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Länderreport | Beitrag vom 15.08.2019

Pödelwitz kämpft um seine Existenz"Wir sind im Kohlerevier nicht Menschen zweiter Klasse"

Von Bastian Brandau

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Ein gelbes X steht am Ortsschild von Pödelwitz, dahinter steigt der Dampf aus den Kühltürmen des Kraftwerks Lippendorf auf.  (picture alliance / Jan Woitas)
Pödelwitz: 20 Einwohner wehren sich gegen die Absiedelung ihres Dorfes. (picture alliance / Jan Woitas)

Abgesiedelt und bald abgebaggert? In Pödelwitz in Sachsen wohnen nur noch 20 Menschen, alle anderen haben ihre Häuser an das Braunkohleunternehmen Mibrag verkauft. Die letzten aber wehren sich. Nun hat ein Klimacamp seine Zelte dort aufgeschlagen.

"Schön, wenn's regnet …", sagt Jens Hausner.
"Ja, auch für Sie als Landwirt …", antwortet der Reporter.

Jens Hausner sitzt in einem Feuerwehrzelt auf einer Bank. Gut gelaunt, auch wenn es regnet. Einige hundert Meter von seinem Bauernhof entfernt sind in der vergangenen Woche dutzende Zelte aufgeschlagen. Mehrere hundert überwiegend junge Menschen sind in Pödelwitz, dem von der Abbaggerung bedrohten Dorf zum Klimacamp zu Gast. Hausner ist Sprecher der Bürgerinitiative "Pödelwitz bleibt":

Pödelwitz revitalisieren

"Ja, wir sind froh, dass es so ist, dass so viele Leute da sind, wir haben das Klimacamp wieder zu uns nach Pödelwitz eingeladen", erklärt Hausner. "Das ist ein Zeichen dafür, dass sich auch Menschen hier im Ort wohlfühlen. Und wir denken, das ist auch ein Zeichen dafür, wie man ein Dorf revitalisieren kann. Hier sind genug Leute da, die sich auch vorstellen können, sich für immer in Pödelwitz niederzulassen."

Denn die meisten Häuser in Pödelwitz stehen leer. Ein Großteil der Pödelwitzer nimmt vor einigen Jahren das Angebot des Braunkohleunternehmens Mibrag an und verkauft. Vor den Häusern: Betreten-verboten-Schilder. Aber gut 20 Menschen leben weiter in Pödelwitz. Sie wollen ihr Dorf nicht preisgeben. Erst recht nicht, nachdem nun ein Kohlekompromiss mit festem Endausstiegsdatum gefunden ist.

Jens Hausner von der Bürgerinitiative Pro Pödelwitz unterhält sich mit der Politikerin Katja Meier.  (picture alliance / Peter Endig)Der Aktivist und Landwirt aus Pödelwitz Jens Hausner und die Grünen-Politikerin Katja Meier. (picture alliance / Peter Endig)

In dem werden die von der Abbaggerung bedrohten Dörfer wie Pödelwitz zwar nicht erwähnt. Aber, erklärt Hausner: "Selbst wenn wir vom Kohleausstieg '38 reden, definiert das schon den Erhalt aller vom Abbau bedrohten Dörfer in Nordrhein-Westfalen, hier bei uns und in der Lausitz. Das heißt, wir haben überall genehmigte Tagebaubetriebe bis 2040 oder darüber hinaus. Und allein der geringere Kohlebedarf beim Ausstieg 2038 beinhaltet schon, dass man alle Kohletagebaue so umplanen kann, dass alle vom Braunkohleabbau bedrohten Dörfer erhalten bleiben können." 

Anbaggerung soll stattfinden

Beim Bergbauunternehmen Mibrag sieht man das anders. Dort halte man an der Abbaggerung des Dorfes Pödelwitz fest, sagt ein Sprecher. Den Vertrag mitbeschlossen hat der Bürgermeister der Gemeinde Groitzsch, zu der Pödelwitz gehört. Maik Kunze sitzt in seinem Arbeitszimmer im Groitzscher Rathaus und blickt über den Marktplatz.  

Er erklärt: "Der Vertrag richtete sich immer nur an die umsiedlungswilligen Pödelwitzer. Es hat sich immer schon ein gewisser Teil der Pödelwitzer dagegen ausgesprochen. Das ist genau der Teil, der heute noch da ist. Die Mibrag hat gehofft, diese auch noch zu überzeugen, aber es sieht nicht danach aus. Und jetzt hat sich die Ansicht zu den fossilen Brennstoffen geändert. Das hat jetzt dazu geführt, dass sich die Pödelwitzer noch mehr dagegen wehren. Das ist das Spannungsfeld, das jetzt die Politik und die Mibrag lösen müssen." 

Die Politik, das ist in Sachsen die CDU-geführte Landesregierung unter Ministerpräsident Michael Kretschmer. Auch Kunze ist CDU-Mitglied, die Partei also, die in Sachsen den Braunkohle-Abbau am liebsten gar nicht vorzeitig gestoppt hätte. Nun gibt es einen Kompromiss. Und jetzt ein weiteres Dorf abbaggern?

Grüne und Linke wollen früheren Ausstieg

"Es ist schwer, natürlich. Pödelwitz war im Braunkohleplan nicht verankert, das sind zusätzliche Abbaumengen, die da kommen. Wie die Mibrag das argumentativ vertritt, kann ich nicht beurteilen, da müssen Sie das Unternehmen fragen. Es ist schwer zu erklären und schwer nachzuvollziehen."

In Sachsen fordern Grüne und Linke einen schnelleren Ausstieg aus der Braunkohle. Sie werfen der CDU-SPD-Regierung vor, den Ausbau erneuerbarer Energien zu verzögern – trotz anderer Ankündigungen im Koalitionsvertrag.

Der energiepolitische Sprecher der Grünen im Landtag Gerd Lippold: "Was man insbesondere verzögert hat, war die Fortschreibung des eigenen Energie- und Klimaprogramms. Das stammt noch aus der Vorgängerregierung, einer schwarz-gelben Regierung aus dem Jahr 2012. Und das ist nicht fortgeschrieben worden. Das heißt, es gibt keine neuen Ausbauziele in Sachsen. Das hätte man aber gleich zu Beginn der Legislaturperiode machen müssen, damit das in die neuen Regionalpläne einfließt. Das ist mit Absicht nicht passiert. Das Thema wurde innerhalb der Koalition auf Eis gelegt. Das sind fünf verlorene Jahre für die erneuerbaren Energien in Sachsen."

Aktivisten sitzen in einem Zelt im Klimacamp in dem vom Braunkohleabbau bedrohten Dorf Pödelwitz. (picture alliance /  Sebastian Willnow)Das Klimacamp Leipziger Land hat in Pödelwitz seine Zelte aufgeschlagen. (picture alliance / Sebastian Willnow)
Grüne und Linke im Bund wollen Pödelwitz und das ebenfalls bedrohte Mühlrose in der Lausitz vor der Zerstörung retten. Ministerpräsident Kretschmer unterzeichnet nach dem Kohlekompromiss einen Umsiedelungsvertrag mit den umzugswilligen Mühlrosern. Doch auch dort wollen nicht alle weg, sodass nun die gleiche Situation herrscht wie in Pödelwitz. Kretschmer schätzt die Situation am Rande eines Wahlkampftermins so ein:

"Für Pödelwitz hat die Diskussion einen Schlag. Das ist ein Ort, der abgesiedelt ist, der nur noch aus wenigen Menschen besteht, die dort wohnen. Der allerallergrößte Teil, über 80 Prozent sind umgezogen, und das wissen die Leute vor Ort sehr genau."

In Groitzsch will man, dass Pödelwitz bleibt

Bei einer Straßenumfrage in Groitzsch hört sich das allerdings etwas anders an. Zumindest die an diesem Tag befragten Groitzscher können nicht wirklich verstehen, warum bei beschlossenem Kohleausstieg noch Dörfer zerstört werden sollen.

Diese Befragte etwa findet: "Ich persönlich würde sagen, es muss nicht unbedingt weggebaggert werden. Die ganzen Dörfer ringsherum sind ja schon weg. Wir haben auch viele Bekannte, die da betroffen waren, die sich irgendwo ein neues Heim suchen mussten. Und in der Beziehung finde ich es halt nicht in Ordnung."

Dieser Groitzscher kritisiert: "Wenn man sieht, wo die nachher langbaggern, also durch das Vogelschutzgebiet, das soll alles da hinten bei Obertitz verloren gehen. Das sind Wälder, die aktuell geschützt sind, die zum Abbaggern freigegeben werden. Das ist noch die Nebensache, zu der Tatsache, dass die Dörfer weggebaggert werden."

Pödelwitzer wollen Planungssicherheit

Gar kein Verständnis für das Vorgehen der schwarz-roten Regierung haben die Pödelwitzer selbst. Jens Hausner von der Bürgerinitiative "Pödelwitz bleibt":

"Die könnten sofort Planungssicherheit schaffen, indem sie sagen, es gibt neue Genehmigungen für den Kohleabbau, und damit sind die Dörfer erhalten. Die berufen sich jetzt aufs Kohleausstiegsgesetz, nur um den Firmen noch finanzielle Abfindungen zu sichern. Und wir sind hier das Faustpfand mit unserer unsicheren Planungssicherheit. Und ich denke mal, wir sind nicht Menschen zweiter Klasse im Kohlerevier. Wir gehören genauso dazu und verlangen einen sozial verträglichen Umgang mit uns. Und der beinhaltet, dass wir sofort Planungssicherheit haben wollen, die man uns auch geben kann, und auch geben muss."

picture alliance / Sebastian Willnow (picture alliance / Sebastian Willnow)Klimacamp Leipziger Land in Pödelwitz (picture alliance / Sebastian Willnow)
Braunkohleausstieg und der Strukturwandel sind wichtige Themen im sächsischen Wahlkampf. Gerade in den Braunkohleregionen in der Lausitz haben viele die AfD gewählt, die nicht aus der Kohle aussteigen will und den menschengemachten Klimawandel leugnet.

Etwas anders sieht es rund um Pödelwitz im Leipziger Süden aus, einer Region, in der es seit Jahren wirtschaftlich bergauf geht. Viele junge Familien ziehen aus Leipzig in die Region. So hofft man in Pödelwitz, dass auch das Rundlingsdorf mit seiner Kirche aus dem 13. Jahrhundert bald wieder das ganze Jahr sichtbar mit Leben gefüllt ist – und nicht nur in der Woche des Klimacamps.

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