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Tonart | Beitrag vom 17.04.2018

Polens Musik-Underground und die Politik"Die Jugendlichen genießen ihr Leben und konsumieren Popkultur"

Mirosław Dzięciołowski im Gespräch mit Dirk Schneider

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Besucher eines Konzertes beim Woodstock Bus Stop Festival in Kostryzyn on Odra in Polen recken die Hände zum Metal Sign geformt in die Höhe.  (dpa picture alliance/ Lech Muszynski)
Besucher beim Woodstock Bus Stop Festival in Kostryzyn on Odra in Polen feiern während eines Konzertes. (dpa picture alliance/ Lech Muszynski)

Polens Musikszene reagiert auf die sich ändernde politische Lage. Konzerte von Bands, die früher schon politisch aktiv waren, sind plötzlich wieder ausverkauft, sagt Musik-Journalist Mirosław Dzięciołowski. Aber eine musikalische Leitfigur sieht er nicht.

Deutschlandfunk Kultur: Nach allem, was man im Internet lesen kann, hat Polen einen blühenden Musik-Underground, sei es jetzt Hardcore, Punk, Avantgarde Jazz oder Elektronische Musik. Das politische Klima in Polen ist ja eher restriktiv. Hat das Auswirkungen auf die Musik?

Mirosław Dzięciołowski: Das hat schon Auswirkungen auf Veranstaltungen, die von staatlicher Kulturförderung abhängig sind. Diese Regierung mag viele Dinge nicht, die frühere Regierungen noch mochten. Musik, die kontrovers ist, oder sozial oder politisch engagiert, hat jetzt Probleme. Auf der anderen Seite erleben wir gerade eine Blütezeit der Künstler, die unabhängig geblieben sind. Zum Beispiel erlebt die Band Deserter, eine polnische Punk- und Hardcore-Legende, gerade wieder große Aufmerksamkeit. Die Band hat sich nie aufgelöst, sie hatte ihre große Zeit in den 80er- und 90er Jahren, und hat jetzt ein Comeback, mit ausverkauften Tourneen. Denn ihre Texte sind, traurigerweise, wieder hochaktuell.

Deutschlandfunk Kultur: Das heißt man kann die momentane Situation mit der Situation vor 30, 40 Jahren vergleichen?

Dzięciołowski: Nein, ganz und gar nicht. Die Situation während des Kommunismus war eine ganz andere. Wir sind heute ein unabhängiges Land, wir haben Redefreiheit, vielleicht nicht im Fernsehen, aber zu einem bestimmten Grad, wir haben Reisefreiheit - die Lebensrealität ist eine ganz andere als in den 80er Jahren. Und die Zeiten sind auch komplizierter. In den 80er Jahren war es viel einfacher, den Feind auszumachen.

"Viele Musiker von früher erheben heute wieder ihre Stimme"

Deutschlandfunk Kultur: Welche Texte sind das denn, um welche Themen geht es bei Deserter, die heute wieder so aktuell sind?

Dzięciołowski: Es sind Texte, die sich gegen die Kirche richten, gegen den Staat. Sie stellen Autoritäten infrage und zeigen, wie schmutzig Politik sein kann. Wie die Politik von der Kirche instrumentalisiert wird. Aber auch Texte über den Mut, Dinge beim Namen zu nennen, die Probleme mit lauter Stimme anzusprechen. Viele Musiker von früher erheben heute wieder ihre Stimme, aber es sind auch ein paar Neue dazugekommen.

Deutschlandfunk Kultur: Würden Sie sagen, dass es heute auch Musiker gibt, die in Polen die Kraft haben, die Jugend politisch zu mobilisieren?

Dzięciołowski: Ich sehe niemanden, der im Moment in der Musik eine Leitfigur in dieser Hinsicht sein könnte. Es gibt viele verschiedene Künstler, die solche Rollen im Kleinen einnehmen, aber es gibt nicht den einen Musiker, die eine Band, die so etwas wie die Stimme der Jugend wäre. In den 80ern gab es so etwas mit der Band Kult, die wirklich die Stimme einer Generation war, die wichtige Dinge gesagt hat über das Leben in Polen. Es gibt die Band immer noch, aber sie hält sich heute eher von politischen Themen fern. Die Band Deserter, die ich schon erwähnte und die es seit 1981 gab, ist in Dingen "engagierter" Musik ganz weit vorne, aber sie ist weit davon entfernt, eine Masse mobilisieren zu können.

"Ich kann in meiner Sendung tun, was ich will"

Deutschlandfunk Kultur: Sie haben schon davon gesprochen, dass Kulturförderung für Musiker, die als unbequem gelten, eingestellt wurde. Was für einen Effekt hat das Ihrer Meinung nach auf die Musik?

Dzięciołowski: Die Leute haben heute natürlich einen viel leichteren Zugang zu vielen Dingen als das früher war. Die Jugendlichen heute sind mit dieser Freiheit aufgewachsen, sie können nicht mehr nachvollziehen, wie gefährlich politisches Engagement früher war. Darum kümmern sie sich auch viel weniger um politische Dinge und genießen ihr Leben, und konsumieren die Popkultur.

Deutschlandfunk Kultur: Sie haben eine Sendung im öffentlich-rechtlichen polnischen Radio, gibt es für Sie irgendwelche Einschränkungen oder Auflagen?

Dzięciołowski: Ich kann in meiner Sendung tun, was ich will, und das werde ich auch so lange tun, wie ich diese Möglichkeit habe.

Deutschlandfunk Kultur: Welche Rolle spielt denn der musikalische Underground historisch in Polen? Ist Polen ein Land, das eher offen ist für musikalische Experimente?

Dzięciołowski: Ja, es gibt eine lange Geschichte experimenteller Musik, auch in polnischen Radiostudios - hier wurde im Jazz experimentiert und mit Ambient Music. Auch historisch hat die Musik in Polen eine wichtige Rolle in der Bewusstseinsbildung der Menschen, manche Historiker sprechen von der dritten Kraft, neben der kommunistischen Regierung und der Nichtregierungspolitik, zum Beispiel der Gewerkschaft Solidarność. Diese dritte Kraft bildeten die Menschen, die Kunst und Musik gemacht haben, wo es um dieselben Themen ging, um Solidarität, und das oft auch mit Humor, wie zum Beispiel bei der berühmten Kunstbewegung "Orange Alternative" in den 80er Jahren. Polen hat eine lange Tradition vieler, vieler Künstler, die aus dem Untergrund aktiv sind. In der Musik hat sich das nicht nur in den Genres Punk und Hardcore abgespielt, sondern auch im Jazz, in Industrial Music, Reggae und Dub und anderen Genres. Solange ich mich erinnere, war die Musikszene in Polen sehr stark, auch wenn sie früher keinen Zugang zu den großen Medien hatte. Heute hat sie den Zugang schon, aber in den Mainstreammedien findet experimentelle Musik kaum statt.

Warschau steht für Punk, Danzig für Jazz

Deutschlandfunk Kultur: Gibt es in Polen bestimmte Städte, die für bestimmte Musikrichtungen oder -szenen stehen? Es findet ja nicht alles in Warschau statt.

Dzięciołowski: Natürlich ist Warschau die Hauptstadt und die meiste Musik kommt auch von dort. Aber die Stadt steht schon immer stärker für Punk, Hardcore und Reggae. Danzig zum Beispiel war immer der beste Ort für abgefahrenen Jazz. Krakau wiederum steht für Industrial Music. Lubin wiederum ist die Stadt der Weltmusik und der akustischen Underground Musik.

Deutschlandfunk Kultur: Gibt es auch ein bestimmtes Festival in Polen, das besonders wichtig ist, bei dem sich Protest artikulieren könnte, bei dem die linke polnische Jugend vielleicht ihre Stimme erhebt?

Dzięciołowski: Das wichtigste Festival, das für soziales Engagement steht und dafür, das Bewusstsein seiner Besucher zu bilden, war sicher immer das polnische Woodstock Festival, das sich jetzt in Pol'and'Rock umbenannt hat. Es ist eines der größten Festivals der Welt mit 750 000 Besuchern und findet in Küstrin nahe der deutschen Grenze statt. Der charismatische Chef des Festivals, Jerzy Owsiak tritt dort regelmäßig auf und äußert sich gegen die Regierung. Er ist eine der wichtigsten Autoritäten in unserem Land, nicht nur für die Jugend, für jedermann. Er ist der Leiter der erfolgreichsten polnischen Wohlfahrtsorganisation, dem "großen Orchester zur Weihnachtshilfe", mit dem er äußerst erfolgreich Geld für Kinderkrankenhäuser sammelt. Wenn es also um ein Festival in Polen geht, bei dem sich politischer Protest artikuliert, dann ist das definitiv Woodstock.

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