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Zeitfragen | Beitrag vom 03.08.2021

Plan für Berlin-BrandenburgLeben und arbeiten in innovativen Korridoren

Von Stefan May

Ein Regionalzug fährt in den Bahnhof der brandenburgischen Stadt Lübben ein. Der Ortsname auf den Bahnhofsschildern ist auch in sorbischer Sprache dargestellt.  (icture-alliance / dpa / Patrick Pleul)
Mit Co-Working-Space in Bahnhofsnähe: Lübben soll Partnerstadt des Berliner Technologieparks Adlershof werden. (icture-alliance / dpa / Patrick Pleul)

Berlin hat ein Wohnungsproblem: Wenn die Menschen aber ins Umland ziehen, hat das Folgen für den Verkehr und auch für die Firmen. Planer haben deswegen eine Idee für die Hauptstadtregion entwickelt, bei der bestehende Bahnstrecken im Fokus stehen.

Seit Berlin die angesagte Metropole ist, steigen die Mieten. Wer es sich nicht leisten kann, zieht aufs Land. Damit hat auch Berlin seinen morgendlichen und abendlichen Stau.

Die Stiftung Zukunft Berlin suchte deshalb nach Lösungen und besann sich auf den 120 Jahre alten Siedlungsstern mit Berlin in der Mitte, der mit seinen Bewegungsachsen, seinen Straßen und Bahnlinien, weit hinein ins Brandenburgische, etwa nach Eberswalde, Brandenburg an der Havel, Oranienburg oder Luckenwalde-Jüterbog strahlt.

Damals rechnete man noch damit, dass Berlin eine Zehn-Millionen-Einwohnerstadt wird. "Diese Achsen sind bis heute immer noch da: Wo in Berlin die Leute reinkommen, wo die Eisenbahn die Leute hier mit rein spült", sagt Professor Lech Suwala. Er leitet an der Fakultät für Planen, Bauen und Umwelt der Technischen Universität Berlin das Fachgebiet Stadt- und Regionalökonomie.

Die Bahnstrecken im Fokus

"Das sind eben diese Hauptachsen, die es anzugehen gilt. Denn das ist die nächste Frage außerhalb dieses Korridors: Mit welchen Indikatoren wollen wir das zukünftig ausgestalten? In dem ersten Projekt mit den Studierenden haben wir uns erst mal noch stärker auf die Bahnstrecken festgelegt, weil wir sagen, das ist vielleicht grundsätzlich die neue Form der Fortbewegung, hoffentlich", erklärt er.

Aus diesen Achsen sollen nun Innovationskorridore entstehen, wo sich Wohnen und Arbeiten wie an einer Perlenschnur aneinanderreihen.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

"Die Idee dieser Innovationskorridore ist, dass man dezentrale Arbeitsplatzstandorte, zum Beispiel im Rahmen von Co-Working-Spaces, aufzieht: In Städten der zweiten Reihe wie Jüterbog, Angermünde, Oranienburg, Lübben, Lübbenau, Fürstenwalde und so weiter", sagt Lech Suwala.

"Da schlagen Sie so ein bisschen zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen haben Sie eine viel stärkere Bindung zu den Arbeitnehmern, die jetzt im Umland sind, und zum zweiten können Sie viele Verkehrsprobleme lösen, die sonst auftauchen."

Technologiepark sucht Partnerstadt

S-Bahnstation Adlershof. Am südöstlichen Stadtrand von Berlin liegt Deutschlands größter Technologiepark, mit 1200 Unternehmen und 25.000 Beschäftigten und Studierenden. Der Verkehr auf dem Gelände nimmt stetig zu, die Parkplätze werden knapp. Adlershof setzt nun auf die Bahnverbindung vor der Haustür.

Man möchte, dass die Firmen im Technologiepark ihre Beschäftigten wählen lassen, sagt Geschäftsführer Roland Sillmann: Einerseits kannst du entweder in der Stadt leben und arbeiten, sagt er. "Wenn du eben lieber in einer Kleinstadt oder im ländlichen Bereich wohnen willst, kannst du das auch machen." Und zwar in einer Partnerstadt.

"Bei uns soll diese erste Partnerstadt der Ort Lübben sein: In Lübben wohnen, in Lübben zwei- bis dreimal die Woche in einem Co-Working-Space arbeiten. Da werden wir dir die Räume dann auch zur Verfügung stellen und die anderen zwei Tage kommst du zum Arbeiten rein", erklärt Roland Sillmann.

Der Firma biete sich so eine bessere Möglichkeit, gute Mitarbeitende zu bekommen. "Der Vorteil, den die Mitarbeitenden haben: Sie haben all das, was man jetzt in Corona gelernt hat, nämlich, dass man auch gut vom Homeoffice aus arbeiten kann", sagt Sillmann.

Co-Working statt Homeoffice

"Sie müssen das aber nicht mehr, wie jetzt während Corona, vom Küchentisch aus oder vom Wohnzimmertisch aus machen, sondern sie gehen in die Nachbarschaft, in eine gute Infrastruktur: Wo sie Kollegen und Kolleginnen aus der gleichen Firma, aus anderen Firmen treffen, und haben damit auch wieder einen Austausch und Netzwerkgedanken", erklärt er das Konzept.

Adlershof soll der Anfangspunkt des Pilot-Korridors werden. Am anderen Ende, 100 Kilometer südöstlich, liegt Cottbus. Dort ist man Feuer und Flamme für eine Innovationsachse. So auch Klaus Freytag, der Lausitzbeauftragte des Landes Brandenburg. "Adlershof ist mit seinem Campus voll, die laufen über, die haben kein Angebot mehr", beschreibt er das Problem. Also sei es doch besser, zu sagen: "Kommt zu mir nach Brandenburg."

Der nächste "Trittstein" von Berlin aus sei der gemeinsame Hauptstadtflughafen, erklärt er. "Und vom Flughafen kommen Sie zur Universität Wildau", von da aus zu den sogenannten Städten der zweiten Reihe: "Da sind wir gerade dabei mit dem Innovationscampus Adlershof Co-Working-Space in Lübben aufzubauen", und zwar bahnhofsnah, betont er.

Eine Entwicklungsachse bis Cottbus

Auch Gesine Grande, die Präsidentin der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, kurz BTU, sieht große Vorteile für ihre Institution. Gerade jetzt, da auf dem Campus der Science Park Lausitz nach dem Vorbild von Adlershof entstehen soll. "Wir kommen durch die Prozesse, die hier gerade passieren wirklich in ein ganz anderes Fahrwasser", sagt sie.

"Man könnte fast sagen, die Universität wird in wenigen Jahren auch in einer anderen Liga spielen. Einfach durch die Veränderung, die in unserer eigenen Organisation passiert. Auch hier am Standort passiert etwas: eine große Verdichtung von Wissenschaft, von Innovation, von auch jungen Leuten mit einem entsprechenden Mindset, mit Motivation, Engagement, Weltoffenheit." Sie hält es für eine grandiose Chance, wenn man Cottbus als das Ende in der Lausitz mit einem Korridor mit Berlin-Adlershof verbinden könnte.

Einer, der schon seit vielen Jahren von Cottbus nach Berlin zur Arbeit pendelt, ist Frank Wittwer. Voriges Jahr musste er coronabedingt ins Homeoffice wechseln. Noch arbeitet er von daheim aus, aber langsam tastet er sich an das für ihn beste Arbeitsmodell heran.

Die Bahnverbindung muss schneller werden

"Es fehlt jetzt auch der soziale Kontakt, und alles geht eben doch nicht übers Internet. Der persönliche Kontakt ist doch hin und wieder nützlich", erzählt er. Er könne sich gut vorstellen, die Hälfte der Zeit im Homeoffice zu arbeiten – und zwei, drei Tage in der Woche vor Ort in Berlin.

Wittwer stellt mit seinem bald auf die Hälfte reduzierten Pendeln eigentlich den Paradearbeitnehmer im künftigen Innovationskorridor Berlin-Cottbus dar.

"Ich glaube, dass das was Gutes ist", findet er. Auch nach über einem Jahr Arbeiten im Homeoffice fällt es ihm noch schwer, Privates und Dienst zu trennen, erzählt er. "Dann wirklich zu sagen: Jetzt ist Feierabend, Rechner zuklappen, also das gelingt mir noch nicht so." Gäbe es einen Co-Working-Space in der Nähe, würde ihm diese Trennung besser gelingen, vermutet er.

Wesentliches Merkmal der Innovationskorridore soll eine rasche Verbindung sein. Die Strecke zwischen Berlin und Cottbus werden künftig die ICEs mit Tempo 200 befahren. Dann wird sich für Frank Wittwer die Fahrzeit ins Büro von derzeit noch zwei Stunden auf 45 Minuten verkürzen.

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