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Zeitfragen | Beitrag vom 17.07.2019

Pößneck in ThüringenEine Kleinstadt lässt sich von ihrer Kulturgeschichte inspirieren

Von Ulrike Sebert

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Panoramaaufnahme von Pößneck in  Thüringen (chromorange)
Pößneck in Thüringen: Der Reformarchitekt Heinrich Tessenow baute hier in den 1920er-Jahren drei Wohnsiedlungen. (chromorange)

Pößneck ist eine Kleinstadt in Thüringen. Dort hat man eine Bauhaus-Tradition wiederentdeckt: den Siedlungsbau des Architekten Heinrich Tessenow. Das hat die Stadt inspiriert - und den Bürgermeister auf einen kühnen Gedanken gebracht.

"Ich war das erste Mal in Pößneck um 2000 herum, damals war Pößneck noch - wie viele kleinere Städte in der ehemaligen DDR - am Anfang, auch der Umstrukturierung und des Wandels, und natürlich hat man sich erstmal auf die opulenteren Innenstädte gestürzt. Vor allem so unscheinbare Häuser, wie sie Tessenow bewusst gebaut hat, die waren überhaupt nicht im Fokus", sagt Jürgen Padberg, der Vorsitzende der Heinrich-Tessenow-Gesellschaft.

Theodor Böll Zweiter ist Zweiter Vorsitzender des Tessenow-Instituts: "Ich habe mich gefreut über diese große Begeisterung in der Stadt, die diese Initiative ausgelöst hat. Das hat ein bisschen gedauert. Manche Siedlungen waren schon aus dem Denkmalschutz rausgenommen und das Blatt hat sich offenbar gewandelt. Das ist ja ganz großartig."

Saniertes Tessenow-Ensemble in Pößneck in der Siedlung Saalbahnstraßee/Neustädter Straße (Ulrike Sebert)Saalbahnstraße/Neustädter Straße - ein saniertes Tessenow-Ensemble in Pößneck (Ulrike Sebert)

Padberg und Böll sind erfreut, dass die kleine thüringische Stadt nach schwierigen Jahren einen wichtigen Teil ihrer Kulturgeschichte wiederentdeckt: die Baugeschichte, die mit dem Namen Heinrich Tessenow verbunden ist. "Undogmatisch modern" ist der Titel einer im Mai eröffneten Sonderausstellung zu Leben und Werk Heinrich Tessenows im Stadtmuseum und einer Schauwohnung.

74 Bauten eines großen Architekten der 1920er

"Das sind drei Siedlungen und weniger Einzelhäuser", sagt Carsten Liesenberg. "Davon liegt eine relativ weit außerhalb am Gruneberg, das ist auch die erste Siedlung gewesen, die den ländlichsten Charakter hat. Und dann sind es zwei Siedlungen in der Nähe des unteren Bahnhofes, wo die Eisenbahn nach Jena abfährt."

Carsten Liesenberg vom Landesamt Thüringen für Denkmalpflege und Archäologie ist auch Mitglied der Tessenow-Gesellschaft. Er ist Kurator der Sonderausstellung und machte die Stadt Pößneck aufmerksam, welches kulturelle Erbe sie besitzt: 74 Bauten eines der großen Architekten der 20er-Jahre sind erhalten, von 1920 bis 1924 errichtet.

"Diesen besonderen Bestand: Wir hatten den bis dahin nicht wirklich so im Blick", erzählt Julia Dünkel. "Haben dann erfahren, dass das der weltweit größte nachgelassene Bauten-Bestand von Tessenow ist. Und insofern ist das bei uns in der Kultur schon was, wie wir diesen Schatz in den Blickpunkt, nicht nur der Einheimischen rücken wollen, sondern eben auch der Gäste und der potentiellen Touristen, die wir nach Pößneck locken wollen mit diesem Thema Architektur der Moderne."

Julia Dünkel ist Kulturfachbereichsleiterin der Stadt und engagierte Ansprechpartnerin für das aktuelle Doppelausstellungsprojekt "undogmatisch modern", mit Musterwohnung und digitaler Themenroute. Ihre Kleinstadt hat ihre historischen Schätze neu entdeckt: 2018 stellte sie schon ihr reiches industrielles Erbe in den Focus. Die Probleme, die nach dem Ersten Weltkrieg gelöst werden mussten, kommen uns heute vertraut vor.

"Dann war es so, dass mit dem großen Zustrom der Arbeitskräfte der Wohnraum knapp wurde", sagt Julia Dünkel. "Da war dann Anfang der 20er-Jahre, gesteuert von den verschiedenen Reformbewegungen, die dem Zeitgeist entsprachen, die Überlegung, wie können wir zu einer Wohnsituation für die Pößnecker beitragen, die den neuen Anforderungen an Hygiene, Licht, Luft, an gesunde Lebensführung stärker Rechnung tragen."

Wohnbauten als Antwort auf soziale Fragen

Die Politik überließ die Lösung des Wohnungsproblems damals nicht allein den Kräften des Marktes. Tessenows Siedlungen lieferten eine Antwort auf die soziale Frage guten Wohnraums für alle. Und das ist nicht nur für Historiker und Architekten interessant, sondern auch für die heutige Kommunalpolitik.

Blick auf Wohnhäuser in Pößneck (Ulrike Sebert)Wohnhäuser "Am Gries": Eine der Siedlungen, die Reformarchitekt Heinrich Tessenow in Pößneck gebaut hat. (Ulrike Sebert)

"Ich habe das mit Interesse verfolgt, dass das auch Diskussionen innerhalb von Pößneck gab", sagt Michael Modde. "Und diese Gespräche wurden im Pößnecker Schützenhaus durchgeführt. Ich kann mir vorstellen, dass es ein Pro und Contra da gab, vielleicht auch heftigere Diskussionen."

Michael Modde ist seit 2006 Bürgermeister der Stadt. Die bekam zweifelhafte Aufmerksamkeit durch rechtsextreme Aktivitäten im Schützenhaus ab 2003. 2012 gelang es der Stadt, das Haus zurück zu erwerben und dort einen lebendigen Ort für Kultur und Begegnung zu schaffen.

Die Tessenow-Siedlungen lieferten Diskussionsstoff. Manche Kritiker beschimpften sie als "Puppenhäuser", denn auf den ersten Blick wirken sie unscheinbar. Eher zweckmäßig. Doch die Anordnung der Bauten und deren Architektur macht aus jeder Siedlung ein Ganzes, einen gestalteten Stadtraum.

"Eigentlich ist das Schöne an Tessenows Lösungen, dass man sie nicht merkt, wenn sie funktionieren", erklärt Carsten Liesenberg. "Es verbreitet eine Atmosphäre, anders als bei den gängigen Vorstellungen von der klassischen Moderne, wo man die großen weißen Flächen hat und die sehr aseptische Atmosphäre, wo alles sauber ist, kaum Pflanzen sind. Diese Dogmatik, die es bei vielen Vertretern des Bauhauses gab, die gesagt haben, ab jetzt baut man nur noch Flachdächer, ab jetzt gibt es überhaupt keine Ornamente mehr, ab jetzt macht man nur noch diese Farbgebung. Das ist bei Tessenow anders. Deswegen ist die Verbindung von Städtebau, Architektur und Innengestaltung bis hin zur Möblierung bei ihm so wichtig."

Im denkmalsanierten Haus Neustädter Straße 101 entdeckte man 2017 eine originale Wandbemalung aus den 1920-er Jahren. Und der junge Tessenow-begeisterte Architekt Elia Schneider aus Bern entwickelte für seine Bachelorarbeit die Konzeption einer Tessenow–Schauwohnung. Diese Wohnung kann man jetzt bis November besichtigen.

Eine Schauwohnung als besonderer Anziehungspunkt

Damit wird nachvollziehbar, warum Tessenows Entwürfe einen bedeutenden Beitrag zur Wohnkultur um 1920 darstellten. Die Idee: Handwerker, Wohnungsvermittler, nicht zuletzt die heutigen Bewohner der Siedlungen sollen auf den besonderen Schatz von Pößneck aufmerksam werden, um sie für weitere Sanierungen zu sensibilisieren.

Blick auf eine Sitzgruppe in der Tessenow–Schauwohnung (Elia Schneider )Tessenow–Schauwohnung im Haus Neustädter Straße 101 in Pößneck (Elia Schneider )

"Natürlich ist man als Mitglied der Tessenow-Gesellschaft etwas voreingenommen", so Jürgen Padberg. "Aber für uns hat die Siedlung schon vergleichbaren Charakter zu den Werkbundsiedlungen in Stuttgart oder Breslau, Wien. Also durchaus Orte von internationalem Interesse."

In Pößneck wird der Gegenwartsnutzen einer wiederentdeckten Geschichte offenkundig, und Bürgermeister Modde hat noch mehr im Blick:

"Das war so ein Anstoß zum Nachdenken, dass Tessenow wohl gesagt hat, dass die Idealform des Zusammenlebens Städte mit 15-20.000 Einwohnern sind, wobei das auch stimmt. Man kennt sich, man ist vernetzt, die Sozial - und Kriminalstatistik ist nicht so hoch wie in Großstädten, weil die Anonymität einfach nicht da ist. Sodass man darüber nachdenken muss, ob das nicht auch ein Mittel ist, der Überfrachtung der Großstädte entgegenzutreten, indem man diese kleinen und Mittelstädte aufwertet. Und dass das vielleicht auch eine Zukunftsidee hat."

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