Dienstag, 22.06.2021
 

Breitband | Beitrag vom 05.06.2021

Podcast-Kritik zu "Clanland"Vom Versuch Vorurteile abzubauen

Von Carina Schroeder

Auf dem Bild sind zwei Männer zu sehen, die mit verschränkten Armen an einem Tisch sitzen.  (rbb / William Minke)
Mohamed Chahrour (links) und Marcus Staiger (rechts) haben sich für ihren Podcast viel vorgenommen. (rbb / William Minke)

Wenn in der Öffentlichkeit über Clans gesprochen wird, dann geht es meistens um Kriminalität. Der Podcast "Clanland" möchte das öffentliche Bild ändern und gibt Clanmitgliedern eine Stimme. Funktioniert das?

Vorurteile abbauen, aufklären, Klischees entkräften - das sind die Argumente, warum ich den Podcast "Clanland" unbedingt anhören wollte. Eine tolle Idee für einen Podcast! Einer der Moderatoren ist der Hip-Hop-Journalist Marcus Staiger, an seiner Seite sitzt für diese ehrenvolle Mission Komponist und Schauspieler Mohamed Chahrour.

Die meisten Zeit unterhalten sich die beiden in den rund 40 Minuten jeder Folge einfach über dieses Bild von Clans als kriminelle "Sippe", die mit Drogen, Autos oder sonst was dealen. Was das bedeutet, was mit seinem Namen, seinem Clan verbunden ist, erlebt Mohamed Chahrour schon als Kind.

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Dann wird es besonders authentisch, wenn er von sich und seiner Familie spricht. Von diesen Stellen gibt es nur leider viel zu wenig. Immerhin sitzt da ja jemand, der aus einem Clan ist. Ich hätte mir gerne eine ganze Folge angehört, wo er mir ausführlich erklärt, was es für ihn in allen Einzelheiten bedeutet, Teil eines Clans zu sein, und welche Rechte und Pflichten gelten. Da fehlt es mir an Hintergrund. 

Rechfertigung statt Erklärung

Trotz Definition bekomme ich kein Gefühl dafür, was es bedeutet, Teil eines Clans zu sein. Als Unwissende brauche ich das aber dringend. Vielmehr nennen sie in jeder Folge ein Vorurteil als Grundlage, um im Rest der Folge zu erklären, warum das nicht stimmt oder nicht auf alle zutrifft, anstatt die Vorurteile fast komplett beiseite zu schieben und einfach intime Einblicke zu gewähren und damit ja automatisch mit Klischees aufzuräumen. So wirkt vieles eher wie eine Rechtfertigung statt einer Erklärung.

Dadurch gelingt es nicht immer, das Vorurteil abzubauen, manchmal bleibt mir das sogar präsenter als die Gegenrede. Schade! Auch an anderen Stellen geht für mich das Konzept der Hosts nicht auf, die alles kommentieren. Wie in der zweiten Folge. Da erzählen sie, warum Menschen, arabische Familien, aus ihrer Heimat fliehen und nach Deutschland kommen. Aus dem lockeren Mohamed Chahrour wird ein Professor mit Tweed und Hornbrille - zumindest in meinem Kopf.

Als wäre ich auf einmal bei einer schlechten Vorlesung und nicht einem Gespräch. Hier höre ich, wie Texte abgelesen werden. Das kapiere ich nicht. Klar ist es wichtig, Hintergründe zu liefern, aber werden die beiden hier in solche Rolle gedrängt, die sie nicht erfüllen können? Wäre ein Experte nicht besser gewesen? Ich bekomme den Eindruck, als würden sich die Hosts selbst nicht immer in bestimmten Teilen des Podcasts ganz wohl fühlen.

Weiterhören trotz schlechter Aufnahmen

Die arabisch-anmutende Musik wirkt übrigens im Podcast immer wieder wie so eine Art Kapitelmarke und unterteilt die Dialoge zwischen den beiden in Blöcke. Aber um es mal auf den Punkt zu bringen: Es muss ja nicht immer alles bierernst sein, aber trotzdem wünsche ich mir insgesamt weniger flapsige Stellen.

Noch deutlicher stechen solche Stellen hervor, wenn die Hörer auf das Gegengewicht treffen: Nämlich wenn Clanmitglieder aus ganz Deutschland zu Wort kommen - leider auch nur in kleinen Ausschnitten. Wie Moe, der aus seiner Kindheit in Beirut erzählt.

Diese bewegenden Szenen sind das Highlight. Sie erklären so viel mehr als gekünzelte Geschichtsstunden. Andere Clanmitglieder erzählen zum Beispiel davon, wie es ist, in Deutschland anzukommen, nur geduldet zu werden, zunächst keine Arbeit zu bekommen und dann noch vorverurteilt zu werden. Da steckt so viel drin. Davon hätte ich gern mehr gehabt als von den Moderatoren.

Auch wenn mich die teils schlechten Aufnahmen, das Knacken und Rauschen oft rausbringen. Das kann ich verzeihen, weil es so echt und nahbar wird; ich beginne zu verstehen und ihr Urprungsziel, Vorurteile abzubauen, gelingt durch die Clanmitglieder zumindest ein wenig. Aber weil es so selten vorkommt, steige ich nach sieben Folgen aus. Die gute Idee reicht nicht. 

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