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Breitband | Beitrag vom 27.07.2019

Podcastkritik "The Clearing"Ein True-Crime-Baby zweier Podcast-Giganten

Von Carina Fron

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Promobild "The Clearing", im Hintergrund ist ein Kopfhörer zu sehen. (Gimlet Media / Pineapple Street / imago images / Panthermedia)
Der True-Crime-Podcast "The Clearing" ist eine Kooperation von Gimlet und Pinapple Street. (Gimlet Media / Pineapple Street / imago images / Panthermedia)

Wieviele Morde hat ihr Vater begangen? Diese Frage lässt April Balascio auch nach Polizeiermittlungen nicht los. Mit Reporter Josh Dean sucht sie nach neuen Hinweisen. So entstand der Podcast "The Clearing", der vergangene Woche gestartet ist.

Aufregend, gefährlich, unehrlich - so beschreibt Edward Wayne Edwards sein Leben. Seine Worte auf über 60 von ihm selbst aufgenommen Kassetten. Die werden ihm kaum gerecht.

Die Aufnahmen sind ein echter Gewinn für den Podcast "The Clearing", der Kooperation von Pineapple Street und Gimlet Media. Sie bieten einen einmaligen Blick in Edwards Kopf. Viel Wichtiger aber noch sind die Erzählungen seiner Tochter April Balascio.

Erinnerung an eine Situation in der Kindheit

Eine Erinnerung aus ihrer Kindheit. Sie sitzt im Auto, er spricht über die Morde zweier Teenager. Ihr Bauchgefühl sagt: Ihr Vater hat etwas damit zu tun. Saß er doch schon in der Vergangenheit für Raubüberfälle im Gefängnis, hat immer wieder gelogen und seine Kinder misshandelt.

Doch erst Jahrzehnte später teilt sie ihre Vermutungen mit der Polizei. Das war 2009. Heute ist klar, dass ihr Vater mindestens fünf Menschen getötet hat. Ein Hype bricht aus. Andere True-Crime-Formate und die Medien vermuten plötzlich, dass er für jeden ungelösten Mord in Amerika verantwortlich ist. Reporter Josh Dean wird neugierig.

Die große Frage: Waren da noch mehr Opfer?

Wieder einmal wird ein Serienmörder gehypt, das lieben die Amerikaner ja. April Balascio kann den Gedanken nicht ertragen. Der ungewöhnliche True-Crime-Podcast soll helfen. In den Folgen à 50 Minuten gehen April und Dean der Frage nach: Waren da noch mehr Opfer?

Eigentlich wollte Josh Dean die Geschichte von Edwards nur aufschreiben, doch dann stieß er auf immer mehr Material. Zu viel, so scheint es. Die Folgen sind wahnsinnig überfrachtet mit Informationen, der Reporter wirkt oft sehr gehetzt beim Erzählen.

2009 waren April Balascios Schlafstörungen schlimmer denn je, Erinnerungen hielten sie wach. Auf denen baut ein großer Teil der Recherche auf. Die werden in den bisher veröffentlichten drei Folgen nicht hinterfragt. Ärgerlich, sind Erinnerungen nicht immer zuverlässig. Vor allem nicht wenn April erst Details über einen Mord liest und sich dann scheinbar erinnert.

Tochter April nimmt viel Platz ein

Insgesamt nimmt April einen großen Teil des Podcasts ein. Das unterscheidet diesen Podcast auch von Klassikern, die versuchen einen Mord aufzudecken. Deshalb bereichert das einerseits den Podcast auch ungemein, liefert Einsichten, die ein Polizeibericht niemals abdecken könnte. Zudem hat sie Zugang zu Beweisstücke, die ein Reporter nie so einfach bekommen würde. Sie ist es auch, die die selbst aufgenommenen Kassetten von Edwards besorgt.

Andererseits ist sie auch zu tief in die Recherche involviert, wechselt die Seite von Betroffener zur Reporterin. Sie befragt zum Beispiel einen der früheren Ermittler, John Canterbury.

Grenzen verschwimmen, das nagt an der Beweiskraft einiger Erkenntnisse. Die sind bis Folge drei sowieso noch dünn gesät. Hoffentlich kommt da noch mehr. Dennoch macht der Host Josh Dean seinen Job wirklich gut. Er ordnet Geschehnisse ein, kommentiert auch persönlich. Zum Beispiel darüber, wie kalt Edwards bei seinem Mordgeständnis ist.

Nacherzählung von bereits Bekanntem

"The Clearing" ist das Baby zweier Podcast-Giganten. Allein dafür lohnt es sich schon reinzuhören. Gimlet Media und Pineapple Street sind zwei Labels, die auch ohne einander schon wunderbare Podcasts produziert haben. Dass die hier zusammenarbeiten, merkt der Hörer aber nicht.

Klar, auch ohne die Labels machen die ersten drei Folgen Lust, Lust auf mehr. Die könnte aber auch schnell nachlassen, bleibt es weiterhin bei einer reinen Nacherzählung von bereits Bekanntem.

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