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Kompressor | Beitrag vom 02.06.2020

Podcast "Wind of Change"Stammt der größte Hit der Scorpions von der CIA?

Von Fabian Dietrich

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Die "Scorpions" stehen gemeinsam auf der Bühne und halten sich dabei teilweise in den Armen. (picture alliance / RIA Novosti / Igor Mikhalev)
Die "Scorpions" bei ihrem Auftritt in Moskau im August 1989. Kam Klaus Meine nach diesem Konzert die Inspiration für "Wind of Change"? (picture alliance / RIA Novosti / Igor Mikhalev)

Im Kampf gegen den Kommunismus nutzte die CIA jede mögliche Waffe. Und machte auch Kultur zu Propaganda. Eine wenig belegte Theorie besagt, dass sie sogar den Scorpions-Klassiker "Wind of Change" in die Welt gesetzt hat. Ein Podcast geht dem Gerücht nach.

Sommer 1989. Nacht. Der Sänger Klaus Meine ist in Moskau und blickt nachdenklich auf die dahinströmende Moskwa. Gerade ist er mit den Scorpions auf einem Festival aufgetreten. Hunderttausende begeisterte Russen haben seine Songs mitgesungen. Sogar die grimmigen Soldaten der Roten Armee ließen sich von positiven Vibes berühren. Da hat Meine plötzlich eine Idee:

"I follow the Moskva
Down to Gorky Park
Listening to the wind of change
An August summer night
Soldiers passing by
Listening to the wind of change"

Oder ist alles etwa ganz anders gewesen? Der amerikanische Journalist Patrick Radden Keefe glaubt nicht an die offizielle Entstehungsgeschichte dieses Liedes, das weltweit zum Soundtrack der Wendejahre wurde.

Eine Theorie mit mieser Quellenlage

Radden Keefe ist Mitarbeiter des Magazins New Yorker. Er schreibt normalerweise über Gangsterbosse, Terroristen, Drogen. Und er wittert einen Skandal.

Vor Jahren hörte Radden Keefe nämlich eine Anekdote, die die Popgeschichte umschreiben könnte. Angeblich hat die CIA den Song "Wind of Change" in die Welt gesetzt, um den Ostblock für die westliche Lebensart zu begeistern.

Die Quellenlage? Könnte mieser nicht sein. Doch Radden Keefe will wissen, ob die Geschichte stimmt. Im Podcast "Wind of Change" versucht er zu beweisen, dass die CIA den größten deutschen Pophit aller Zeiten geschrieben hat.

Von der Ukraine bis nach Nigeria und in die Karibik verfolgt Patrick Radden Keefe Spuren. Er verliert sich mehr und mehr in seiner ganz persönlichen Verschwörungstheorie. Kein Hinweis ist zu obskur, um nicht Teil der Beweiskette zu werden. Hat Klaus Meine zum Beispiel nicht auch schon mal in einem eigenartigen Radiointerview ausgeplaudert, dass er Kontakt zur CIA gehabt hat?

"Und ich kam grade irgendwie unter der Dusche hervor", erzählte der Scorpions-Sänger in dem Gespräch. "Hatte das Handtuch so umgeschlungen. Und auf jeden Fall stand diese Dame von der CIA vor der Tür und sagte: 'Mister Meine, could you please whistle Wind of Change for me?' Können Sie Wind of Change für mich pfeifen?"

Kultur als Propagandawaffe

In seinem Podcast verwebt Patrick Radden Keefe das Scorpions-Gerücht mit bereits als Teil der Geschichtsschreibung anerkannten Sachverhalten. Die CIA nutzte weltweit Kunst und Kultur als Softpower, um die Sowjets niederzuringen.

Über die Tarnorganisation "Kongress für kulturelle Freiheit" brachte die CIA Schriftsteller wie Heinrich Böll ohne deren Wissen gegen den Kommunismus in Stellung. Die Geheimagenten finanzierten Ausstellungen des abstrakten Expressionismus, Literaturmagazine und Konzerttourneen von Louis Armstrong und Nina Simone.

Während Keefe all dies noch einmal erzählt, erscheint es immer logischer und folgerichtiger, dass Jahre später auch eine schmalzige Hardrockband aus Hannover zur erfolgreichsten Waffe im Propagandakrieg geworden ist.

Lustig, mysteriös und manchmal langatmig

Patrick Radden Keefe mimt zwar den knallharten Investigativereporter, doch er hat auch etwas Komisches. Er erinnert an den bizarren Privatdetektiv Dirk Gently, eine Romanfigur des Schriftstellers Douglas Adams. Gently verfolgt manchmal einfach zufällig Autos auf der Straße und gelangt so zu einer neuen Spur. Auch im Podcast gibt es solche Momente. Zum Beispiel dann, wenn Radden Keefe einen schrulligen, aber harmlosen Spielzeugsammler in die Mangel nimmt.

Auch wenn die achtteilige Erzählung manchmal etwas langatmig ist, entwickelt der Podcast einen paranoiden Sog: Irgendwann fragt sich der Reporter, ob es nicht er selber ist, der als nützlicher Idiot Propaganda für die CIA betreibt.

Wie immer, wenn es um Geheimdienste geht, ist alles mysteriös. Man bewegt sich im Graubereich zwischen Fakten und Fiktionen. Am Ende ist es deswegen auch gar nicht mehr so wichtig, ob das Rätsel um den größten Popskandal aller Zeiten wirklich gelöst werden kann. Auf dieser irren Recherchereise ist der Weg das Ziel.

Vom Podcast "Wind of Change" von Patrick Radden Keefe werden wöchentlich neue Folgen veröffentlicht. Auf Spotify gibt es vorab schon alle Episoden zu hören.

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