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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.07.2017

Polit-Satire-Ausstellung in KasselWas türkische Cartoonisten noch dürfen - und was nicht

Von Ludger Fittkau

Titelbild des türkischen Satiremagazins „Le Man“ vom 6. Januar 2016. (Avant Verlag)
Titelbild des türkischen Satiremagazins „Le Man“ vom 6. Januar 2016. (Avant Verlag)

Türkische Cartoonisten haben es nicht leicht. Das zeigt die aktuelle Ausstellung der "Caricatura-Galerie für Komische Kunst" in Kassel. Deutlich wird in der Schau "Schluss mit Lustig" aber auch: Gute Polit-Satire gibt es in der Türkei weiterhin.

Deniz Yücel packt mit beiden Händen die Gitterstäbe, hinter denen er eingesperrt ist. Der in der Türkei inhaftierte deutsch-türkische Journalist blickt auf eine Interviewszene direkt vor seinem Knastfenster. Ein Politiker wird interviewt, er gehört offenbar zur regierenden AKP-Partei des Regierungschefs Erdogan. In der Sprechblase über seinem Kopf ist zu lesen: "Die Verhaftung von Deniz Yücel hat keinen politischen Hintergrund". Der Interviewer fragt überrascht: "Sondern?" Die Antwort in der nächsten Sprechblase: "Es ist die Vergeltung für die Spionagevorwürfe gegen unsere Imame." Vorsicht Satire!

Titelbild der Zeitschrift "Uykuskuz" vom April 2017. (Avant Verlag)Titelbild der Zeitschrift "Uykuskuz" vom April 2017. (Avant Verlag)

Dass die türkische Regierung mit Deniz Yücel so umspringt, bewertet Tan Cemal Genç als Hinweis darauf, wie nervös die Erdogan-Regierung sei. Man wisse im Augenblick nie, was als Nächstes passiere.

Gleich neben der Karikatur zu Deniz Yücel winkt auf einer weiteren der 50 aktuellen Arbeiten türkischer Cartoonisten ein Wärter aus einer halboffenen Gefängnistür nach draußen und ruft: "Es ist ein Platz frei geworden. Ihr könnt den nächsten Journalisten schicken."

Erdogan akzeptiert Darstellung als Diktator, aber nicht als Tier

Einige der satirischen Zeichnungen aus der Türkei, die nun parallel zur documenta bis Ende August in Kassel zu sehen sind, nehmen auch Erdogan höchstpersönlich auf die Schippe. Doch die türkischen Karikaturisten wissen: Als Tier sollten sie den Präsidenten besser nicht darstellen.

Die Filmemacherin Sabine Küper-Büsch lebt und arbeitet seit 25 Jahren in Istanbul. Sie hat die Kasseler Satire- Ausstellung mit dem Titel: "Schluss mit Lustig" kuratiert:

"Ich finde es immer sehr interessant, dass auch bis heute man Erdogan ohne Probleme als Diktator, Hitler, Mussolini oder sonst was zeichnen darf, aber nicht als Tier. Das liegt einfach daran, dass der Mann in seiner Bewegung durchaus als "Führer" - so wird er auch seit einem Jahr genannt - reis, der Führer - gesehen wird. Er selber hat ja auch schon mal Hitlerdeutschland als funktionierendes Präsidialsystem gelobt. Also das ist überhaupt kein Problem in der Türkei, aber Tierdarstellungen empfindet Erdogan als Herabwürdigung seiner Menschenwürde und das duldet er nicht."

Zeichnung von Bahadir Baruter aus dem Jahr 2017 (Avant Verlag)Zeichnung von Bahadir Baruter aus dem Jahr 2017 (Avant Verlag)

Wenn man bestimmte aktuelle Regeln beachtet, dann kann man auch heute noch in der Türkei als Satiriker arbeiten, bestätigt auch der Zeichner Tan Cemal Genç. Ein mulmiges Gefühl habe er gestern auf dem Weg zum Istanbuler Flughafen aber schon gehabt, gibt Tan Cemal Genç zu. Er habe sich Gedanken darüber gemacht habe, ob man ihn wirklich nach Deutschland reisen lassen würde. Doch dann sei nichts passiert, so Genç. Möglicherweise, weil er aktuell viel im Internet arbeite und nicht allzu sehr im Mittelpunkt stehe.

Zeitschriften verstecken Kritisches im Heft

Tan Cemal Genç ist einer von fünf türkischen Cartoonisten, die von der "Caricatura - Galerie für Komische Kunst" zur Ausstellungseröffnung nach Kassel eingeladen wurden. Caricatura-Leiter Martin Sonntag zum Risiko für die Künstler, zu einem Zeitpunkt in Deutschland auszustellen, an dem Erdogan auch vor deutschen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten längst nicht mehr halt macht:

"Was uns wichtig war - auch in Absprache mit dem Auswärtigen Amt, das die Ausstellung unterstützt, ist: Wir können keine Situation gebrauchen, wo man hier in Deutschland sitzt und entspannt über Meinungsfreiheit redet, und die Zeichner für das, was hier in Deutschland passiert, unten Probleme kriegen."

"Wir zeichnen weiter" - heißt es auf dem Cover des Ausstellungskatalogs "Schluss mit lustig". (Avant Verlag)"Wir zeichnen weiter" - heißt es auf dem Cover des Ausstellungskatalogs "Schluss mit lustig". (Avant Verlag)

Sabine Küper-Büsch kennt viele türkische Cartoonisten persönlich gut. Auch sie sieht keine politische Gefahr für diejenigen, die nun in der Kasseler Ausstellung präsent sind:

"Ich muss aber auch sagen, es gibt momentan auch nicht so viele Zeichnungen, die man in Ausstellungen nicht zeigen könnte, weil eben doch eine starke Selbstzensur existiert. Das sagen die Chefs der Zeitschriften aber auch ganz offen. Dinge, die sie vorher vorne auf dem Cover gebracht hätten, verstecken sie jetzt im Heft."

Ältere Zeichner kennen politischen Druck aus den 1980ern

Kritik an der türkischen Justiz übt der Karikaturist Yigit Özgür. (Avant Verlag)Kritik an der türkischen Justiz übt der Karikaturist Yigit Özgür. (Avant Verlag)

Gerade für die älteren politischen Zeichnerinnen und Zeichner ist aber die jetzige Repressionsphase gegenüber der Presse auch nicht ganz neu. Sie kennen den politischen Druck schon aus den 1980er Jahren, als in der Türkei eine Militärdiktatur herrschte. Ein bisschen sei die Lage der türkischen Öffentlichkeit heute mit dieser Zeit vergleichbar. Das betont in Kassel auch die feministische Zeichnerin Ramize Erer.

Feministische Themen etwa, auch der Sexismus in der Satiriker-Szene selbst, waren bereits vor Erdogan auf der Tagesordnung. Sie bleiben es, so Ramize Erer, auch wenn sich heute in der Türkei niemand dafür zu interessieren scheine. Sie persönlich etwa kämpfe mit ihren Zeichnungen weiterhin für eine freie Sexualität von Frauen in der Türkei.

Aber: Alle türkischen Cartoonisten sind zurzeit vorsichtiger als noch vor einigen Jahren. Doch gute Polit-Satire gibt es weiterhin. Vielleicht etwas sublimer, indirekter. Aber doch deutlich genug. Das dokumentiert die kleine, aber überzeugende Kasseler Ausstellung.

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