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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.04.2009

Plädoyer für einen "humanistischen Islam"

Elham Manea: "Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte", Verlag Herder, Freiburg 2009. 200 Seiten

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Der Islam muss sich dringend reformieren, meint Elham Manea. (AP)
Der Islam muss sich dringend reformieren, meint Elham Manea. (AP)

Die Schweizer Politikwissenschaftlerin Elham Manea prangert in ihrem vor kurzem erschienenen Buch "Ich will nicht mehr schweigen" die Reformunfähigkeit der islamischen Welt an und fordert ein massives Umdenken im religiösen Bereich, damit auch im gesellschaftlichen und sozialen Leben der Muslime Veränderungen eingeleitet werden können. Einige Tabubrüche nimmt sie dabei in Kauf.

Es ist ein Anruf, der das Leben von Elham Manea verändert. Als eine Freundin sie fragt, ob sie bereit sei, in der Schweiz ein "Forum für einen fortschrittlichen Islam" ins Leben zu rufen und somit einen Ort zu schaffen, an dem ohne Tabus eine selbstkritische Diskussion über die Integration des Islam in Europa geführt werden könne, ist sie hellauf begeistert.

"Dieses Forum konnte eine säkulare Stimme in die Debatte einbringen, die um den Islam entfacht war, eine Brücke zwischen der Mehrheit und der Minderheit bilden und gleichzeitig eine Plattform für eine kritische Diskussion über die vorherrschenden Interpretationen des Islam darstellen."

Für die Tochter eines jemenitischen Vaters ist dies die Gelegenheit, ihr jahrelanges Schweigen zu den Missständen in der islamischen Welt zu durchbrechen und Reformen im Islam anzumahnen. Durch den Diplomatenstatus ihres Vaters hat sie in vielen Ländern der arabischen Welt gelebt und somit einen genauen Einblick in die dortigen gesellschaftlichen Realitäten bekommen, die gekennzeichnet sind durch die vorherrschende patriarchalische Interpretation des Islam:

"Wäre ich ein Mann, hätte ich vielleicht eine andere Herangehensweise an die arabische Gesetzgebung oder an die Religion. Vielleicht würde ich dann gar nicht die Ansicht vertreten, dass Reformen nottun. Die Gesetze bevorzugen den Mann, insbesondere in familiären Angelegenheiten, und die landläufige religiöse Interpretation von heute vermittelt die Botschaft, das der Islam eine männliche Domäne ist."

Durch die weltoffene Einstellung ihres Vaters wird ihr kritischer Blick zudem geschärft. Die eintreffenden Ereignisse des 11. September und die durch muslimische Attentäter verursachten Anschläge treiben sie dann in eine Glaubenskrise, da sie Schwierigkeiten hat, die islamisch motivierten Taten der Terroristen mit ihrem Glauben gleichzusetzen. Eine kurze Zeit lang überlegt sie sogar, zum Christentum zu konvertieren.

Doch sie besinnt sich auf ihre religiösen Wurzeln und plädiert fortan für einen "humanistischen Islam", wie sie ihn nennt, der von den Prinzipien der Vernunft bestimmt wird - als eine Alternative zum politischen Islam, dessen konservative und fundamentalistische Interpretation die islamische Welt ihrer Meinung nach beherrscht und einengt. Nur wenn die Muslime sich von allen existierenden Denkverboten zu lösen versuchten, seien sie in der Lage, nötige Reformen anzustoßen.

Auf dieser Grundlage entwickelt Elham Manea in ihrem Buch einen ganzen Strauß an Tabubrüchen. Sie hinterfragt mutig und offen Themen, wie es bislang noch kein muslimischer Autor im deutschsprachigen Raum getan hat. Sie kritisiert die mangelnde Religionsfreiheit in der islamischen Welt sowie die untergeordnete Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft. So plädiert sie dafür, dass Muslime ihren Glauben selber bestimmen dürfen, denn "um an etwas zu glauben, muss man die freie Wahl haben, es zu tun".

Als "aufgeklärte" Muslimin plädiert sie dafür, dass Männer und Frauen nicht räumlich getrennt, sondern miteinander - auch nebeneinander! - in einem Raum beten dürfen, und dies nicht, wie von den Autoritäten festgelegt, fünf Mal am Tag, sondern zweimal, wie es der Koran erwähnt. Frauen dürften dies auch während der Menstruation und ohne Kopftuch tun, entgegen der bislang festgelegten Regeln. Die gesetzlichen Vorschriften der Scharia lehnt sie ab, da sie den allgemeinen Menschenrechten widersprächen, die für sie normativen Charakter haben:

"Die Menschenrechte, wie wir sie heute verstehen, waren nicht ihr Anliegen, obwohl jede Religion ihr Bestes versuchte, um den Benachteiligten das Leben zu erleichtern. Letztlich wäre es merkwürdig, zu erwarten, dass die Religionen bereits in der Zeit ihrer Entstehung jene klare Vision von Menschlichkeit boten, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts vollständig entwickelt wurde."

Elham Manea verurteilt das koranisch festgelegte Recht der Männer, Gewalt gegen ihre Frauen anzuwenden, und betont die Freiheit der Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen. Und letztendlich wagt sie sich in ihrem fesselnd zu lesenden und mit klugen Argumenten gespickten Plädoyer an den größten Tabubruch in der islamischen Welt überhaupt: Sie spricht dem Koran, nach Überzeugung der Muslime das wortwörtlich offenbarte Wort Gottes, eben genau diesen göttlichen Charakter ab und erklärt ihn zu einem von Menschen erschaffenen Werk. Auch wenn sie damit Grenzen überschreitet und so manch liberal denkendem Muslim vor den Kopf stößt, so ist für sie doch die Freiheit der Denkens das oberste Gebot innerhalb einer freien Diskussion über die religiösen Dogmen:

"Die Koranverse in Frage zu stellen, ihren Inhalt genau zu untersuchen und kritisch zu hinterfragen, ist jedoch genau das, was wir tun müssen, wenn wir eine wirksame Reform des Islam in Angriff nehmen wollen."

Orthodoxe Muslime werden das Buch bei der Lektüre schnell zur Seite legen, zu offen, zu kritisch sind die Gedankengänge, die Manea entwickelt. Dabei sind alle Argumente gut und wissenschaftlich begründet. Schnell wird klar, dass hier eine Autorin am Werk ist, die ihr Thema sehr gut kennt und darüber hinaus persönlich engagiert ist, aber immer die Übersicht behält und sich nicht emotional verrennt. Gerne würde man in Zukunft mehr von ihr lesen und hören. Ob es dazu kommt, werden die Leser entscheiden. Auch in Deutschland sind die liberal denkenden Muslime in der Mehrheit, eine schweigende Mehrheit. Noch. Eine Lektüre des Buches von Elham Manea könnte dies vielleicht bald ändern.

Rezensiert von Abdul Ahmad Rashid

Elham Manea: Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte
Aus dem Englischen von Maria Buchwald
Herder Verlag, Freiburg 2009
200 Seiten. 17,95 Euro

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