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Breitband | Beitrag vom 05.01.2019

Podcast-Kritik: "Trace"Kann ein Podcast die Polizeiarbeit beeinflussen?

Von Carina Fron

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Reporterin und "Trace"-Host Rachael Brown mit dem früheren Polizisten Ron Iddles, der sie unterstützt. (ABC Radio / Rachael Brown)
Reporterin und "Trace"-Host Rachael Brown mit dem früheren Polizisten Ron Iddles, der sie unterstützt. (ABC Radio / Rachael Brown)

Der Podcast "Trace" wird von Rachael Brown gehostet: Eine mehr als 30 Jahre verspätete Zeugenaussage im Mordfall Maria James brachte die australische Reporterin auf die Idee. Im Dezember wurden die Ermittlungen offiziell wieder aufgenommen.

An einem Wintermorgen 1980 dreht sich Maria James zu ihrem Sohn Mark und bittet ihn, auf seinen kleinen Bruder James aufzupassen, sollte ihr etwas passieren. Seitdem suchen die Geschwister nach Antworten. An jenem Tag - im Alter von 13 bzw. elf Jahren - verlieren sie ihre Mutter. Maria James wurde in ihrem Buchladen in Melbourne ermordet. Der Täter wurde nie gefunden.

Zeugenaussage nach über 30 Jahren

Seit einigen Jahren gibt es wieder einen kleinen Hoffnungsschimmer. 2013 meldet sich ein Augenzeuge, dass er einen blutbespritzten Priester namens Anthony Bongiorno in der Nähe von Maria James' Haus gesehen habe. Als Täter wird der Priester von der Polizei später dennoch ausgeschlossen. Diese Tatsache macht die Reporterin Rachael Brown vom australischen Sender ABC Radio neugierig. Es ist die Geburtsstunde von "Trace".

"Trace" ist auf den ersten Blick ein klassisch anmutender True-Crime-Podcast. Er folgt den Spuren von Maria James' Mörder, nimmt Beweise und Verdächtige unter die Lupe. Das Ziel ist es nach all den Jahren, den Fall doch noch zu lösen. Rachael Brown ist auf dem Weg dorthin das Herz, der Kopf und die Stimme.

Erlaubnis von Marias Söhnen eingeholt

Bei ihrer Recherche wird sie unter anderem von Ron Iddles unterstützt. Der Polizist ist zwar mittlerweile im Ruhestand, Marias Mord war zu Beginn seiner Karriere als Mordermittler aber sein erster Fall. Dieser hat ihn nie losgelassen.

"Er hat fantastisch mit mir zusammengearbeitet und war quasi meine Augen und Ohren in diesem Fall und hat mich zu bestimmten Leuten geführt, mit denen er damals 1980 gesprochen hat", erklärt Rachael Brown.

Außerdem hat sich Rachael Brown die Erlaubnis von Mark und Adam James eingeholt, die Geschichte ihrer Mutter erzählen zu dürfen. Ohne den Segen der beiden gäbe es den Podcast "Trace" nicht. Wichtig war diese Tatsache Rachael Brown vor allem, weil sie sich ein Beispiel am Vorbild aller True-Crime-Podcasts "Serial" genommen hat. Der erzählt in der ersten Staffel vom Tod der Highschool-Schülerin Hae Min Lee.

"Serial wurde damals vorgeworfen, die Opfer außen vor lassen. Ihr Bruder schrieb auf Reddit: 'Ihr denkt alle, dass das eine neue Folge von CSI ist, aber für uns ist das unser Leben.' Das ging mir sehr nah, deshalb denke ich, True-Crime-Podcasts sollten nicht nur forensisch vorgehen, sondern auch einfühlsam sein", erklärt Rachael Brown.

Rachael Brown stößt auf ungeahnte Abgründe

Doch die Geschwister nehmen auch selbst eine besondere Rolle bei der Suche nach Verdächtigen ein. Der kleinere Bruder Adam wurde vor der Ermordung seiner Mutter mehrfach von Vater Bongiorno, jedem katholischen Priester, der damals mit Blut auf dem Gewand gesichtet wurde, sexuell missbraucht. Ein befreundeter Priester, Vater O'Keeffe, ist ebenfalls übergriffig geworden. Öffentlich wird das allerdings erst durch den Podcast.

Rachael Brown stößt auf weitere Opfer und ungeahnte Abgründe. Ihre Recherchen nehmen sie so sehr mit, dass sie Alpträume bekommt und sogar eine Therapie beginnt. Obwohl der Podcast die Geschichten der Opfer nicht ausschlachtet und behutsam erzählt, gehen die Worte nicht spurlos am Hörer vorbei.

Neue Ermittlungen um Maria James' Tod eingeleitet

Schlussendlich hat sich die Hartnäckigkeit von Rachael James ausgezahlt. Im Dezember 2018 wurde der Fall um Maria James' Tod wieder aufgerollt und es wird wieder ermittelt. Das ist der Traum eines jeden True-Crime-Podcasts. Allerdings muss ein Podcast nicht immer eine Bereicherung für einen Fall sein, zumindest aus Sicht der Polizei und des Justizsystems.

Das zeigt zum Beispiel ein Fall aus Dänemark. Dort war der Prozess wegen Betrug gegen eine norwegische Frau kurz bedroht. Rechtsanwälte sorgten sich um die Beeinflussung der Richter durch den Hitpodcast "The Woman With The Heavy Suitcase". Am Ende konnte das Verfahren zwar regulär stattfinden, doch es wirft die Frage auf, wie viel Einfluss ein Podcast auf den Rechtsstaat haben kann - und sollte.

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