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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 16.03.2018

Polen 1968Die furchtbaren Folgen der Studentenrevolte in Warschau

Von Dieter Wulf

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Studenten demonstrieren am 8. März 1968 in Warschau gegen die Verhaftung ihrer Kommilitonen Adam Michnik und Henrik Szlajfer. Seit Jahresanfang kam es unter den Studenten in Polen häufer zu Demonstrationen, bei denen die Abschaffung der Zensur, die Respektierung der Bürgerrechte und das Ende rassischer und völkisch-nationaler Diskriminierung gefordert wurde. (picture-alliance/ dpa)
Studenten demonstrieren am 8. März 1968 in Warschau gegen die Verhaftung ihrer Kommilitonen Adam Michnik und Henrik Szlajfer. (picture-alliance/ dpa)

Vor 50 Jahren protestierten in Polen die Studenten, wie anderswo in Europa. Sie stritten für Bürgerrechte und Meinungsfreiheit. Doch einige Anführer der Proteste hatten einen jüdischen Hintergrund: Die Regierung startete eine Kampagne gegen "Zionisten".

Nachdem Israel den sogenannten Sechstagekrieg gegen seine arabischen Nachbarstaaten im Sommer 1967 gewonnen hatte, brachen die Sowjetunion und fast alle sozialistischen Länder ihre diplomatischen Beziehungen mit Israel ab. Auch in Polen erhöhte die kommunistische Partei schon im Herbst 1967 den Druck auf polnische Juden. Zum Jahresende eskalierte die politische Situation dann weiter, als in Warschau ein Theaterstück des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz abgesetzt wurde. Das wieder führte zu Protesten von Studenten, erinnert sich der heute 72-jährige David Kowalski. Er hatte in Warschau Physik studiert, aber schon 1967 das Land verlassen, als er merkte, dass es für ihn als Juden hier keine Zukunft gebe.

"Nach dem Sechstagekrieg hat man im Polen so eine Kampagne gegen Zionismus gestartet, aber das wurde gelesen als eine antisemitische Kampagne. Es ging nicht so sehr um Zionismus, nicht um antiisraelisch sein es ging um polnische Juden, um uns im Grunde genommen, die Überbleibsel der polnischen Juden. Wir sollten im Grunde genommen Polen verlassen, das war der Punkt."

Exmatrikuliert - weil man mit Journalisten sprach

Auch Katarzyna Weintraub, die damals in Warschau Philosophie studierte, erinnert sich an diese Stimmung.

"Also da wurden die Leute in jüdischer Herkunft von der Arbeit entlassen unter dem Vorwand, dass die eventuell zionistische Spione sind, die fünfte Kolonne hat man die genannt und so weiter."

Als die Studenten dann gegen die Absetzung des Theaterstücks von Adam Mickiewicz protestierten, hatten zwei von ihnen mit französischen Reportern gesprochen. Daraufhin wurden sie exmatrikuliert, erinnert sich Katarzyna Weintraub.

"Und da die zwei Studenten, die exmatrikuliert wurden auch jüdischer Herkunft waren, hat man natürlich den Zionisten die ganze Schuld gegeben, dass es alles diese zionistische Arbeit war."

"Bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen"

Am 8. März 1968 waren einige hundert Studenten in Warschau gegen die Exmatrikulierung ihrer beiden Kommilitonen auf die Straße gegangen. Die Regierung reagierte mit brutalsten Mitteln, erinnert sich Danka Kowalski, die damals in Warschau an der Kunsthochschule studierte.

"Ich hab noch nie gesehen Leute die so brutal jemanden misshandelt haben, die Liegende mit eisenverstärkten Stiefeln getreten haben, die die Leute wirklich zur Bewusstlosigkeit geschlagen haben – sowas habe ich noch nie erlebt."

Drei Tage später demonstrierten erneut mehrere tausend Studenten, jetzt auch schon mit politischen Forderungen nach Pressefreiheit. Die Regierung vermutete die Verschwörung zionistischer Studenten und schickte im Gegenzug Arbeiter auf die Straße.

"Am 11. März gab es eine Demonstration von 100.000 polnischen Arbeitern, die protestierten gegen Studenten und gegen Zionisten und da gingen 100.000 Leute durch die Straßen und trugen Transparente, da gibt es Fotos von. Aber wenn dann plötzlich 100.000 Leute durch die Straßen gehen und demonstrieren gegen jüdische Studenten, da kriegt man mit Angst zu tun, aber ordentlich."

Sie schaffte es nach Jugoslawien, wo ihr Freund und spätere Ehemann David Kowalski, der da schon in Westdeutschland lebte, mit gefälschten Papieren auf sie wartete.

Mehrere Tausend Studenten wurden damals verhaftet. In vielen Fakultäten wurden alle Studenten exmatrikuliert und konnten sich dann erneut bewerben. Die Philosophiestudentin Katarzyna Weintraub, konnte zwar weiter studieren, aber wurde dann, als sie sich als Lektorin in einem Verlag bewarb als erstes gefragt ob sie Jüdin sei.

"Dann sagte ich 'Na ja, vielen Dank!' und als ich zu Hause angekommen bin, habe ich gesagt 'Ich möchte weg' – ganz einfach. Ich möchte nicht, dass irgendwann, wenn ich Kinder bekomme, dass sie in diesem Land hören 'Du verfluchter Jude!'. Somit hatte ich wirklich das Gefühl, jemand hätte zu mir 'Du verfluchter Jude!' gesagt.

Die polnische Staatsbürgerschaft abgegeben

Um ausreisen zu können, musste sie die polnische Staatsbürgerschaft abgeben und angeben, dass sie sich Israel mehr verbunden fühle, was aber überhaupt nicht stimmte. Sie wollte nicht nach Israel und sah sich auch nicht als Zionistin. Aber nur so und als Staatenlose gab es für sie einen legalen Weg heraus aus Polen.

"Ich bin nach Schweden ausgereist, weil Deutschland hat uns damals nicht angenommen. Deutschland nicht, Frankreich nicht, England nicht, nur skandinavische Länder eigentlich."

Auch Danka und David Kowalski leben seit Jahrzehnten in Deutschland und sind sich auch auf Grund ihrer Erlebnisse hier ihrer jüdischen Wurzeln viel bewusster.

"Beim ersten Kind haben wir noch nichts gemacht aber dann mit zweitem oder drittem haben wir dann angefangen jüdische Feiertage zu feiern."

Auch heute würden sie und ihr Mann sich nicht als religiös bezeichnen. Trotzdem – als sie in Israel bei Verwandten waren, spürten sie die Verbindung zu ihren jüdischen Wurzeln, meint David Kowalski.

"Und während der Sederfeier habe ich gesehen, dass es dabei eine sehr ähnliche Einstellung gibt, die auch meine Eltern hatten: wir wollen keine Sklaven sein, wir wollen freie Leute sein. Dafür nehmen wir Entbehrungen entgegen, also das war der Inhalt der Sederfeier , der mich angesprochen hat und seitdem hatte ich das im Kopf, dass es in dieser jüdischen Tradition mehrere Stränge gibt, die schon zu uns führen."

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