen Fachzeitschrift "Nature Cell Biology" erschienen war. Drei Anrufungen des Peer-Review-Systems der gegenseitigen Kontrolle von Wissenschaftlern und 18 Monate waren nötig gewesen, eine zweiseitige Richtigstellung am angemessenen Ort und in angemessener Form unterzubringen.

Wenn ich mir anschaue, mit welcher Selbstgewissheit die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Europa, von Brüsseler Sekretären und Frankfurter EZB-Analystinnen bis zur Berliner Bundeskanzlerin, Fakten ins Feld führen, die sich auf Statistiken, Prognosen und ähnliches stützen, um mit ihrer Hilfe eine sehr weitreichende Änderung der Sozialstruktur ganzer Staaten - Griechenland dürfte erst der Anfang sein - zu fordern und durchzusetzen, wenn ich mir dies anschaue, muss ich immer wieder an diese Geschichte aus dem September letzten Jahres denken.

Die relativ bescheidene Macht einer angesehenen Zeitschriftengruppe, der "Nature Publishing Group", steht bereits einer einfachen sachlichen Berichtigung so massiv im Weg, dass es über ein Jahr dauert, bis die nötige Klarstellung erfolgt; wie unmöglich dürfte eine Korrektur dann erst bei wirtschaftswissenschaftlichen Entscheidungshilfen sein, die Prozesse in Gang setzen, für deren Kontrolle man gerade in Krisenzeiten jedenfalls keine 18 Monate Zeit hat.

Je mehr Macht hinter einer politischen oder wissenschaftlichen Entscheidung steht, desto aufwendiger wird es, sie zu korrigieren, wenn sie ein Fehler war. Behaupten diejenigen, von denen die falsche Entscheidung ausgegangen ist, sie basiere nicht auf eigenen Vorgaben, sondern auf Fakten, wird diese Rolle der Macht verschleiert.

Wenn man heute als Naturwissenschaftlerin eine politische Stellungnahme abgibt, dann handelt man sozusagen in Notwehr.

Mein Beruf legt mir nahe, mich mit Tatsachen, Experimenten, Simulationen und begründeten Schlüssen aus dem zu befassen, was ich beobachten und wiederholen kann. Das alles sind Dinge, die sich nicht ändern, wenn man anderes darüber redet, Dinge, die nicht aus Vereinbarungen hervorgehen, sondern so sind, wie sie sind, egal, ob irgendwelche Menschen darüber einen Konsens erzielen oder nicht.

In der Politik ist das anders, wenn sie demokratisch ist: Die politischen Funktionsträgerinnen und Funktionsträger des Staates, in dessen Diensten ich forsche und lehre, begreifen sich als Repräsentantinnen und Repräsentanten von Interessen und Programmen, die sehr wohl in Debatten veränderbar sind.

Die Trennung dieser beiden Bereiche ist ein Segen: Sie können einander anregen, auch irritieren, jedenfalls miteinander reden. Aber man sollte nicht dazu übergehen, sie für ein und dieselbe Sache zu erklären. Programme und Interessen sind Ergebnisse sozialer Prozesse. Umgekehrt: Beobachtungen, Simulationen, Experimente, Sachverhalte in der Natur können über soziale Prozesse nur ermittelt, gesichert, korrigiert werden, nicht aber mit ihnen identisch sein.

Seit der Systemgegensatz Ost gegen West, also zwei riesige gesellschaftliche Formationen, die jeweils unterschiedliche Interessen und Programme zu bedienen erklärten, hinfällig geworden ist, gilt den Demokraten das parlamentarisch-repräsentative, bürgerliche, liberale westliche Staatenwesen als alternativlos, als etwas, das weitere Debatten nicht mehr ändern sollen, als begründete Schlüsse aus der Geschichte.

Ob und wie sich dies als wahr oder falsch erweist, mögen Wissenschaftler mit ihren Methoden erforschen. Ich würde mir wünschen, dass die Politik weniger laut von dem redet, was sie angeblich weiß, und wieder deutlicher von dem, was sie will.

Barbara Kirchner, Chemikerin und Autorin (privat)Barbara Kirchner, Chemikerin und Autorin (privat)Barbara Kirchner studierte Chemie in Freiburg, Mainz und Chemnitz und promovierte an der Universität Basel. Bevor sie 2007 den Lehrstuhl für Theoretische Chemie an der Universität Leipzig übernahm, absolvierte sie zahlreiche Forschungsaufenthalte in Deutschland, der Schweiz und Australien. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit veröffentlicht Kirchner erzählende Prosa und Essays. Sie schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "Spex", "De-bug" und das Magazin "Texte zur Kunst".

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