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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 21.08.2015

PolenUmstrittenes Denkmal für Judenretter in Warschau

Von Martin Sander

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Luftaufnahme der polnischen Hauptstadt Warschau (imago / Arnulf Hettrich)
Luftaufnahme der polnischen Hauptstadt Warschau (imago / Arnulf Hettrich)

In Warschau soll ein Denkmal entstehen für Polen, die Juden vor dem Holocaust retteten. Laut dem Initiator handelte der Großteil des Volkes so. Experten widersprechen und fürchten, die damalige zweischneidige Rolle der Polen solle übertüncht werden. Doch das Projekt hat auch Befürworter.

Noch in diesem Jahr will die Stadt Warschau vor der Kirche ein Denkmal für die polnischen Retter von Juden vor dem Holocaust aufstellen. Die Namen von 10.000 Rettern sollen auf dem Denkmal erscheinen. Der Initiator des Denkmals, der nationalkonservative Historiker Jan Żarin, ist der Ansicht, dass praktisch alle Polen, welche den Weisungen ihres Untergrundstaates folgten, auch an der Rettung von Juden beteiligt waren. Die sogenannten Szmalcowniks, die Juden erpressten oder an die Deutschen auslieferten, seien damit keine wahren Polen gewesen.

"Polen, die Juden gerettet haben, das sind diejenigen, die im Zweiten Weltkrieg auf die polnischen Autoritäten gehört haben, also auf den polnischen Untergrundstaat und die Exilregierung im Namen des polnischen Volkes. Ich weise höflich darauf hin, dass die 'Szmalcowniks', die Juden an die Deutschen verraten haben, nicht im Namen des polnischen Volkes handelten, sondern im Namen ihrer eigenen perversen materiellen Interessen und Anschauungen, im Einklang oder auch nicht im Einklang mit den Deutschen."

In Żarins Augen war die Hilfe für Juden Teil der Staatsraison des polnischen Widerstands gegen die Deutschen.

"Die Hilfe für die Juden wurde eines der existentiellen Ziele des polnischen Untergrundstaates."

Vereinnahmung der Judenretter für Bild einer nationalen Unschuld

Viele polnische Experten halten das für falsch. Sie glauben, dass die Rettung von Juden durch Polen eher ein Randphänomen war. Die Retter seien sogar nach dem Krieg von ihren Nachbarn dafür stigmatisiert worden. Viele hätten damals und sogar noch in jüngster Zeit Angst gehabt, sich zu ihrer Hilfe zu bekennen. Deshalb betrachten diese Experten die derzeit vielerorts in Polen entstandenen Denkmäler für Judenretter als problematisch. In Warschau richtet sich die Kritik weniger gegen das Denkmal am Grzybowski-Platz als vielmehr gegen ein Vorhaben direkt neben dem Mahnmal für die Kämpfer im Warschauer Ghettoaufstand.

Zu den entschiedenen Gegnern dieses Denkmals gehört der in Ottawa lehrende Holocaustforscher Jan Grabowski. Denn er zweifelt daran, dass die Polen ihre zweischneidige Rolle im Holocaust schon anerkannt haben und fürchtet, sie wollten die vergleichsweise wenigen Judenretter für ihr Bild einer polnischen nationalen Unschuld vereinnahmen.

"Man zelebriert zu viel, statt historisch zu reflektieren. Mann sollte gegen das Denkmal protestieren, wenn laut Polnischer Akademie der Wissenschaften 61 Prozent aller Polen der Meinung sind, sie hätten im Zweiten Weltkrieg genauso oder noch mehr gelitten als ihre jüdischen Nachbarn. Das stimmt mich doch sehr pessimistisch."

"Geht nicht um Dankbarkeit, sondern um moralische Ordnung"

Doch die Meinungen sind geteilt. Den polnischen Rettern von Juden ein Denkmal zu setzen – und das auch auf dem ehemaligen Ghetto-Gelände neben dem neuen Museum, dafür setzt sich zum Beispiel Konstanty Gebert ein, Menschenrechtler, Publizist, Begründer der jüdischen Monatszeitschrift "Midrasz". Gebert kann die Argumente der Denkmal-Gegner verstehen.

"Sie fürchten, dass dieses Denkmal zu einem Alibi für Schufte wird, dass man es so auslegen könnte: Die Polen haben sich fantastisch verhalten, und das Denkmal ist die beste Antwort auf jüdische Lügen von irgendeinem Antisemitismus, von irgendwelchen Szmalcowniks."

Diese Sichtweise überzeugt Gebert aber letztlich nicht, denn:

"Hier geht es nicht um Dankbarkeit, sondern um die moralische Ordnung. Denn die Gerechten haben sich nach dem Krieg oft davor gefürchtet, sich dazu zu bekennen, dass sie Gerechte waren. Sie hatten Angst vor der Reaktion ihrer Nachbarn. Manchmal haben ihre Nachfahren noch Angst. Schaffen wir also einen Platz, an dem öffentlich gesagt wird, ja, sie haben sich richtig, würdig und edel verhalten. Und die anderen, vor denen sie sich fürchten mussten, verhielten sich unehrlich und schändlich. Diese Botschaft gehört in die Öffentlichkeit."

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