Hörspielmagazin, vom 03.12.2019, 20:37 Uhr

Podcasting in DeutschlandStorytelling fünf Jahre nach "Serial"

Fünf Jahre nach dem Start der US-amerikanischen Podcastsensation "Serial" fragt Esther Schelander sich und 4 HörspielmacherInnen, welchen Einfluss die Serie auf den deutschen Podcastmarkt hatte und wie die Zukunft des Hörspiels im Podcast aussehen könnte.

Das Bild zeigt das Hochhaus des Justizzentrums in Cleveland (Ohio). Auf der Gebäudewand ist ein Wandbild nachträglich ergänzt worden. Rechts ist das Logo des Podcasts "Serial" zu sehen. (Pressematerial Serial - Foto: Moth Studio, Wandbild: Adam Maida)
Die dritte Staffel des Podcasts "Serial" spielt größtenteils im Justizzentrum von Cleveland im US-Bundesstaat Ohio. (Pressematerial Serial - Foto: Moth Studio, Wandbild: Adam Maida)

Ausschnitt "Serial"

Sarah Koenig: "In the early morning of February 28, 1999, Adnan was arrested by Baltimore City detectives. He was asleep in his bed when they showed up at his house. They took him straight from his untidy bedroom to an interrogation room at Homicide downtown."

In 12 Folgen rollt "Serial" einen wahren Kriminalfall erneut auf: Im Jahr 1999 wurde in Baltimore eine junge Frau ermordet. Ihr Mitschüler und Exfreund Adnan Syed wurde daraufhin verhaftet und verurteilt. Könnte es sein, dass er gar nicht der Mörder ist? Die Reporterin Sarah Koenig will das herausfinden. Neben der Handlung, fasziniert und berührt viele Hörer*innen vor allem die Inszenierung der Geschichte. Der ungezwungene Plauderton der Reporterin, ihre Angewohnheit, jeden Satz wie eine Frage enden zu lassen und wichtige Aspekte durch Wiederholungen überzubetonen. Damit hat Koenig Podcastgeschichte geschrieben und viele Macherinnen und Macher auch in Deutschland stark beeinflusst.

Katharina Thoms: "Ich hab angefangen und die erste Folge hat mich sofort eingesogen. Ich konnte gar nicht aufhören. Mit Herzklopfen habe ich diesen Podcast gehört, weil es so intensiv war und das hatte ich davor bei einem Podcast noch nie."

Katharina Thoms ist Radiojournalistin. Mit ihrem Podcast "Mensch Mutta" gewann sie den Grimme Online Award 2019. Dem journalistischen Nachwuchs gibt sie außerdem Seminare zu Interviewführung und Storytelling im Radio.

Hoffnung auf einen Serial Moment

Elisabeth Veh hat zusammen mit Kollegen und Kolleginnen ihre eigene Podcastproduktionsfirma: "Kugel und Niere". Auf der Firmenseite steht: ‘Unsere Vorbilder sind die großen Storytelling-Podcasts aus den USA. ‘ "Kugel und Niere" will diese Erzähltradition jetzt nach Deutschland bringen.

Elisabeth Veh: "Ich würde auch nicht sagen, dass wir da irgendwie an einem Punkt sind, wo wir sagen: Wir sind jetzt This American Life  in Deutschland. Auf gar keinen Fall!"

This American Life ist die Produktionsfirma, für die Sarah Koenig früher gearbeitet hat.

Sandro Schröder: "Ich glaube, alle deutschen Podcast- Macher wollen insgeheim gerne einen Serialmoment haben, aber ich glaub diese Hoffnung ist auch so ein bisschen utopisch, weil man das nicht alleine steuern kann, ob es so einen Moment gibt oder nicht."

Sandro Schröder entwickelt für das Deutschlandradio neue Podcastformate. Zuletzt die Sendung "Über Podcast": Alle zwei Wochen analysiert das Format Trends und Entwicklungen auf dem Podcast-Markt.

Dokumentation der eigenen Arbeit

Gesprochen habe ich außerdem mit Tim Kehl, Podcast-Produzent bei Audible.

Tim Kehl: Ich habe mit einer Produzentin von This American Life einmal reden dürfen und wie ich ihr so typisch deutsch erzählt habe: ‘Oh mein Gott, wir bewundern euch so. Und hach, das ist alles nicht so toll in Deutschland.‘ Und da hat sie gesagt: ‘Beruhige dich und denk immer daran, wie schrecklich schlecht This American Life  am Anfang war. Und dass es sehr lange gedauert hatte, das Format zu finden und die Ausrichtung und das richtige Team zu finden, die Regeln zu finden, wie man so etwas erzählt.‘"

Zum ersten Mal ausgestrahlt wurde die Sendung "This American Life" 1995. Erst knapp 20 Jahre später  wurde der Podcast "Serial" veröffentlicht.

Sandro Schröder: "Ich glaube, was Serial ausgemacht hat war eine Reporterin, die halbwegs transparent ihre eigene Arbeit dokumentiert hat, die eben nicht nur ihr Sujet ans Mikrofon gebracht hat, sondern die auch selber gesagt hat, worüber sie nachdenkt, was sie nicht weiß, was sie weiß, woran sie arbeiten will, wo sie zweifelt. Also, dass jemand eigentlich in so einem Podcast dokumentiert hat, wie er selber arbeitet."

Sarah Koenig gibt sich nicht förmlich, sondern nahbar. Sie ist nicht allwissend, sondern zweifelnd. Es gibt noch ein weiteres Merkmal von "Serial", dieses hatten sich die Macher*innen von erfolgreichen Film-Serien abgeguckt. Davon erzählt Ira Glass, Produzent und Moderator von "This American Life" in einem YouTube-Video. Veröffentlicht wurde es im September 2015 vom "Interactive Advertising Bureau Inc.", einem internationalen Wirtschaftsverband der Online-Werbungs-Branche.

Ausschnitt und Übersetzung:

"Die Produzentin Julie Snyder und die Reporterin Sarah Koenig haben sich damals gefragt, ob wir wohl mit Netflix und HBO konkurrieren können. Um das zu machen, was die besten TV-Serien machen: Eine Geschichte erzählen, die sich über eine ganze Staffel hinweg entwickelt. Mit Charakteren und Ereignissen, bei denen man unbedingt wissen will, wie es weiter geht. Wir wollten wissen, ob Menschen nach wahren Geschichten genauso süchtig werden können, wie nach erfundenen. Wir wollten es mit dem Fernsehen aufnehmen."

Unmengen an Material, Unmengen an Arbeit

"Serial" ist nach dramaturgischen Regeln komponiert: Mit Spannungsbogen, Plot Points, Plot Twists und Cliffhangern. So macht es auch der Audible-Podcast "Der Moment". Darin wird von Ereignissen erzählt, die das Leben von Menschen für immer verändern. Zum Beispiel die Geschichte von Lukas. Stockbetrunken klettert er eines Nachts mit seinem besten Freund auf das Dach eines Gebäudes. Dort steht ein Fenster offen. Sie steigen ein. Und stehen plötzlich in einem Raum voller Bilder.

Ausschnitt "Folge 1 – Der Kunstdieb"

Sprecherin: "Sie sehen so Bilder an den Wänden hängen. Überall Große Gemälde. Und Lukas‘ Freund liest die Namen vor, die unter den Bildern auf kleinen Tafeln stehen. Einer davon Emil Nolde.
Lukas: "Und dann als er Emil Nolde vorgelesen hat, dachte ich: Oh, den Namen kenn ich doch irgendwoher..."
Sprecherin: "Und das Bild, das gefällt ihm auch. Was er zu der Zeit aber nicht weiß: Es ist knapp ein Million Euro wert. Und was er auch nicht weiß: Das Gebäude, in dem die beiden stehen, ist das germanische Nationamuseum in Nürnberg."
Lukas: "Und dann hab ich gedacht: Es wäre so witzig, so ein Bild zu Hause im Studentenwohnheim hängen zu haben."

Elisabeth Veh, gehört zum Autor*innen-Team hinter dem Podcast. Über ihre Arbeitsweise erzählt sie:

Elisabeth Veh: "Also die Interviews sind wirklich lange. Ich frage mich da von A bis Z durch und wirklich bei jeder Mini-Etappe hake ich nach. Und wie haben Sie sich da gefühlt? Und wie war das dann? Und so kriegt man dann eben ein Bild von jemandem, mit dem man dann auch umso besser mitfiebern kann bei der eigentlichen Geschichte."

Um aus einer wahren Begebenheit eine Geschichte mit klassischer Erzähldramaturgie zu formen, braucht es viel Material. Unmengen an Material bedeuten aber auch Unmengen an Arbeit, weiß Katharina Thoms. In dem Podcast "Mensch Mutta" spricht sie mit ihrer Mutter über deren Alltagsleben in der DDR.

Katharina Thoms: "Für mich war das wirklich ein echt schwieriger Prozess da eine Struktur reinzukriegen. Bei mir speziell, weil es eine persönliche Geschichte ist. Ich glaube, das ist die allergrö´ßte Herausforderung. Wenn man diese Struktur hat, an der man sich entlang hangeln kann, dann  - böse gesagt  - muss man eigentlich nur noch auffüllen mit den Geschichten, die man hat.

Feedbackschleifen im "Writer's Room"

Ein weiterer Kniff, den sich Podcaster*innen vom Film abgeschaut haben: An einem Manuskript arbeiten häufig mehrere Menschen. Im sogenannten "Writer’s room" diskutieren sie ihre Geschichten. Auch im Produktionsteam des Podcasts "Der Moment." Gibt es Feedbackschleifen.

Elisabeth Veh: "Das hat dann auch schon dazu geführt, dass die Geschichten nochmal komplett umgebaut werden. Wir hatten das einmal, das waren unsere allerersten Geschichten, die waren schon fertig produziert, kamen glitzernd aus dem Studio und dann haben wir uns alle auch mit unserem Produzenten zusammen hingesetzt und haben uns das angehört. Und dann hatten wir noch so viele Stellen, wo wir gesagt haben, das geht jetzt noch ein bisschen besser.

Feedbackschleifen, haufenweise aufgenommenes Material, von dem jedoch nur ein Bruchteil verwendet wird, kollektive Schreibprozesse - all das verschlingt viel Zeit und Geld, weiß auch der Produzent Tim Kehl.

Tim Kehl: "Zum anderen muss man ja auch immer wieder sagen, dass Serial nicht nur mit Talent und Storytelling zu tun, sondern auch Ressourcen. Das ist schwer hinzubekommen. Hinter Serial stand ein Riesen Team und Sarah Koenig hatte Jahre Zeit diese Geschichte zu finden und zu erzählen. Und es gibt eben in Deutschland sehr wenige, vielleicht gar keine Orte, wo man zu einer Person sagen kann. Okay, alles klar, versenk dich jahrelang in diese eigene Geschichte."

Zeit und Geld sind knapp. Bei privaten Produktionsfirmen, aber auch zunehmend im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.  Eine Hürde, wenn man hohe journalistische Standards nicht aufweichen will, gibt Elisabeth Veh zu bedenken:

Elisabeth Veh: "Ich glaub, man muss sich dessen bewusst sein, dass viele amerikanische Podcast schon auch manchmal ein bisschen nachhelfen, um gewisse Szenen zu bekommen. Und vielleicht manchmal auch ein bisschen was inszenieren. Und das kann man bei dokumentarischer journalistischer Arbeit schon hinterfragen!"

Ein weitere Kritikpunkt ist die Frage: Wo hört das Verdichten und Zuspitzen einer Geschichte auf? Wo fängt Täuschung an? Elisabeth Veh gibt selbstkritisch zu, dass das nicht nur ein Problem amerikanischer Podcasts ist. Auch sie und ihre Kolleg*innen beim Podcast "Der Moment" sind nicht vor Vereinfachungen gefeit:

Elisabeth Veh: "Und ja, zugegebenermaßen gibt es nicht immer nur diesen einen Moment und natürlich schneiden wir es so bisschen darauf zu. Das geschieht in Übereinstimmung mit der Recherche und auch mit der Sichtweise des Protagonisten, aber es gibt schon viele Geschichten, wo wir eigentlich sagen könnten, diese Geschichte hat viele Momente, aber wir erzählen euch jetzt diesen, weil die Lebensgeschichten natürlich einfach komplex sind."

Bedenken gegen dramaturgische Eingriffe kennt auch der Produzent Tim Kehl:

Tim Kehl: "Ich glaube, manche Journalisten würden das vielleicht erzählerische Manipulation nennen, weil darum geht ja so ein ganz kleines bisschen, wenn man ehrlich ist auch. Es geht darum, dass man dramaturgisch arbeitet, dass man eine Geschichte vielleicht nicht streng chronologisch erzählt, sondern sich überlegt, wie beginne ich einen Podcast, welche Szene setzte ich wo, was, was ich erlebt habe, setzte ich vielleicht an diese Stelle, damit es spannender wird, wo enthalte ich vielleicht den HörerInnen Informationen vor.

Die Podcastlandschaft soll mutiger werden

Um rascher und billiger produzieren zu können, gibt es mittlerweile einen neuen Trend: In den USA wenden sich Podcastmacher*innen vermehrt rein fiktiven Formaten zu. Dieser Trend schwappt langsam auch nach Deutschland.

Elisabeth Veh: "Da sind total viel coole Leute am Werkeln - Regisseure und Autoren - die das Hörspiel so ein bisschen aus der Kunstecke rauslocken wollen. Und coole Geschichten aufschreiben, die nicht nur im Studio produziert werden, sondern so ein bisschen rougher sind oder ein bisschen direkter."

Und vielleicht gibt es ja auch mal Formate, die nicht nach dem amerikanischen Vorbild funktionieren? Dazu Szenekenner Sandro Schröder:

Sandro Schröder: "Das sind Sachen, wo ich total viel drüber nachdenke. Wo ich immer noch so hoffe, wann kommt das endlich mal? So dieser Moment, wo jemand mal einen ganz anderen Podcast macht, der sich vielleicht auch erstmal megakomisch anfühlt, weil er eben Erwartungen bricht und ganz anders funktioniert, als wir das bisher gewohnt sind. Das sage ich bei jeder Gelegenheit, dass ich sowas mir wünschen würde und mir wünschen würde, dass diese ganze Podcastlandschaft manchmal einfach mutiger wäre. Und das kann ich genauso sagen über die Radiolandschaft, mehr Mut mehr Kreativität schadet nie.

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