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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 18.11.2016

Pluralität des Judentums60 Jahre nach dem Tod Leo Baecks

Von Thomas Klatt

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Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin mit dem Sitz der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin mit dem Sitz der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)

Sein Name steht nicht nur für den interreligiösen Dialog, sondern auch für die Förderung eines pluralen Judentums: 60 Jahre nach dem Tod des Rabbiners Leo Baeck wurde seines Vermächtnisses bei einer Veranstaltung im Centrum Judaicum gedacht.

Hella Dunger-Löper: "Viele sehen in Leo Baeck die Leitfigur und einen Gründervater des interreligiösen Dialogs. Der Rabbiner und Gelehrte hat das gemeinsame Gespräch bereits in einer Zeit gesucht, als es den Dialog zwischen Juden und Christen faktisch noch gar nicht gab."

Staatssekretärin Hella Dunger-Löper, Bevollmächtigte beim Bund des Landes Berlin, erinnert an Rabbiner Leo Baeck. Seit 1933 war er Präsident der Reichsvertretung der Deutschen Juden. Obwohl sehr viele Kirchenvertreter dem Nationalsozialismus wohlwollend gegenüberstanden, hielt Baeck unbeirrbar am christlich-jüdischen Gespräch fest.

Hella Dunger-Löper: "Inmitten der Nazi-Diktatur 1938 veröffentlichte Baeck das Buch mit dem Titel: Das Evangelium als Urkunde  der jüdischen Glaubensgeschichte. Damit legte er eine Grundlage für das gegenseitige theologische Verständnis von Juden und Christen."

Leo Baeck versuchte den jüdischen Geschwistern im Nazi-Deutschland so gut zu helfen wie er konnte. Bei allem beschwor er immer die Einheit des Judentums.

Hitler befahl den Abriss

Charlotte Knobloch: "Wir blieben und wir bleiben, wir gestalten dieses Land in entscheidender Weise mit und zwar seit 1700 Jahren. Die Botschaft von Leo Baeck, ich zitiere, jede Richtung bin ich bereit anzuerkennen, wenn nur das Wort Judentum, das Substantiv bleibt."

Doch gegen den antisemitischen Hass der Nazis war er letztlich machtlos. Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, erinnert an die Vorgänge in München schon Monate vor der Reichspogromnacht. Hitler persönlich befahl im Juni 1938 den Abriss der großen Synagoge in der Herzog-Max-Straße innerhalb weniger Wochen. Leo Baeck war beim letzten Synagogengottesdienst noch dabei.

"Noch einmal am Abend vor dem Abriss war die Gemeinde zu einem letzten Gottesdienst zusammen gekommen. Zeitgleich tagte in München eine Rabbinerkonferenz mit den Spitzen der deutsch-jüdischen Geistlichkeit. Unter den Anwesenden Leo Baeck, damals der Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Vielleicht waren es auch die beklemmenden herzzerreißenden Eindrücke an diesem Sommerabend, da er Zeuge des letzten Aufschreiens einer jahrhundertealten deutsch-jüdischen Tradition wurde, welche ihn Jahre später in seinem neuen Zuhause in England dazu bewegten, die Geschichte des Judentums in Deutschland für beendet zu erklären."

Leo Baeck überlebte das KZ Theresienstadt. Nach 1945 ging er nach London, wo er bis zu seinem Tod 1956 Präsident der Weltunion für progressives Judentum war. Ein jüdisches Leben in Deutschland konnte er sich nicht mehr vorstellen.

"Gewiss werden einzelne Gemeinden hier und da fort existieren, doch die nährende Humusschicht ist nicht mehr vorhanden. Zitat Ende. So sehr ich mich vor dem großen Leo Baeck verneige, so sehr freue ich mich doch auch, dass er sich in diesem einen Punkt täuschte."

Immer etwas im Nacken

Heute leben mehr als 200.000 Juden in Deutschland, allerdings nur etwa die Hälfte von ihnen ist in jüdischen Gemeinden organisiert. Nun ist die Frage, wie sich das Judentum 60 Jahre nach dem Tod Leo Baecks gestaltet. Yael Kupferberg lehrt an der School of Jewish Theology der Universität Potsdam.

Yael Kupferberg: "Einerseits haben wir tatsächlich die Geschichte noch etwas im Nacken allein durch unsere Familiengeschichte. Es gibt also einen deutlichen Subtext, in dem wir uns bewegen. Auf der anderen Seite ist die Geschichte ja nicht weniger komplex geworden, wenn wir uns anschauen wie die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern verliefen, was uns bevorsteht tatsächlich an Populismus in Europa finde ich das dramatisch, macht mir große Angst. Gleichzeitig darf man sich davon nicht lähmen lassen. Und es stimmt, die Sicherheitsgläser sind wieder dicker geworden. Das ist eine katastrophale Entwicklung auf der einen Seite, aber innerjüdisch auf der anderen Seite haben wir eine Gegenbewegung, nämlich einen unglaublichen Zuwachs durch Israelis und die Gemeinde wächst, die jüdische Gemeinschaft.  Demokratie gehört mit zum Judentum, das ist ein kohärentes Erbe des deutschen Judentums, also auch Leo Baecks Erbe weiterzutragen, das heißt uns nicht zu verstecken."

Ganz im Sinne Leo Baecks komme es jetzt auf die Einheit eines pluralen Judentums an, deutsche Juden, Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, Israelis, von orthodox bis liberal. Dmitrij Belkin vom Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk.

Dmitrij Belkin: "Das Zulassen von Pluralität, dann ist das nicht die Ablösung, dass wir sagen, wir sind da und ihr seid weg, sondern ein zugelassenes Nebeneinander der diversesten Richtungen, dass man nicht sagt, endlich ist die bundesrepublikanische Generation weg und jetzt eine viertel Million Russen und ein paar Israelis kommen dazu, um Gottes willen, sondern dass man einfach sagt, wie schafft man dieses Nebeneinander?"

 

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