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Zeitfragen | Beitrag vom 10.09.2020

Plastikmüll im MeerSchon 1972 schlugen Forscher Alarm

Von Anja Krieger

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Eine Schildkröte hat sich in Plastikmüll verheddert. (Eyeem / Ahmed Areef)
Schon Anfang der 1970er-Jahre fand man Plastik im Atlantik – zu einer Zeit, als die Kunststoffe erst begonnen hatten, die Welt zu erobern. (Eyeem / Ahmed Areef)

Plastikkügelchen in den Mägen von Fischen, Kunststoffabfälle im Meer: Das ist seit Jahrzehnten bekannt - ohne dass dagegen viel unternommen worden wäre. Warum hat es so lange gedauert, bis das Problem von Politik und Öffentlichkeit ernst genommen wurde?

4. April 1972. Eine kleine US-amerikanische Lokalzeitung zitiert den jungen Biologen Ed Carpenter:

"Plastik wird erst seit dem Zweiten Weltkrieg in großen Mengen hergestellt. Ich finde es erschreckend, dass es schon nach 25 Jahren mitten im Ozean auftaucht. Da fragt man sich doch, was wird erst in 50 oder 100 Jahren sein?"

Die Geschichte der Erforschung des Plastikmülls ist wie ein Puzzle, bei dem ganz langsam, Stück für Stück ein Bild entsteht. Es ist eine Wissenschaftsgeschichte, die zeigt, wie stark ein Forschungsfeld von den Menschen lebt, die sich dafür einsetzen. Warum dauerte es so lange, die Folgen der wachsenden Abhängigkeit von Plastik zu erkennen? Hätte man das Problem schon viel, viel früher lösen können?

Schon in den 1970ern fand Carpenter Plastik im Meer

"Ich würde sagen, es fing so vor drei Jahren an, dass die Leute anfingen, sich für meine Geschichte zu interessieren. Ich glaube, das hat mit dem gestiegenen globalen Bewusstsein zu tun – dass Plastik in der Umwelt ein riesiges Problem ist und nicht einfach so verschwindet", sagt Edward J. Carpenter heute.

Er ist inzwischen Ende siebzig und lehrt an der San Francisco State University. Für den Biologen ist das Problem mit dem Plastik keine neue Geschichte. Schon Anfang der 1970er-Jahre fand Carpenter Plastik im Atlantik – zu einer Zeit, als die Kunststoffe erst begonnen hatten, die Welt zu erobern. Der Biologe forschte damals am ozeanographischen Institut in Woods Hole an der Ostküste der USA:

"Ich interessierte mich für die Lebewesen in der Sargassosee. Dort schwimmen überall braune Algen auf der Oberfläche. Schon Kolumbus sah sie auf dem Weg über den Atlantik und dachte schon, er würde bald Land erreichen. Aber in Wirklichkeit waren das diese Algen, die auf der Oberfläche des Ozeans trieben."

Im Herbst 1971 fuhren Ed Carpenter und sein Kollege Ken Smith mit einem Forschungsschiff hinaus in die Sargassosee. Sie wollten die Lebenswelt erforschen, die Fische, Schildkröten und viele andere Tiere, die mit den Algen durchs Meer driften. Doch weit draußen fanden sie plötzlich etwas ganz anderes in ihren Netzen.

"Jedes Mal, wenn ich das Wasser an der Oberfläche abfischte, war Plastik mit dabei. Ich dachte, hey, das gehört hier nicht hin, das gibt es doch erst seit dem Zweiten Weltkrieg. Ich begann zu schätzen, was das genau ist, wie viel Plastik da draußen herumschwimmt, was das genau war, und welche Lebewesen darauf wachsen."

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Zurück an Land analysierten die Forscher ihre Funde. Viele der Teile waren rund und klein, gerade einen halben Zentimeter im Durchmesser. Heute würde man von Mikroplastik sprechen. Neben kleinen Lebewesen fanden die Forscher auch giftige Chemikalien auf dem Plastik: Polychlorierte Biphenyle, auch PCB genannt. Die Biologen schickten ihre Ergebnisse an das Wissenschaftsjournal "Science":

"Die wachsende Produktion von Plastik und die derzeitige Art der Müllentsorgung werden ohne Zweifel zu einem Anstieg der Konzentration dieser Partikel führen."

Im März 1972 berichtete auch die New York Times über das Plastik im Meer:

"Zahlreiche kleine Teilchen aus Plastik, offenbar die Überbleibsel der Industriegesellschaft, treiben über weite Areale der Sargassosee im Atlantik. Manche von ihnen ließen sich erkennen als Zigarrenhalter, Teile einer medizinischen Spritze, als Schmuck oder Druckknopf. Die Wissenschaftler schätzen, dass die Plastikteile über eine riesige Fläche verteilt sind, vielleicht mehrere tausend Quadratmeilen."

Besuch vom Vertreter der Plastikindustrie

Nicht lange nachdem der Artikel zu Ed Carpenters Studie erschien, bekam der Biologe Besuch, erzählt er – von einem Vertreter der Plastikindustrie.

"Ein Vertreter der Gesellschaft der Plastikindustrie flog zu mir, um mich zu treffen. Ich bekam dabei das Gefühl, dass er nicht sehr glücklich über meine Veröffentlichung war. Er fand nichts Gutes daran und sagte nur kritische Dinge, als ob er mich in die Defensive bringen wollte."

An den Namen dieses Mannes konnte sich Ed Carpenter nach fast fünfzig Jahren nicht erinnern. Damals arbeitete er bereits an seiner zweiten Veröffentlichung zu Plastik im Meer. Es war wieder ein Zufallsfund.

"Ich untersuchte die Auswirkungen von Kühlwasser in einem Atomkraftwerk. Also praktisch das Meerwasser, mit dem der Reaktor gekühlt wurde, in dem auch Plankton und Fische schwimmen. Als ich mir die Larven unter dem Mikroskop anschaute, war da etwas, das wie das Ei eines Fisches aussah. Aber als ich versuchte, es zusammenzudrücken, ging das nicht. Ich fragte mich, was ist das denn? Und dann sah ich plötzlich diese ganz kleinen Kugeln, manche nur einen halben Millimeter dick. Nach diesen Funden in Connecticut warf ich mein Netz auch über die Brücke am ozeanographischen Institut und schaute mir an, was in Woods Hole vor Massachusetts im Wasser war. Und mein Gott, da waren die gleichen Kügelchen aus Plastik drin!"

Porträt des Biologen Ed Carpenter. (Gerdi Weidner)Der Biologe Ed Carpenter war einer der ersten, der in den 1970er-Jahren über Plastikrückstände in Meerestieren schrieb. (Gerdi Weidner)

Die kleinen Kugeln, die auf dem Wasser trieben, waren aus dem Kunststoff Polystyrol. Sie waren innen hohl. Carpenter fand eine ganze Menge davon, auch in den Larven der Fische:

"Von den dreizehn oder vierzehn Fischarten, die ich untersuchte, hatten etwa sieben oder acht Plastik im Magen. Sie fraßen und verschluckten das wohl, weil sie dachten, dass das einfach nur ein Fischei ist."

Was die kleinen Fische gefressen hatten, war besorgniserregend – etwa so, als hätte ein Mensch eine Bowling-Kugel verschluckt. Carpenter fuhr drei Tage lang auf einem Boot die Küste entlang. Auf dem Weg zwischen New York und Woods Hole nahm er weitere Proben.

Es sah aus wie das Rohmaterial, das in der Plastikproduktion eingesetzt wird. Wieder fanden Carpenter und seine Kollegen die giftigen Chemikalien an den Teilchen, PCBs. Im Winter 1972 veröffentlichten sie die Studie im Wissenschaftsmagazin "Science". Und wieder bekam Ed Carpenter Besuch, erinnert er sich.

"Die gleiche Person von der Plastikindustrie kam wieder zu mir, um meine Forschung infrage zu stellen. Ich fühlte mich eingeschüchtert, weil er nicht glücklich mit meiner Forschung war. Und ich hatte keine feste Stelle. Das heißt, alles Negative, vor allem das, was zu meinen Vorgesetzten gelangte, konnte meine Zukunft am ozeanografischen Institut gefährden."

Forschung zu Plastikmüll versprach keine Zukunft

Das Institut in Woods Hole war schon damals weltberühmt und Carpenter noch ganz am Anfang seiner Laufbahn. Mit 30 Jahren hatte der junge Forschungsassistent gerade eine Familie gegründet und zwei Kinder bekommen. Er sah damals keine Zukunft für eine Karriere in der Forschung zum Plastik im Meer, sagt er heute. Also ließ er das Thema fallen.

"Das war’s... Es war irgendwie, als wenn eine Art Gespenst in dein Leben tritt, einen Einfluss hat und dann wieder verschwindet. Das war dann das Ende."

Aber wer war dieses Gespenst? Ed Carpenter hat keine Belege, keine Dokumente für diese Begegnung. Hat sie wirklich so stattgefunden, wie er sich erinnert? Die Sache ist immerhin fast fünf Jahrzehnte her. Carpenters Kollegen von damals können sich jedenfalls an nichts erinnern.

Nach langem Suchen fiel mir zufällig eine Fußnote in einer von Carpenters Studien auf. Darin danken die Autoren Ralph Harding, einem Vertreter der Plastik-Organisation, von der Carpenter erzählt hatte. Im Internet ist Harding unter anderem mit einem Eintrag in der "Plastics Hall of Fame" verewigt. Er leitete den Industrieverband SPI in den 1970er-Jahren, vertrat die Industrie im US-Kongress und half mit, die erste Plastiksteuer in New York zu verhindern. 

Doch war er auch der Mann, an den sich Ed Carpenter erinnert? Harding selbst ist schon verstorben. Und auch PLASTICS, die Plastics Industry Association – wie der Verband heute heißt – konnte keine weiteren Informationen liefern, die die Geschichte bestätigen oder widerlegen. Doch was sich über Dokumente aus der Zeit belegen lässt, ist ein Austausch zwischen dem Biologen und dem Industrievertreter.

Appell an die Plastikindustrie

Archiviert ist etwa ein Brief, den Carpenter damals an Harding schrieb. Darin forderte der Biologe die Industrie eindringlich zur Mithilfe auf, um die Verschmutzung der Küste mit Plastik zu stoppen. Ralph Harding gab diese Information an die US-Produzenten von Polystyrol weiter, wie ein Dokument von damals zeigt. Der Industrievertreter drängte die Produzenten, die Quelle der Plastikteile schnell ausfindig zu machen. Dass das kein einzelner Vorfall war, zeigte sich allerdings wenige Jahre später. Proben belegten, dass der Atlantik schon damals über weite Gebiete, von der Ostküste der USA bis in die Karibik, mit Plastik verschmutzt war.

"Mir kam der Gedanke, wenn das so wichtig ist, dass Science darüber berichtet, dann…also, ich habe Belege dafür, dass Plastik wahrscheinlich schon zehn Jahre früher weit verbreitet war und auch in einem anderen Gebiet des Atlantiks."

Steve Rothstein ist einer von denen, die Carpenters Studie aus der Sargassosee 1972 lasen. Heute lehrt der Biologe an der University of California in Santa Barbara. Die Studie in Science erinnerte ihn damals an Funde, die er schon 1964 gemacht hatte. Zu dieser Zeit erforschte er als Student Seevögel auf einer kanadischen Insel:

"Und wir stellten fest, dass sie diese Plastikpartikel im Magen hatten. Manche schienen es sogar an ihre Küken zu verfüttern. Eigentlich hatten wir nämlich das Nistverhalten und die Biologie untersucht."

Schon 1962 fraß ein Seevogel Plastik

Mitte der 1960er-Jahre lag die jährliche Plastikproduktion noch 20-mal niedriger, als sie es heute ist.

"Ich habe die Bedeutung dieser Funde damals nicht wirklich überblickt", sagt Rothstein. "Ich dachte, naja, da ist offenbar etwas Plastik draußen im Meer und die Vögel verschlucken es. Aber ich nahm an, dass das vielleicht schon bekannt ist oder nicht wirklich erwähnenswert."

Rothstein fand sogar heraus, dass ein Seevogel derselben Art – ein Wellenläufer – schon 1962 Plastik gefressen hatte. Doch seine Beobachtung blieb unveröffentlicht. Rothstein hatte ja gerade erst angefangen zu studieren. Und dann war da noch etwas:

"Das ist eine etwas lustige Geschichte. Ich fand es wirklich toll, mit Seevögeln zu arbeiten. Aber ich musste feststellen, dass ich auf dem Meer ziemlich seekrank werde – denn wir machten ein paar Fahrten auf dem Ozean und mir war jedes Mal unglaublich schlecht."

Der junge Ornithologe untersuchte von nun an Vögel an Land, wo er nicht seekrank werden konnte. Die Erinnerung an seine Plastikfunde verblasste. Bis er acht Jahre später Carpenters Bericht aus der Sargassosee las und die Proben wieder aus dem Archiv holte. 1973 veröffentlichte er die Ergebnisse in einer Zeitung für Ornithologie. Es war der wohl erste wissenschaftliche Aufsatz, der die Worte "plastic pollution" im Titel trug, also Plastikverschmutzung. Bis sich dieser Begriff durchsetzte, dauerte es aber noch rund vier Jahrzehnte.

Ein toter Delfin am Sandstrand von Odessa in der Ukraine, umgeben von Plastikmüll. (imago images / Andrey Nekrasov)Ein toter Delfin am Sandstrand von Odessa in der Ukraine, umgeben von Plastikmüll. (imago images / Andrey Nekrasov)

"Ich glaube, wir waren alle überrascht. Aber ich denke auch, dass keiner von uns wirklich die Tragweite dessen, was wir da sahen, verstand – oder die Sorgen von heute kommen sah", sagt die Ozeanografin Elizabeth Venrick. "Damals dachten wir noch, dass wir dem Ozean nichts ernsthaft anhaben könnten, höchstens in der Nähe der Küste. Deshalb fuhren wir ja so weit raus – weil wir dachten, dass mitten auf dem Meer noch alles ganz intakt war. Und dann merkten wir natürlich, dass das nicht stimmte."

Elizabeth Venrick war eine der ersten, die über Plastikmüll im Pazifik berichtete. 1972 ging sie vom Scripps-Institut in San Diego auf Forschungsfahrt. Es war kein ideales Schiff für den offenen Ozean – ungewöhnlich schlank und deshalb den Wellen stark ausgeliefert. Um Wasser und Treibstoff zu tanken, machte die Crew einen Zwischenstopp auf Hawaii.

"Und als wir von Hawaii aus losfuhren, erwischten wir die Ausläufer eines Taifuns und unser Schiff geriet so stark in Bewegung, dass einer der Generatoren im Motorenraum überschwemmt wurde und ausfiel. Das Schiff rollte nur so!"

Aus Langeweile zählte die Crew die Plastikflaschen im Meer

Mit nur noch halbem Strom an Bord ließen sich die Winden nicht mehr nutzen, um die Forschungs-Geräte ins Wasser zu lassen. Die Crew musste die Forschungsarbeit unterbrechen. Auf dem Rückweg nach Kalifornien fuhr das Schiff langsam durch eine windstille Gegend.

"Das Wetter wurde natürlich absolut wunderbar, so wie es nur da draußen sein kann", erinnert sich Venrick. "Mit spiegelglattem Ozean, nur Sonne und ohne Wolken am Himmel. Das wissenschaftliche Personal vertrieb sich die Zeit oben auf dem Bug, ohne richtig was zu tun zu haben."

Es war genau die Gegend, die Jahrzehnte später durch den sogenannten "großen pazifischen Müllwirbel" weltberühmt wurde.

Während die Crew so da saß, begannen recht ungewöhnliche Dinge vorbei zu schwimmen. Weit weg von jeglicher Zivilisation drifteten ein Seil vorbei, ein alter Luftballon, eine rote Gummisandale – und Plastikflaschen. Zum Zeitvertreib begannen die Forschenden, den Müll auf dem Wasser aufzuzeichnen. Sie legten ein Logbuch an – das "Junk Log". Zurück in San Diego reichten sie die Beobachtungen beim Wissenschaftsmagazin "Nature" ein. Mit einer Prise Ironie beschrieben sie, wie sie der Versuchung erlegen waren, die Zahl der Plastikflaschen zu schätzen, die im Pazifik schwammen. Fünf Millionen könnten es sein. Was für eine Zahl!

"Von ein paar wenigen Plastikflaschen sollte man eigentlich nicht auf den ganzen Pazifik schließen", sagt Elizabeth Venrick. "Aber die Versuchung war halt da!"

So richtig schwerwiegend erschien Elizabeth Venrick das Problem aber damals nicht. Nach der Studie zum Müll im Pazifik wandte sie sich wieder ihrem eigentlichen Thema zu, der Ökologie von kleinen Planktonlebewesen. Den Plastikmüll verlor sie aus dem Blick.

Plastikfolie am Meeresboden - das konnte nicht sein

In den frühen 1970er-Jahren stolperten Forschende aus Zufall über den Plastikmüll im Meer. Es waren nicht nur Meeresbiologen, Ozeanographen und Ornithologen. Auch ein junger Chemiker aus Schweden wurde auf die Sache aufmerksam. Arne Holmström schrieb damals an einer Doktorarbeit zu Polyethylen, einem der Kunststoffe, die heute am meisten genutzt werden.

"Ich wurde auf der Insel Smögen groß, einem kleinen Fischerdorf an der Westküste von Schweden", sagt Holmström. "Dort erzählte mir ein Nachbar, der gerade ein paar Jahre älter war als ich, dass er beim Fischen mit Schleppnetzen Plastikfolie auf dem Boden der See gefunden hatte.

Der Shrimps-Fischer hatte ein Material aus mehreren hundert Metern Tiefe geholt, das genau so aussah wie der Kunststoff, den Holmström studierte: Polyethylen. Doch als der junge Forscher einen Vertreter der Plastikproduzenten in der Gegend fragte, meinte der, das sei unmöglich.

"Er sagte, du bist doch die erste Person in ganz Schweden die über Polyethylen promoviert, du solltest sowas nicht sagen. Und ich wurde ganz rot, mir war das so peinlich! Ich müsse doch wissen, dass diese Plastiksorte auf der Oberfläche treibt, und nicht zu Boden sinkt!"

Algen und Tiere zogen die Folie nach unten

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Je nach Dichte kann ein Kunststoff im Meerwasser absinken oder oben treiben. Polyethylen gehört zu diesen leichten Sorten, die auf der Oberfläche schwimmen. Zumindest theoretisch. Arne Holmström war das ein Rätsel. Er wollte mehr wissen:

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"Als ich mal wieder zu Besuch in meinem Dorf war, sprach ich mit dem Nachbarn und meinem Onkel, und sie brachten mir einen großen Sack des Materials, das sie eingefangen hatten. Und doch, tatsächlich, das waren Folien aus Polyethylen!"

Wie war das leichte Material nur so tief zum Meeresboden gelangt? Der junge Chemiker bat einen Meeresbiologen um Hilfe. Gemeinsam entwickelten die beiden eine Erklärung.

Das Plastik trieb zunächst auf der Oberfläche, so wie im Lehrbuch. Doch dann begann die Sonne an dem Material zu nagen, und Algen und kleine Tiere setzten sich darauf fest. Dieses zusätzliche Gewicht muss die Folien in die Tiefe gezogen haben. Arne Holmström veröffentlichte seine Ergebnisse 1972 in Schweden und später auch im Fachblatt "Nature". Ich fragte ihn, wieso er das Problem danach nicht weiterverfolgte.

"Ich war ja Chemiker, kein Biologe oder so."

Eine Plastikflasche treibt in der Ostsee. (imago / Winfried Rothermel)Obwohl die Gefahr durch Plastikmüll inzwischen weithin bekannt ist, wächst die Plastikproduktion weiter. (imago / Winfried Rothermel)

Nach den ersten Berichten über Plastikmüll im Meer stagnierte die Forschung erstmal. Die wenigen Studien, die erschienen, schafften es nur in kleinere Publikationen mit weniger Lesern – nicht mehr in die großen Magazine "Science" oder "Nature". Die Plastikproduktion wuchs derweil stark an, von fast 50 Millionen Tonnen Mitte der 1970er- auf weit über 70 Millionen Mitte der 1980er-Jahre.

"Ich denke, man kann sagen, dass nach den ersten Studien in den 1970ern nicht viel passierte", so Peter Ryan. "Es gab zwar kleine Notizen im 'Marine Pollution Bulletin' und eine gute Forschungsarbeit zu Seevögeln in Alaska, aber die kam eigentlich erst mit der ersten Meeresmüll-Konferenz 1984 heraus."

Peter Ryan ist Direktor des Fitzpatrick-Instituts für afrikanische Ornithologie im südafrikanischen Kapstadt. Mit über 50 Publikationen zum Thema ist der Vogelexperte einer der profiliertesten Wissenschaftler in der Plastikmüllforschung. Ryan selbst ist seit 1984 dabei, dem Jahr, als die erste internationale Meeresmüllkonferenz in Honolulu stattfand. Aus Sorge um die Auswirkungen auf Seehunde, Schildkröten, Wale und andere Tiere kamen schon vor über 35 Jahren Expert*innen aus aller Welt zusammen.

"Ich denke, die 1980er waren eine wirklich dynamische Zeit für die Plastikforschung. Es kamen viele neue Leute dazu, mit neuen Perspektiven", sagt Ryan.

"Schon damals rückte der Fokus von der Beschreibung des Problems zu den Maßnahmen, was kann man tun. Das Schöne am Plastikproblem ist ja: Es ist komplett vermeidbar. Das ist nicht wie beim Klimawandel, wo man von den Leuten verlangt, wirklich schwierige Verhaltensänderungen zu machen. Man muss sie nur auffordern, das Plastik ordentlich zu entsorgen – zumindest theoretisch. Natürlich wird uns jetzt, viele Jahre später, klar, dass es vielleicht doch nicht so simpel ist. Aber naja, vielleicht waren wir damals ein wenig naiv in den 90ern, als wir dachten, man müsse die Leute einfach nur dazu bringen, sich anders zu verhalten."

1990 wurden 100 Millionen Tonnen Plastik produziert

Den Begriff "Mikro-Plastik" nutzten Peter Ryan und seine Kollegin Coleen Moloney schon 1990. Zu diesem Zeitpunkt war die weltweite Produktion an Kunststoffen bereits auf einhundert Millionen Tonnen pro Jahr angewachsen, etwa ein Viertel der heutigen Produktion. Es gab erste Maßnahmen, um zu verhindern, dass noch mehr Plastik im Meer landet. Ein internationales Abkommen verbot Schiffsbetreibern, Plastik auf See zu entsorgen. Auch das Recycling hatte begonnen. Doch weder das eine noch das andere konnte die wachsende Verschmutzung der Meere wirklich aufhalten. Im Jahr 1997 fand ein Schiffskapitän so viel Müll im Pazifik, dass er Alarm schlug.

"Charles Moore beschrieb den nordpazifischen Müllwirbel, und dieses Konzept gewann in der Öffentlichkeit schnell an Fahrt", erinnert sich Ryan.

"Die Idee, dass da draußen eine Insel aus Plastik treibt, machte großen Eindruck in der öffentlichen Wahrnehmung – obwohl es natürlich keine Insel gab, aber das ist eine andere Geschichte. Dazu kamen die Arbeiten des britischen Wissenschaftlers Richard Thompson über Mikroplastik in den frühen 2000er-Jahren. Das zusammen erweckte das Interesse am Plastik wieder zum Leben. Und von da an kamen immer mehr Publikationen heraus, und mehr und mehr Leute sprangen auf den Zug auf."

Ab Mitte der 1980er-Jahre wurde aus der Forschung zum Plastikmüll langsam ein eigenes wissenschaftliches Feld. Doch der entscheidende Kick kam später und von außerhalb der Wissenschaft, als Umweltorganisationen das Thema ins Rampenlicht rückten – allen voran "Algalita", die NGO von Kapitän Charles Moore.

"Selbst als ich anfing, sagten die Leute noch, was, du arbeitest an Vögeln, die Plastik verschlucken?", so Ryan. "Wieso machst du das, wieso forschst du nicht an etwas, naja, Relevanterem? Heute arbeitet so gut wie jeder zu Plastik in der Umwelt."

"Ich hätte weitermachen sollen"

Die Plastikproduktion steigt immer noch, Jahr für Jahr. Allein in den letzten zwei Jahrzehnten wurde mehr Kunststoff hergestellt als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Glaubt man den Prognosen, könnte die Menge an Material in den nächsten Jahren noch deutlich steigen. Schon jetzt lässt sich das Müllproblem unmöglich ignorieren.

"Ich dachte damals, ich kann meine Karriere nicht auf Plastik aufbauen. Obwohl, im Rückblick hätte ich das vielleicht gekonnt", sagt Ed Carpenter. "Ich bin heute stolz auf meine Arbeiten von damals, aber ich denke auch, ich hätte weitermachen sollen. Ich glaube, es hätte da noch viel mehr gegeben, was ich hätte beitragen können. Wenn ich nicht fünfzig Jahre damit gewartet hätte, hätte ich vielleicht helfen können, die Forschung und Lösung für das Problem schneller voranzutreiben."

Nach seinen Veröffentlichungen zu Plastik wurde Ed Carpenter zu einem anerkannten Experten für Plankton, den ganz kleinen Lebewesen der Meere. Seine beiden früheren Forschungsarbeiten zu Plastik waren trotzdem nicht umsonst. Sie motivierten andere, von ihren Funden zu berichten und die Forschung weiterzubringen. Dass das so langsam ging, wirft viele Fragen auf. Was wäre gewesen, wenn die Pioniere am Ball geblieben wären? Unter welchen Bedingungen können wir als Gesellschaft solche großen Probleme früher erkennen und angehen? Heute, viele Jahre später, erzählt Carpenter seine Geschichte. Ich habe ihn gefragt, wieso er sich dazu entschieden hat, nach fast fünfzig Jahren.

"Einerseits einfach, weil die Leute danach fragen. Aber es gibt eben auch die historische Seite – wie sind wir an diesen Punkt gekommen? Und ich glaube, wenn ich eine Lehre daraus ziehen kann, dann ist es die: Bleib am Ball und glaub an das, was du für wichtig hältst. Folge deiner Nase. Ich bereue, dass ich das nicht getan habe."

Die Recherche ist Teil des Projekts "Plastisphere" und entstand im Rahmen eines Gastaufenthalts am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin.

Es sprachen: Adam Huggins, Moses Leo, Timo Weisschnur, Teresa Scherhag und die Autorin.
Ton: Jan Fraune
Regie: Friederike Wigger
Redaktion: Jana Wuttke

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