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Aktuell / Archiv | Beitrag vom 24.04.2014

PolenPoesie für Entsetzte

Der Schriftsteller Tadeusz Różewicz ist im Alter von 92 Jahren gestorben

Tadeusz Rozewicz (dpa / picture alliance / Grzegorz Michalowski)
Der polnische Schriftsteller Tadeusz Rozewicz 2010 (dpa / picture alliance / Grzegorz Michalowski)

Mit seinen lakonischen Gedichten zählt Tadeusz Różewicz zu den Klassikern der polnischen Avantgarde. Er sprach für die Kriegsgeneration, die sich von Regierungen und Ideologien betrogen fühlte. Im Alter von 92 Jahren ist er in Breslau gestorben.

Seit dem 1947 veröffentlichten ersten Gedichtband "Niepokój" (Unruhe) begeisterte seine lakonische Prosadichtung Leser und Kritiker. Wiederholt zählte Różewicz zu den Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Anders als seine Kollegin Wislawa Szymborska erhielt er die Auszeichnung jedoch nie.

Tadeusz Różewicz gehörte zu der Generation polnischer Dichter, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannt wurden. Viele seiner Werke wurden ins Deutsche übersetzt. Różewicz wurde unter anderem mit dem Samuel-Bogumil-Linde-Preis der Städte Göttingen und Thorn für Verständigung und Versöhnung zwischen Deutschland und Polen ausgezeichnet. 

Klassiker der Avantgarde

Mit Tadeusz Różewicz verliert die polnische Literatur einen der großen Dichter des 20. Jahrhunderts. Seine Gedichte gehören zu den Klassikern der polnischen Avantgarde. Sie fassten die Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration in Worte. Zu seinem 90. Geburtstag hatten Polens Behörden das Jahr 2011 zum "Różewicz-Jahr" ausgerufen.

Romantische lyrische Klangspiele waren dem am 9. Oktober 1921 im zentralpolnischen Radomsko geborenen Autor fremd. Die oft gefühlsbeladenen, mitunter pathetischen Traditionen polnischer Poesie passten nicht mehr zu seiner Generation, deren prägendes Erlebnis der Zweite Weltkrieg und die deutsche Besatzung war. Während des Kriegs war Różewicz in der Widerstandsbewegung aktiv, sein Bruder wurde von der Gestapo getötet.

Tadeusz Rozewicz (dpa / picture alliance / CAF / str)Der polnische Schriftsteller Tadeusz Rozewicz 1956 (dpa / picture alliance / CAF / str)

Er sah sich als Dichter "einer Generation, die von Regierungen, Ideologien, Glauben und sich selbst betrogen wurde". Grund und Antrieb seiner Dichtung sei auch der Hass gegen die Poesie, schrieb Różewicz. Er rebelliere dagegen, dass sie das Ende der Welt überlebt habe, als wäre nichts geschehen. Er habe "Poesie für Entsetzte" geschaffen. Aus der scheinbar kühlen, aber sehr genauen Perspektive des Beobachters fasste Różewicz die Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration in Worte.

"Nobelpreisträger ohne Nobelpreis"

Różewicz verweigerte sich der Stalinisierung der Literatur Ende der 40er-Jahre, zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück, wurde als Nihilist angeprangert. Nach Stalins Tod konnte er mit Erfolg an seine früheren Werke anknüpfen.

Sein Tod sei der Verlust eines Giganten, sagte der polnische Regisseur Kazimierz Kutz. "Mit seinem Tod endet das 20. Jahrhundert der großen polnischen Dichtung", schrieb Kulturminister Bogdan Zdrojewski: "Für mich ist er ein Nobelpreisträger ohne den Nobelpreis."

scr

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