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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 16.06.2015

PolarwissenschaftenSchießen und studieren auf Spitzbergen

Von Christiane Habermalz

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Eisbärenwanrschild in Spitzbergen (Deutschlandradio / Kerstin Hildebrandt)
Auf 10 bis 20 Begegnungen mit Eisbären kommen die Studenten des University Center of Svalbard in Longyearbyen auf Spitzbergen. (Deutschlandradio / Kerstin Hildebrandt)

Das "University Center of Svalbard" auf Spitzbergen ist die nördlichste Hochschule der Welt. 450 Studierende sind hier in den Polarwissenschaften eingeschrieben – auch viele Deutsche. Zum Anfang muss jeder Schießen lernen.

"Also ich bin halt PhD-Studentin hier seit 2012 und ich arbeite in so nem Projekt, das nennen wir Microfam. Und wir untersuchen halten marine mikrobielle Eukaryoten. Also so kleine Mikroalgen und so."

Miriam Marquardt steht im Raum für Exkursionsausrüstung und zeigt die Tauchsonden und Filter, mit denen sie Messungen durchführt und Proben aus dem eiskalten Fjordwasser entnimmt. Fast zwei Jahre lang ist die Doktorandin aus Kiel Woche für Woche hinausgefahren, um Kleinstorganismen aus dem eiskalten Wasser zu filtern, aus unterschiedlichen Tiefen. Im Sommer mit dem Boot, im Winter, wenn der Fjord zugefroren ist und es tagsüber nicht mehr hell wird, mit dem Schneescooter. Und sie fand heraus: Die Polarnacht lebt! Jedenfalls auf mikrobieller Ebene.

"Ich bin noch am Zusammenschreiben, da ist noch nix veröffentlicht in dem Sinne, aber was ich halt interessant finde ist, dass es doch im Winter mehr divers ist als man denkt. Man hat ja so im Hinterkopf dieses arktische Paradigmen, es gibt kein Leben in der Polarnacht. Und was ich halt an meinen Daten jetzt ziemlich spannend finde, dass es ziemlich divers ist in der Nacht. Ich rede jetzt nur über diese kleinen Mikroalgen, mit denen ich arbeite."

UNIS, das "University Center of Svalbard", liegt im kleinen Örtchen Longyearbyen auf Spitzbergen in der Arktis. Über den Fjord schwappt die Barentssee bis fast an den Campus. Schroffe, schneebedeckte Felsen ragen in die Höhe, Schnee und Eis, wohin das Auge blickt. Drinnen ist es warm und gemütlich, in der Garderobe stehen Schuhe in allen Größen: Hier herrscht strenge Puschenpflicht. An der "nördlichsten Hochschule" der Welt studieren 450 Studierende Polarwissenschaften an den vier Lehrstühlen für Arktische Biologie, Geophysik, Geologie und Technologie. Die Hälfte der Plätze ist für Norweger reserviert, der Rest wird an Studierende aus der ganzen Welt vergeben. Viele Deutsche sind darunter, auch unter den etwa 50 Dozenten und Gastprofessoren.

Ökosystem der Arktis als Gradmesser 

In der Bibliothek sitzen einige junge Leute mit Laptops und Kaffee, unter ihnen Carmen Klausbrückner. Sie kommt aus Österreich, eigentlich kein Land, in dem polare Meeresforschung ein naheliegender Studiengang wäre. Doch die 31-Jährige studiert Ökotoxikologie. Und das sensible Ökosystem der Arktis ist ein wichtiger Gradmesser für die weltweiten Auswirkungen von Umweltgiften.

"Es kommt eben relativ viel an. Es ist so, dass gerade persistente Substanzen in arktischen Säugern, vor allem in Eisbären gefunden werden, in extrem hohen Konzentrationen. Und das stellt eben für arktische Ökosysteme ein großes Problem dar. Dessen ist man sich zwar bewusst, aber es ist eben sehr spannend, wenn man sich mit dem Bereich beschäftigt, sich das auch vor Ort anzusehen."

"We use rifles as a protection for polar bear. But the most important part oft he training is linked to how to avoid getting into trouble, how to avoid conflicts."

Fred Skancke Hansen ist der Sicherheitsbeauftragte der Universität, und er erläutert noch eine Besonderheit dieser Universität: Jeder, der hierher kommt, muss erst mal Schießen lernen. Wegen der Eisbären. Konfliktvermeidung stehe zwar an erster Stelle bei einer Eisbärbegegnung, erklärt Fred Skancke Hansen. Für Plan B jedoch sollte man ein Gewehr dabei haben und auch damit schießen können. Auf zehn bis zwanzig Begegnungen mit dem gefährlichen Raubtier komme man pro Semester, erzählt Hansen. In der Regel gelinge es, den Eisbären zu vertreiben. Naja, meistens.

Der Eisbär hat Wegerecht

"Aber wir haben viele Situationen, in denen der Eisbär gewinnt und wir unser Equipment auf dem Eis zurücklassen müssen. Dann kannst du nur zuschauen, wie der Bär auf deinen Kabeln herumkaut. Keine angenehme Situation für einen Wissenschaftler. Aber der Eisbär war zuerst hier, er hat das Wegerecht. So ist es hier."

Studiengebühren werden hier nicht erhoben. UNIS wird von der norwegischen Regierung finanziert, das Hochschulzentrum fungiert als gemeinsamer Campus für die acht norwegischen Universitäten. Seit der Klimawandel in den Fokus der Politik geraten ist, boomen die Polarwissenschaften. Doch die schmelzenden Pole lassen auch wirtschaftliche Begehrlichkeiten entstehen. Rohstoffunternehmen haben großes Interesse an der Entwicklung von neuen Fördertechniken im Eis. Und vieles ist noch unerforscht, überall werden Experten gebraucht. Bald, kündigt der Dekan Ole Misund stolz an, sollen am UNIS Kapazitäten für 700 Studierende bereitstehen. Für den 2000 Einwohner zählenden Ort Longyearbyen, der früher vom Steinkohleabbau lebte, mittlerweile ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Es gibt ein Studentenwohnheim und sogar Kneipen, erzählt Miriam. In ihrer Freizeit fährt sie Hundeschlitten, als Hobby. Das Leben, sagt sie, sei irgendwie leichter hier oben im Eis.

"Na es gibt hier nicht so einen Stress wie es ihn in der Großstadt gibt. Natürlich gibt's aber so anderen Stress. Also wie zum Beispiel dass man halt immer ne Waffe dabei haben muss, wenn man auf Tour geht. Oder wenn mal im Supermarkt die Milch alle ist, kann es sein, dass kein Flieger hoch kommt in zwei Tagen, wegen schlechtem Wetter oder so und dann hat man keine Milch. Also es gibt so andere Probleme aber es gibt nicht so Großstadtprobleme."

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